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Analyse der Sozialverhältnisse des landsässigen Adels am Beispiel Tirols

von Hans Hochenegg

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Hochenegg, Hans: „Analyse der Sozialverhältnisse des landsässigen Adels am Beispiel Tirols“, nach: Studien zur Rechts-, Wirtschafts- und Kulturgeschichte Bd. VIII, Innsbruck 1972, in: WIKIa Szlachta [Onlinefassung]; URL:http://www.de.szlachta.wikia.com/, Zugang .. . .. . 201. .

Der Aufsatz von Hans HOCHENEGG: - "Der Adel im Leben Tirols - Eine soziologische Studie", in Studien zur Rechts-, Wirtschafts- und Kulturgeschichte Bd. VIII, Innsbruck 1972, gibt anschaulich, aber dennoch konkret und mit vielen Zahlbeispielen die Sozialstruktur auf dem Lande im Verlauf der Jahrhunderte wieder. Auch wenn seine Analyse sich auf Tirol bezieht, ist sie vielfach auch auf die Verhältnisse in der Adelsrepublik anwendbar und stellt den Prozess der Verarmung weiter Teile der Szlachta dar. Die im Aufsatz geschilderten Verhältnisse trafen genau die Situation in der Res Publica und wurden durch die Realteilung und große Entfernungen bei schlechterer Infrastruktur nur verschärft. Aus diesem Grund ist der Aufsatz auch für die Personen von großem Interesse, deren Aufmerksamkeit nicht Tirol und Österreich gilt. Die Redaktion.

Der Adel im Leben Tirols

Die patriarchalischen Lebensumstände der Großväterzeit sind zwar vorbei, der Adel selbst ist durch die nivellierende Welle der Zeitströmung um jeden Einfluss gekommen, immer aber wird man der Leute bedürfen, denen das Gemeinwohl wichtiger ist als eigener Gewinn! Früher wurde der Adel immer wieder durch eine Auslese aus dem Bauern- und Bürgertum verjüngt. Die dem Blute nach Edlen, die ihrem Herzen nach Edlen, müssen auch in kommender Zeit jene Kulturmission fortsetzen, die seinerzeit so viele Adelsherrn als Führer und Berater ihrer Mitbürger beseelt hat!

1. Die Entstehung des Adels

Obwohl sich unsere Studie mehr mit neuzeitlichen Verhältnissen befaßt, scheint es notwendig, das Entstehen des Adels und im besonderen die Geschichte des tirolischen Adels in Kürze zu schildern. Die Menschen verliehenen körperlichen und geistigen Fähigkeiten sind ungleich verteilt. Dies führte dazu, daß kraftvolle Persönlichkeiten andere Menschen zu ihren Untertanen machten und daß Schwache den Schutz der Stärkeren suchten. Als Söhne von Gottheiten betrachtet ragten Herrenmenschen als Stammführer über die Masse des Volkes hinaus. Schon aus Machtpolitik verbanden sich ihre Familienangehörigen mit Sprossen ähnlicher Herkunft. So bildete sich eine gehobene Schicht, in der sich Herrschereigenschaften vererbten.

In Kriegen und bei politischen Umstürzen war es immer schon Brauch die Elite der Unterlegenen zu beseitigen,um jene Elemente auszuschalten, die den neuen Machthabern im Wege standen. So kann angenommen werden, daß nur wenige edle Familien aus der romanisierten Urbevölkerung Tirols die Stürme der Völkerwanderungszeit überdauert haben. Gänzlich ausgerottet oder entmachtet waren sie nicht; dies geht aus der bekannten großen Güterschenkung des Breonen QUARTINUS an das Stift Innich im Jahre 828 hervor [1].

Josef EGGER unterscheidet in seinem Werk: "Die Tiroler und Vorarlberger" [2], dem ich hier im wesentlichen folge, fünf Perioden der Entwicklunge des tiroler Adels.

Während des ersten Zeitraumes, etwa bis zum Ende des 13. Jahrhunderts, spielten Edle aus dem Stand der Gemeinfreien, die durch Erwerb größeren Grundbesitzes Einfluß erlangt hatten, die erste Rolle. Auf ihren Besitzungen saßen zahlreiche Ministerialen. Unfreien Standes gehörten diese zur Familie ihres Herrn. Ihr Dienst war ritterlich: Gefolgschaft im Krieg und Verwaltung von Gütern und Burgen. Sie gewannen im Verlauf der Zeit immer größere Freiheit und größere Rechte ihren Herrn gegenüber. Allmählich schwand der Unterschied zwischen Ministerialen und dem zusammengeschmolzenen alten Adel.

Die zweite Periode, das 14. und 15. Jahrhundert, ist die Blütezeit der emporgekommenen Ministerialengeschlechter. Teils durch die Gunst, teils durch die Schwäche der jeweiligen Landesfürsten bringen sie eine Burg, eine Herrschaft nach der anderen in ihre Hände. Mächtige Adelsverbindungen, wie der Elefantenbund, bilden sich. Heinrich von ROTTENBURG verfügt über ein größeres Einkommen als der Landesfürst. Es kommt zum Kampf mit der landesfürstlichen Gewalt. [[|Herzog]] FRIEDRICH mit der leeren Tasche (1406-1439) bricht die Macht des Adels. Die stolzen Rittergeschlechter müssen auf ihr Fehderecht verzichten und sich dem Landesfürsten unterordnen.

In der dritten Periode, die mit dem Regierungsantritt des Königs MAXIMILIAN, 1490, beginnt und mit dem Aussterben der eigenen Regentenlinie, 1665, schließt, bildet sich der Beamtenadel. Durch die Gunst des Fürsten lassen sich ältere Geschlechter in Anerkennung treuer Dienste höhere [[|Titel]]verleihen. Neuer Adel wird vom Kaiser, vom Landesfürsten und von den Bischöfen des Landes verliehen. Im Grunde genommen war es nur zum Vorteil des Standes, wenn er durch verdiente, tüchtige Männer frischen Zuwachs erhielt. Immer wieder aus dem Volk ergänzt blieb der Adel stets mit dem Volk verbunden. Freilich war die Zahl der Nobilitierungen unverhältnismäßig hoch. Allein vom Landesfürsten Erzherog FERDINAND II (1567-1595) kennt man 102 Adelsdiplome. Von den 355 Schlössern und Adelssitzen, die es um das Jahr 1620 in Tirol gab, lagen fast alle, von den 142 Herrschaften, Gerichten, Burgfrieden, Hofmarken die Mehrzal in Händen des Adels.

Hofämter, Kriegsdienste, Bergbau eröffneten neue Einnahmequellen. Sie führten vorübergehend zu einer Zeit höchsten Glanzes des adeligen Lebens; in einem zum Großteil unwirklichen Gebirgsland vermochte sich freilich niemals der gleiche Reichtum zu entwickeln wie in anderen Ländern. Schon bei der übergroßen Zahl adeliger Familien konnte das durchschnittliche Vermögen nicht allzu hoch sein. Tatsächlich zeigten sich bald Zeichen des Abstiegs. Weltwirtschaftliche Veränderungen, Versiegen des Bergsegens, Folgen der Reformation und Gegenreformation, erhöhte Landessteuern und Umlagen, übermäßiger Aufwand, Besitzzersplitterung zwangen zum Auswandern oder zu Gutsverkäufen. Burgen wurden zu Ruinen.

In der vierten Periode vom Ende des Innsbrucker Hofes, 1665, bis zum Regierungsantritt von Kaiser JOSEF II, 1780, behauptete nur der Südtiroler Adel seine wirtschaftliche und politische Selbständigkeit. Die Nordtiroler und die aus dem Süden nach Nordtirol ausgewanderten Adelsfamilien suchten ihr Auskommen fast ausschließlich durch Beamtendienste. Der finanzielle Niedergang des Adels äußert sich aus dem Zusammenschrumpfen der ohnehin seltenen größeren Familienvermögen auf einen Bruchteil des einstigen Umfangs.

Den Instanzenschematismen, nämlich den Amtskalendern aus dem 18. und dem frühen 19. Jahrhundert, kann man die auffallend große Zahl von Adeligen entnehmen, die sich mit bescheidenen Kanzleidiensten begnügen mußten. Höhere Stellen waren mit qualifizierten Kräften besetzt: man findet sowohl adelige wie bürgerliche Namen. Adelsherren auf leitenden Posten, die ihren Dienst pflichteifrig und gewissenhaft versahen - und man hört ungleich mehr von tüchtigen Betreuern der anvertrauten Ämter als von Versagern! - konnten der Allgemeinheit weit größere Dienste leisten als der unabhängige Gutsherr, dessen Wirkungskreis nicht über seinen Burgfrieden hinausging! Allerdings muß ich meinen späteren Ausführungen vorgreifen: dem unabhängigen Adelsherrn fielen meistens so viele Ehrenämter zu, daß er der Öffentlichkeit genau so diente wie ein Berufsbeamter!

In der letzten, bis zur Gegenwart reichenden fünften Periode schwanden Macht und Vermögen des Adels noch mehr; der Zahl nach blieb er unverhältnismäßig groß. Nach dem Bevölkerungsstand im Jahre 1788 gab es in Tirol 3092 adelige Personen, durchschnittlich je eine auf 200 Landesbewohner. Im Bozner Kreis aber traf es auf nur 128, im Stift Trient auf 126 Einwohner schon je einen Adeligen.

Josefinische Reformation, Verfügungen aus der Zeit der bayrischen Herrschaft, Vermögensverluste in den Napoleonischen Kriegen, vor allem durch die damalige Geldentwertung, später durch die Grundentlastung und den berüchtigten Bankkrach von 1873, der vornehmlich Adelige traf, hatten schonn vor dem Ersten Weltkrieg zum Verarmen berühmter Familien geführt. Für manche ihrer Mitglieder war der hochklingende Titel alles eher als ein Vorteil; er erschwerte ein Eingliedern in bürgerliche Erwrbstätigkeit.

Wer aus diesem kurzen Überblick Einsicht in die wenig rosige materielle Lage des Tiroler Adels gewonnen hat, wird sich in den folgenden Kapiteln, geschilderten Kulturleistungen umsomehr würdigen können! CHARAKTERSTÄRKE, HEIMATLIEBE, SOZIALE HILFSBEREITSCHAFT GEDEIHEN BESSER AUF KARGEM BOGEN ALS AUF ÜPPIGER WEIDE!

Noch sei ein Blick auf die Organisation des heimischen Adels geworfen! Er ist schon seit Jahrhunderten in der "TIROLER [[|Adelsmatrikel]]" zusammengeschlossen [3]. Dieser Ausdruck bedeutete ursprünglich ein Verzeichnis der landständischen Familien und ihrer Angehörigen. Erst später ging der Name über auf die Organisation des Adels.

Als Grundlage gilt die Teilnehmerliste an einem angeblich am 5.IX.1361 abgehaltenen Landtag [4]. Jakob Andreas von BRANDIS hatte sie in seiner Geschichte der Landeshauptleute von Tirol und Franz Adam Graf Brandis in seinem "Tiroler Ehrenkräntzl" (Bozen 1678) aus einem nicht mehr vorhandenen Schriftstück mitgeteilt. Von den darin genannten 122 Familien blühen heute noch acht. Zum erstenmal tauchte der Ausdruck "Matrikel" auf, als die Familien verlesen wurden, die zum Meraner Landtag vom 16.XI.1444 geladen wurden. Endgültig entstand die "Adelsmatrikel" erst, als die durch entsprechenden Grundbesitz zur Teilnahme am Innsbrucker Landtag vom 21.I.1518 berechtigten, ja verpflichteten Adeligen von amtswegen in einem Buch eingetragen wurden.

Die vorzüglichsten Privilegien des landständischen Adels waren: Sitz und Stimme im offenen Landtag bei einem Mindestalter von 16 Jahren, Vorrang vor nicht immatrikulierten Adeligen, Recht auf Anstellung in Zivil- und Militärdiensten, Zollfreiheit, eigener Gerichtsstand vor dem adeligen Hofgericht in Bozen, das kleine Jagdrecht, das Recht des Waffentragens, des Tragens der roten Uniform und des Abzeichens der Matrikel mit dem Tiroler Adler usw. Das aus Aufnahmetaxen und dergleichen angesammelte Kapital der Adelsmatrikel diente dazu, um in Not geratenen Mitgliedern "Ritterhilfe" zu gewähren.

Die Adelsmatrikel wurde mit 22.XI.1882 als Tiroler "Adelsmatrikel-Genossenschaft" ein Verein im Sinne des Vereinsgesetzes, sie überdauerte alle politischen Veränderungen. Seit dem 1.IV.1950 lautet ihr neuer Name "TIROLER MATRIKEL-STIFTUNG"; ihre Ziele und Aufgaben sind unverändert geblieben.

Die Stiftung besitzt teils durch hochherzige Widmungen, teils durch Ankauf mehrere Liegenschaften, darunter das Geburtshaus Andreas Hofers zu Sanz im Passeier. Aus deren Ertrag kann sie bedrängten Standesgenossen helfen und auch ihr Archiv pflegen als eine hochbedeutsame Quellensammlung zur Geschichtskunde und zur Landesgeschichte Tirols.

HOCHENEGG, Hans - "Der Adel im Leben Tirols - Eine soziologische Studie", in Studien zur Rechts-, Wirtschafts- und Kulturgeschichte Bd. VIII, Innsbruck 1972.

 

2. Grundherr und Bauer

Wilhelm Heinrich RIEHL (1823-1897) sagt in seinem Buch: "Die bürgerliche Gesellschaft" [1]:

Der Adel ist gleich dem Bauern ein leibhaftiges Stück Geschichte, das in die moderne Welt ragt. Der Bauer weiß nicht, wer seine Vorfahren waren, aber ihre Sitten leben in ihm. Der Adel kennt seine ganze Geschichte und wenn es auch nur die trockene Familienchronik eines Stammbaumes wäre. Er ist aus diesem Gesichtspunkt ein Bauerntum in höchster Potenz ... DER ECHTE ADEL UND DER ECHTE BAUER VERSTEHEN SICH GEGENSEITIG AM BESTEN. Die geschichtlichen Überlieferungen über die früheren Verhältnisse der Bauern zu ihren Gutsherren klingen gemeiniglich gar nicht darnach, als ob sie eine besondere Vorliebe für diesen Stand erwecken könnten. Und dennoch blickt der Bauer weit seltener mit Neid auf den adeligen Gutsherrn als der Bürger auf den Baron. Sie wissen, daß ihr Interesse im Großen und Ganzen auf eines hinausläuft.

Hermann WOPFNER (1876-1964) schildert in seinem Werk "Die Lage Tirols am Ausgang des Mittelalters" [2] die in Tirol herrschenden Besitzverhältnisse: Der Großteil des Bodens war nicht Eigentum der Bauern. Obwohl sich bäuerliches Eigen während des ganzen Mittelalters erhalten hat, waren zwei Drittel des Kulturlandes einer Grundherr- schaft unterworfen. Größter Grundherr war der Landesfürst, etwa 25 % der Parzellen waren geistlicher Besitz. Der Großgrundbesitz des Adels beruhte vielfach auf Lehensverleihung durch den Landesfürsten oder die Kirche.

Die Grundherrn hielten nur einen geringen Teil ihres Grundbesitzes in eigenem Betrieb zurück. Schon wegen der Streulage ihrer Liegenschaften war eine Eigenwirtschaft erschwert. Daher wurden die Güter zum Großteil Bauleuten überantwortet; diese kamen durch die Leihverhältnisse vielfach in persönliche Abhängigkeit von den Grundherrn und waren ähnlich den noch da und dort anzutreffenden Leibeigenen sozusagen an den Hof gebunden. Die Fesseln scheinen sich in Tirol allerdings schon früh gelockert zu haben dank der bauernfreundlichen Politik seiner Fürsten. Besonders MEINHARD II. (1271-1295) begünstigte die Bauern [3].

Als radikale Gegenaktion gegen jene sich ausbreitende Freizügigkeit bezeichnet Albert JÄGER (1801-1891) die Landesordnung von 1352 [4]. Ein Ausländer, der Gemahl der Erbin Tirols Margarethe Maultasch, nämlich LUDWIG DER BRANDENBURGER, hatte sie unter dem Einfluß seines Hofmeisters Herzog KONRAD VON TECK erlassen; beide gedachten wohl die in ihrer eigenen Heimat herrschenden Verhältnisse auch in Tirol einzuführen! Sie wollten nach Jägers Worten die allzu selbständig gewordenen Bauleute in den Zustand der strengsten Abhängigkeit von den Grundherrn, "ja fast unter ihre Willkür", zurückversetzen!

Die in den Jahren 1348 und 1349 vorausgegangene Pest und die damit verbundenen Bevölkerungsverluste hatten Anlaß oder Vorwand gegeben, um dem Veröden von Bauernhöfen mit Zwangsmaßnahmen entgegenzutreten. Daher war bestimmt worden, daß Bauleute ohne Zustimmung der Grundherrn ihr Gut nicht verlassen durften und mit Hilfe landesfürstlicher Richter zurückgefordert werden konnten.

Am 26. Jänner 1363 trat die verwitwete und nach dem frühen Tod des einzigen Sohnes ihres natürlichen Erben beraubte MARGARETHE MAULTASCH ihr Land den Habsburgern ab "im Namen und anstatt aller Geistlichen und Weltlichen, Edlen und Unedlen, Armen und Reichen, in Städten und auf dem Lande, die zu dem Fürstentum und der Grafschaft Tirol gehören" [4a]. Die neuen Landesherrn gaben den Bauleuten wieder größere Bewegungsfreiheit. Herzog Rudolf IV. erlaubte Leuten jeder Art, seien es Eigen-, Vogt- und Gotteshausleute, den Zuzug in die Städte; er verbesserte auch ihr Erbrecht [5]. Die Landesordnung des Herzogs LEOPOLD IV. aus dem Jahre 1404 ermöglichte den Wegzug der Bauleute nach anderen Höfen, wenn sie Ersatzleute stellten. Dieser größeren Freizügigkeit entspricht es, daß im Verzeichnis der landesfürstlichen Eigenleute aus dem Jahr 1427 "nicht mehr die leibherrliche Abhängigkeit, sondern der allgemeine Untertanenverband im Vordergrund steht" (Franz HUTER).

Die Landesordnung von 1404 hatte auch Versuchen der Grundherrn, das bäuerliche Besitzrecht zu verschlechtern, durch Fixierung des Erbbaurechtes wirksam vorgebaut. Es gab nämlich zwei Arten der Vergabe von Pachtgütern: das mehr in Bayern verbreitete Freistiftrecht mit alljährlicher Erneuerung des Pachtvertrages. Dabei waren Zinserhöhungen möglich, doch führte es zu einem Raubbau, weil sich Gutsverbesserungen auf lange Sicht nicht lohnten. Wegen dieser beide Seiten schädigenden Nachteile war der Erbleihevertrag vorherrschend. Er verpflichtete den Übernehmer eines Gutes zu bestimmten, aber nicht erhöhbaren Leistungen und zum Einholen der grundherrlichen Genehmigung, falls Verkauf, Teilung oder Belastung des Pachtgegenstandes in Frage kamen, er sicherte ihm aber ein dauerndes, vererbbares Besitzrecht und den Schutz des Grundherrn in wirtschaftlichen Schwierigkeiten.

Durch die Landesordnung von 1404 war festgesetzt, daß bei Klagen gegen den Grundherrn der Richter zuständig war, in dessen Bezirk der Baumann hauste. Weil aber der Grundherr in den seltensten Fällen zugleich Gerichtsherr war, traf die ihm unabhängig gegenüberstehende landesfürstliche Behörde in den meisten Fällen die Entscheidung.

Bis zum Beginn der Neuzeit hatte sich das Erbbaurecht zu einem nur mit einer bescheidenen fixen Rente belasteten Eigentum entwickelt. Beim Großteil der tirolischen Bauern handelte es sich um Erbpächter; ihre Lage war aber gewiß nicht ungünstig!

Das rein vermögensrechtliche Verhältnis zwischen Grundherrn und Bauern bedingte keine persönliche Abhängigkeit oder Unfreiheit wie im Osten Österreichs. Schon im Mittelalter kam die Freiheit der Tiroler Bauern durch die Teilnahme an der Landesregierung zum Ausdruck. Bauern und Bürger waren im Landtag neben dem Adel und der Geistlichkeit als gleichberechtigte Stände vertreten; sie beschlossen gemeinsam über Bewilligung und Verwaltung von Steuern und über die Organisation der Landesverteidigung. Gemeinsam wachten sie auf das Einhalten der alten, aus urvordenklichen Zeiten stammenden Landesrechte, die das Haus Habsburg bei der Übernahme des Landes im Jahre 1363 ausdrücklich bestätigt hatte [5a].

Hermann WOPFNER sieht die Ursache des Tiroler Bauernkrieges von 1525 weniger in grundherrlichen Lasten, sondern hauptsächlich in der religiösen und politischen Gärung jener Zeit. Otto STOLZ (1881-1957) setzt in seiner "Rechtsgeschichte des Bauernstandes und der Landwirtschaft in Tirol und Vorarlberg" [6] Kapitelüberschriften wie: "DIE GÜNSTIGE GESTALTUNG DES BÄUERLICHEN GRUNDBESITZRECHTES IM 16. BIS 18. JAHRHUNDERT" und "KEINE KLAGEN ÜBER DIE GRUNDLASTEN IM 17. UND 18. JAHRHUNDERT".

In seiner "Geschichte der Hofmark Wilten" [7] schildert Otto STOLZ Verhältnisse, die sowohl bei weltlichen wie geistlichen Grundherrn zutrafen: (S. 77) "Wirkliches Grundeigentum wahrte das Stift nur an jenem Boden, den es in Eigenbetrieb bewirtschaftete. Die Beliehenen (die Bauleute) errangen mit der Zeit Rechte, die vom Eigentum praktisch nicht mehr weit entfernt waren. Sie genossen den Grundherrn gegenüber den Schutz der Gerichte. Der Grundherr hatte schließlich vom Gute nichts mehr als den Bezug des Zinses, fast wie ein Recht an einer fremden Sache".

Meine derzeitigen Studien über die Höfe der Gemeinden Thaur, Absam und Heiligkreuz bestätigen, daß die grundherrlichen Abgaben vom Anfang an bescheiden waren und soweit sie in Geld zu leisten waren, mit der fortschreitenden Geldentwertung immer geringer wurden. Was an Roggen oder Gerste abzugeben war oder die ein bis zwei Kapaune oder Hühner, auch die 20 bis 30 Eier konnte man der eigenen Wirtschaft entnehmen, ohne dafür Geld auszugeben.

Auch die Laudemien, die Abgaben bei Besitzveränderungen, sei es Verkauf oder Erbschaft, waren erträglich im Vergleich mit der heutigen Steuerlast, die nur in Geld abzustatten ist.

Aus den Urbaren und Katastern, die alle auf Höfen, Äckern oder Waldteilen liegenden Verpflichtungen aufzählen, geht die günstige Lage des Tiroler Bauernstandes hervor. Soweit der Gutsbestand nicht verändert wurde, sind durch Jahrhunderte dieselben Ansätze genannt.

Ich beschränke mich auf drei Beispiele aus dem um das Jahr 1780 angelegten Theresianischen Kataster von Thaur und Heiligkreuz [8]. Die seinerzeit allgemein gebrauchten Abkürzungen bedeuten: xr = Kreuzer, fl. = Florentiner, nämlich Guldenstück nach dem Gepräge von Florenz.

Vom jetzigen Haus, Thaur Nr. 12, "Beim Weinschreiber" (Bauparzelle 73, Einlagezahl 36/11), ist vermerkt: Zl. 495, Georg Hauser besitzt eine Behausung mit Nr. 722. Grundzins an den Grafen Joseph Siegmund, jetzt Johann Karl von FÜEGER: 34 Kreuzer, 2 Hüner, 20 Eyer".

Die in der Bibliothek des Landesmuseums Ferdinandeum liegenden Urbare der Fieger von Friedberg aus den Jahren 1542 und 1544 schreiben: "Bastian Schanndl zinst von einer Behausung, Hofstatt und Gartten, so von Sigmundt Osterlechner herrürt, 2 Hüner, 20 Eyer, 2 Pfund 10 xr".

Weil das Pfund Perner 12 Kreuzer zählte, waren dieselben 34 Kreuzer so wie im Jahre 1542 noch bis zur Grundentlastung nach dem Jahr 1848 unverändert weiterzuzahlen!

Weiter ist das jetzige Haus Nr. 14, der Geschlossene Hof "beim Stampfl" (Bauparzelle 75, Einlagezahl 7/I) verzeichnet: Zl. 1250, Matthias Posch besitzt eine Behausung mit Nr. 723, zinst an den Grafen FÜEGER 22 xr".

In den genannten Urbaren von 1542 und 1544 heißt es: Sigmundt Eisenhueber zinst von einer Behausung, Hofstatt und Gartten zu Thaur im Dorff an der Behausung bey der Aich gelegen 1 Pfund 10 xr". Das sind die im Theresianischen Kataster genannten 22 Kreuzer!

Derselbe Katasterband bringt im Verzeichnis der Güter zu Heiligkreuz, vormals Gampas, ein besonders augenfälliges Beispiel, zugleich einen Hinweis wie ergebnisreich der Vergleich der alten Güterbeschreibungen für die Höfe- und Familienforschung ist.

Die Liegenschaft der Freiherrn von FRANCKENSTEIN, Reimmichlstraße 23, "beim Medl" (Bauparzelle 220, Einlagezahl 18/11, alte Hausnummer 11, hat ihren Namen von einem Vorbesitzer Romed Rantner, dem sie im Jahre 1818 eingeantwortet wurde. Der Theresianische Kataster schreibt: "Zl. 54, Kilian Rantner besitzt eine Behausung mit Nr. 320. Grundzins an den Pfarrwidum zu Axambs 1 fl. 36 xr".

Im Tiroler Landesregierungsarchiv in Innsbruck liegen Photokopien der Axamer Kirchenurbare [9]. Auf fol. 2 des Urbars von 1484 steht geschrieben: "A.S. Crucem: Item predium Berhardi Schulers, quod hodie in feudum habent FUEGER de Hall, Ib. VIII (Zu Heiligkreuz, ebenso das Gut des Bernhard Schuler, das heute zu Lehen haben die Fueger von Hall, 8 Pfund)". 8 Pfund Perner zu je 12 Kreuzer sind 96 Kreuzer. Weil der Gulden bis 1858 60 Kreuzer zählte, sind das, wie vorhin erwähnt, 1 Gulden und 36 Kreuzer!

Der nächste Band des Kirchenurbars aus dem Jahre 1566 besagt: "Hans Oegge zinst von den Güettem, die vormalen Oswalt Müntzer anstatt seiner Muetter (innehatte), so die Hub und Güetter zur Hl. Kreuz gelegen zu Gampas, welche von FUEGERN herrüerent und vormalen Bernhart Schueller und Sigmundt Schaffer innegehabt 1 fl. 36 xr".

Der Niedergang des Geldwertes in den vierhundert Jahren zwischen etwa 1450 und 1850 läßt sich am besten durch einen Vergleich der Arbeitslöhne beleuchten. Hall war im Jahre 1447 abgebrannt. Beim Wiederaufbau der Stadtbefestigungen erhielten im Jahre 1459 die Mörtelträger einen Taglohn von 3 Kreuzem, die Maurer und Zimmerleute je 4 Kreuzer im Tag. 1496 erhielten die Tagwerker im Dienste der Stadt durchschnittlich 5 Kreuzer Taglohn. Der Verdienst des Mörtelrührers stieg von 5 auf 6 Kreuzer [10]. Aus ererbten Familienschriften kann ich diesen Zahlen spätere Eintragungen gegenüberstellen. Zu Beginn des vorigen Jahrhunderts führte nämlich der Besitzer des Ingramschlößls am Innsbrucker Stadtsaggen, es stand an der Stelle der heutigen Polizeikaserne, Johann Andrä von INGRAM-LIEBENRAIN, mit großer Sorgfalt sein Kassenbuch. Im Jahre 1807 bezahlte er die Tagschicht der auf seinem Gut beschäftigten Hilfskräfte mit 15 bis 26 Kreuzern, die Mäher aber bekamen 36 und 40 Kreuzer pro Tag. Bei Hausreparaturen erhielten Maurer und Zimmerleute je 36 Kreuzer im Tag. Auch mein Urgroßvater, Johann Andräs Neffe und Erbe, der Kaiserjägerhauptmann Johann Kaspar von Ingram zu Liebenrain (1784-1850) führte getreulich Buch über seine Einnahmen und Ausgaben. Als er im Jahre 1839 Dachreparaturen durchführen ließ, bekamen die Handlanger 30 Kreuzer im Tag, die Zimmerleute 38-42 Kreuzer, die Maurer 38 Kreuzer, der Anstreicher aber einen Gulden, das waren damals 60 Kreuzer, täglich.

Die Geldzinse waren durch Jahrhunderte gleich geblieben, die Löhne aber auf das sechs- bis zehnfache gestiegen, dadurch der Ertrag auf einen kleinen Bruchteil herabgesunken! Jenes Mißverhältnis war in Wirklichkeit noch viel krasser, denn die Haller Stadtarbeiter hatten wohl nur die Paar Kreuzer Barlohn erhalten, während ein Gutsbesitzer seinen Hilfskräften, so wie es überall Brauch war, auch entsprechende Verpflegung zu verabreichen hatte. Besonders zur Zeit der Ernte brauchte es kräftige Kost. Was bei solchen Gelegenheiten alles verzehrt wurde, hat Otto STOLZ nach Aufzeichnungen im Wiltener Stiftsarchiv in seiner schon erwähnten "Geschichte der Hofmark Wilten", S. 80 ff., bekanntgegeben. Er schreibt zuerst davon, daß es als Rest ursprünglicher Leibeigenschaft anzusehen sei, daß alle Inhaber von Wiltener Leihgut außer dem Grundzins auch gewisse Feldarbeiten für den Maierhof des Stiftes zu verrichten hatten. "Diese Fronarbeiter bekamen an den Erntetagen eine Marende von Wein, Käs und Brot, nach dem Abschluß der Feldarbeit ein Mahl, bestehend in Brot, Wein, Kuttelflecken als Voressen, Suppe, Fleisch, Kraut, Schweinernes, Speck, Eingemachtes, Braten, Gerste und Almkäs, zu Ostern auch eigene Osterfladen". Otto Stolz bemerkte dazu, daß eine solche Bewirtung auch bei anderen Grundherrschaften üblich war. Dem Stift Wilten kamen jene Dienstleistungen jedenfalls viel zu teuer. "Damit das Stifft sich einen Nutzen verschaffen werde" verzichtete es im Jahre 1711 auf die Fronarbeit und damit entfiel die kostspielige Bewirtung.

Der altdeutsche Brauch, jede Gabe mit einer Gegengabe zu erwidern, kam nebenbei bemerkt dem Stift auch bei anderen Gelegenheiten sehr teuer; der Gratisbezug von Salz mußte den Haller Pfannhausern mit so reichlicher Bewirtung vergolten werden, daß sie auf der Heimkehr herumtorkelten wie Schiffe auf stürmischer See [11]. Auch der einer Brandschatzung ähnliche Brauch der Innsbrucker Freudenzüge nach Wilten [12] war eine schwere Belastung, die einen beträchtlichen Teil der Grundrenten auffraß.

Ein Seitenstück dazu aus dem weltlichen Bereich schildert die am 22. Oktober 1970 in ihrem 88. Lebensjahre heimgegangene Heimatschriftstellerin Frau Marie GRASS-CORNET in ihrem knapp vor ihrem Tode herausgekommenen Buch "Aus der Geschichte der Nordtiroler Bürgerkultur" [13]. Sie beschreibt die Unannehmlichkeiten und Auslagen, die ihrem Großvater aus dem Besitz des Edelsitzes Wohlgemutsheim in Baumkirchen erwachsen waren, sodaß er sich zu dessen Verkauf entschloß: "...Der geringe Pachtzins wurde vom alljährlichen Kirchweihfest aufgebraucht, das man als altüberkommene Einrichtung nicht gut abschaffen konnte. Zu diesem Tage mußten von nah und fern alle ländlichen und städtischen Honoratioren geladen und reichlich bewirtet werden. Mit einem Leiterwagen wurden das Wild und Geflügel, die Torten, sonstige Bäckereien und Sulzen von Hall nach Baumkirchen geliefert. Die warmen Gerichte hingegen bereitete man in der Schloßküche selbst...". Der im genannten Buch wiedergegebene Speiszettel aus dem Jahre 1847 nennt 15 Gänge mit ausgesuchten Leckerbissen; es mußten Fleischspeisen und Süßigkeiten in wechselnder Folge aufgetischt werden, um den Appetit der Gäste immer wieder anzuregen.

Neben jenen den Gutsertrag verschlingenden Gastereien gehörte es zu den Pflichten eines Grundherrn, seinen Pächtern im Falle einer Mißernte den Grundzins zu erlassen. Bei Brandunglücken oder Vermurungen war ein dreijähriger Nachlaß üblich. Das heutige Bankwesen kennt solche Rücksichten nicht; ich glaube nicht, daß ein Bankkredit in schlechten Jahren unverzinst bleiben dürfte!

Auch Reparaturen an verpachteten Gebäuden geschahen meistens zu Lasten des Gutsherrn, obwohl er eigentlich nur bei Neueinrichtungen herangezogen werden sollte. Ich kannte einen adeligen Großgrundbesitzer, der sich in den letzten Jahren vor dem Zweiten Weltkriege gar nicht mehr auf seinen Sommersitz in Südtirol wagte; wenn er dort erreichbar war, kamen seine Pächter der Reihe nach mit ihren Anliegen daher: hier eine eingefallene Mauer, dort ein schadhaftes Dach oder die Notwendigkeit eines neuen Stalles - statt Zinse entgegenzunehmen, sollte er nur überall zahlen!

Auch die Instandhaltung von Burgen legt deren Eigentümern schwere Opfer auf. Manche Adelsfamilien verbluten sich fast, um den Sitz ihrer Ahnen vor dem Verfall zu retten. Was die Eigentümer von Tratzberg, Friedberg, Wolfsthurn in Mareit usw. fort und fort auslegen müssen, um die Gebäude vor dem Verfall zu bewahren, könnte manchen bekehren, der mit Neid auf einen schönen Schloßbesitz schaut! Man sollte jene aufopfernden Bemühungen, um einzigartige Kulturwerke zu erhalten, von Anerkennung hervorheben!

Um falschen Anschauungen entgegenzutreten hielt ich es für notwendig, auf einige Schattenseiten des Gutsbesitzes hinzuweisen. Man könnte eine bekannte österreichische Redensart abändernd sagen: "EIGENTLICH HAT MAN NIX DAVON, ABER DAS HAT MAN G'WISS!"

Auch der geringfügige und durch allerlei Umstände beschnittene Ertrag aus verpachteten Grundstücken war nicht zu unterschätzen und hatte nebenbei seinen moralischen Wert. Er hielt Gebende und Empfangende in gewisser Hinsicht zusammen. Wenn sie sich trafen, ließ sich mancherlei besprechen, der Grundherr konnte guten Rat erteilen und von übereilten Entschlüssen zurückhalten, zum Beispiel durch Verweigern des "grundherrlichen Konsenses" bei einem beabsichtigten Verkauf von Liegenschaften oder vor allem bei Güterteilung und Belastung.

Die im Jahr 1848 erreichte Grundentlastung warf jenes patriarchalische Verhältnis um. Die Erbpächter, und das war die Mehrzahl der Gutspächter, wurden zu Eigentümern mit unumschränkter Verfügungsfreiheit; sie brauchten ihren einstigen Herrn nur eine sehr bescheiden angesetzte Abfertigung zu entrichten [14]. Ein Drittel des Grundzinses wurde außerachtgelassen, weil die Kosten des Einbebens oder die übliche Gegengabe ohnehin einen Teil der Einnahme verschlungen hatten. Zwei Drittel des Zinses wurden mit 5 % kapitalisiert. Der bisher Belastete brauchte aber nur die Hälfte davon ratenweise abzuzahlen, die andere Hälfte zahlte das Land. Trotzdem war diese Lösung nicht zu jedermanns Freude!

Ein Beispiel, wie wenig manchen Bauern daran gelegen war, etwas für ihre "Befreiung" zu zahlen, sei aus einem früher zu Salzburg gehörenden Gebiet gebracht, das erst 1816 mit Tirol vereinigt wurde. Acht Familien im Brixental waren noch um das Jahr 1800 Leibeigene des Erzbischofs von Salzburg [15]. Die männlichen Familienmitglieder hatten ihm jährlich 2 Kreuzer Leibzins zu entrichten; bei Erbübergängen mußte außerdem die beste Kuh abgeführt werden. Schon im Jahre 1795 wollte der damals regierende Erzbischof Hieronymus Graf von COLLOREDO die 139 Köpfe gegen eine Summe von insgesamt 800 Gulden freigeben, doch sie verschmähten diese Gnade und boten "für die FREIHEIT, EIN WORT, DAS SONST MILLIONEN BIS ZUR AUFOPFERUNG DES LEBENS ZU BEGEISTERN PFLEGT", nicht mehr als 511 Gulden an mit der Begründung: der Leibzins betrage nur zwei Kreuzer im Jahr und die Kühe würden erst nach dem Tode gefordert. Der Schlag treffe also nicht sie, sondern die Erben! Schließlich wurden jene Leibeigenen durch ein Hofdekret vom 24. Dezember 1807 ohne Gegenleistung freigegeben.

Bei der im Jahr 1848 durchgesetzten Grundentlastung erleichterte man den Bauern das Abstatten der Kapitalsabfindung durch langfristige Zahlungsbedingungen. Vielleicht hätten sie sonst ebenfalls darauf verzichtet, sich freizukaufen!

Jene bescheidene Abfindungssumme war von den Empfängern bald verbraucht oder verspekuliert - besonders der große Bankkrach von 1873 brachte zahlreiche Aristokraten um ihr ganzes Vermögen! - und so hatten die einstigen Grundherrn nichts mehr, weder die ideelle Verbindung mit Grund und Boden, noch einen auch noch so kleinen Zinsgenuß!

Die Grundentlastung war wie ein Schlußstrich: der Damm war geborsten, der der Landflucht der Bauern entgegenstand, und beim Adel traf ein, was der alte Wilhelm Heinrich RIEHL [16] gesagt hatte: "DEM ADEL SCHWINDET GLEICH DEM BAUERN DER BODEN UNTER DEN FÜSSEN, SOWIE IHM DIE BASIS DES GRUNDBESITZES ABHANDENKOMMT".

Eine Abhandlung über das Verhältnis des adeligen Grundherrn zum Bauern wäre unvollständig, wollte man der Frage ausweichen, ob der Adelige in steuerlicher Hinsicht besser behandelt worden sei als der Bauer.

Darüber schrieb zwar schon Tullius von SARTORI in seiner "Geschichte des landschaftlichen Steuerwesens" [17], es sei dieses schon unter der Regierung des Kaisers Maximilian I. so geregelt worden, daß es keine Bevorzugung des Adels bedeutete. Ich kann hier, wenigstens aus Napoleonischer Zeit, aus Dokumenten eigenen Besitzes belegen, daß der Adel in einzelnen Fällen sogar stark benachteiligt wurde!

Kaiser Franz II. ließ am 8. November 1796 durch seinen Hofkommissär Grafen von und zu LEHRBACH in Innsbruck ein Regulativ veröffentlichen, "nach welchem die zur Rettung des Vaterlandes bewilligte Classensteuer anzulegen und durch drey Monathe... zu heben ist" [18].

Ich hebe einige Beispiele heraus, was jeder durch drei Monate zu zahlen hatte:

 

Beyde Herren Fürstbischöfe zu Trient und Brixen

100 fl. (Gulden)

Ein Domprobst oder Domherr

16 fl. 40 xr. (Kreuzer)

Der Probst zu Innich

10 fl.

Ein vermögender Abt und Prälat

25 fl.

Einer mit mittelmäßigen Vermögen

18 fl.

Einer der geringen

12 fl.

Ein Decanus oder Pfarrer vom besseren Einkommen

4 fl.

Einer der wenigern (ärmeren) Pfarrer und Curaten

1 fl. 30 xr.

Organisten, Schulmeister und Meßner in Städten

8 xr.

Organisten, Schulmeister und Meßner am Land

6 xr.

Ein Graf von größerem Vermögen

25 fl.

Der mittelmäßigen einer

20 fl.

Der geringern einer

18 fl.

Ein Freyherr mit großem Vermögen

18 fl.

Ein Freyherr mit mittelmäßigem Vermögen

15 fl.

Ein Freyherr mit geringerem Vermögen

12 fl.

Vermögliche vom Adel, sie seyen in der Matrikel oder nicht

10 fl.

Ein anderer, so ein mittelmäßiges Vermögen hat

6 fl.

Welche aber su ihnen gar geringes Vermögen besitzen

3 fl.

Professoren, der Rechten Doctores

6 fl.

Medicinae Doctores und Apotheker (je nach Vermögen)

6 oder 4 fl.

k.k. Räthe, die nich von Adel sind (ebenso)

10, 6 oder 3 fl.

Stadt- und Landrichter (ebenso)

4 oder 3 fl.

Bürgermeister, Anwald, Rathsbüerger (ebenso)

1 fl. 30 xr. oder 1 fl.

Ein Handelsmann (ebenso)

10, 6 oder 3 fl.

Ein großer Gastgeb und Bräuer

6 fl.

Ein wirth (je nach Vermögen)

4, 2 fl. oder nur 30 xr.

Ein Metzger, Müller, Bäcker (ebenso)

5, 2, 1 fl. oder nur 30 xr.

Gemeine Inwohner, die Kein Bürgerrecht und gleichwohl ein Handwerk haben

20 xr.

Handgesellen (je nach Einkommen)

6, 4 xr.

Tagwerker, Boten

4 xr.

Ein angesehener Gerichts- oder Bauersmann, so die Arbeit nicht selbst verrichtet und gutes Vermögen hat

1 fl. 30 xr.

Ein Bauersmann von mittelmäßigem Vermögen

45 xr.

Ein geringerer Bauersmann

20 xr.

Ein größerer Bestandsmann

12 xr.

Ein gemeiner Bestands- oder Baumann

6 xr.

Ledige Bauernknechte

4 xr.

Eine Dienstdirn

2 xr.

Ein Hebräer, so größerer Handelschaft treibt

10 fl.

Ein anderer von mittelmäßigem Gewerbe

6 fl.

Der schlechteren einer

3 fl.

 

Witwen hatten im allgemeinen etwa ein Drittel der für ihre Männer angesetzten Beträge zu zahlen. Wie die Tabelle zeigt, handelte es sich um eine Kopfsteuer, die weniger nach dem tatsächlichen Einkommen als nach dem Titel der steuerpflichtigen Person festgesetzt war. Wenn der reichste Bauer nur einen Gulden und 30 Kreuzer zu zahlen hatte, der ärmste Graf aber 18 Gulden, dann kann man gewiß nicht von einer Begünstigung des Adels sprechen!

Gerechter war die im selben Dekret verlautbarte Kapitaliensteuer verteilt. Jedermann ohne Unterschied maßte für je 100 Gulden Kapital drei Raten von je 12 Kreuzern leisten. Selbstverständlich gab es daneben erhöhte Gebäudesteuern, Grundsteuern und Steuern auf die Grundrenten, wobei freilich geklagt wurde, daß Spitäler und andere gemeinnützige Stiftungen, die auf solche Einkünfte angewiesen waren, am meisten getroffen seien!

Genau nach dem Titel jener Personen, die sich amtliche Urkunden ausstellen ließen, berechnete man die Stempelgebühren. Kaiser Franz II. ließ am 5. Oktober 1802 in Wien die ab 1. Jänner 1803 in allen österreichischen Ländern geltenden neuen Stempeltarife verlautbaren [19]. Wenn für das Beurkunden von Geldgeschäften je nach der Höhe des Betrages 14 verschiedene Klassen festgesetzt sind, z.B. wenn die Summe 25 Gulden nicht überschreitet, 3 Kreuzer, wenn es sich aber um mehr als 80.000 Gulden handelt, 100 Gulden, so ist das recht und billig. Schwer verständlich ist es, daß Testamente, Reverse, Verzichte, Verträge, Vergleiche usw. so verschieden taxiert sind:

Landschullehrer, Dienstboten, Tagwerker, Soldaten und "alle Parteyen, die einer anderen Klasse nicht ausdrücklich zugewiesen sind" zahlen nach dem Tarif 2. Klasse 6 Kreuzer, Schullehrer, Kapläne, Bürgermeister, Bürger, diese alle aus untertänigen Städten, Realitätenbesitzer sofern sie untertänig sind, Wirte am Land nach dem Tarif 3. Klasse 15 Kreuzer, Schullehrer in Hauptstädten, Landpfarrer, Konzipisten, Adjunkten, städtische Wirte nach dem Tarif 4. Klasse 30 Kreuzer, Seelsorger in Hauptstädten, Offiziere, Bürger in landesfürstlichen Städten nach dem Tarif 5. Klasse 45 Kreuzer, Amtsvorsteher, Bürger in den Hauptstädten usw. nach dem Tarif 6. Klasse einen Gulden. Dann erst kommen die Adeligen und Doktoren; sie zahlen nach der 7. Klasse des Tarifs 2 Gulden, die Erzpriester, Hofräte und der [[|Ritterstand]] nach der 8. Klasse 4 Gulden, Prälaten und Geheimräte nach der 9. Klasse 7 Gulden, Grafen und Freiherrn nach dem Tarif der 10. Klasse 10 Gulden, Fürsten nach der 11. Klasse 20 Gulden.

Bauern sind gar nicht erwähnt; sie zahlten also im allgemeinen nur 6 Kreuzer, höchstens, wenn man sie als Realitätenbesitzer einschätzte, 15 Kreuzer im Gegensatz zu den Adeligen, die für gleiche Urkunden 2 bis 20 Gulden an Stempelgebühren erlegen maßten. Wo bleibt die Begünstigung des Adels?

Sogar die Kirche stufte die Stolgebühren nach dem Titel ab. Weil es heißt: "ADEL VERPFLICHTET", kam der Adel in die höchste Tarifgruppe. Ich fand eine um das Jahr 1820 niedergeschriebene Stolordnung der Stadtpfarre Hall in Tirol Drei Personenklassen sind unterschieden:


  1. Klasse: Adeliche, wohlhabende Bürger und Grundbesitzer


  1. Klasse: Mindere Beamte und Hausbesitzer


  1. Klasse: Übrige


Bei Hochzeiten waren zu zahlen (der Gulden zählte damals 60 Kreuzer):


  • Dem Pfarrer für das Brautexamen 1. Klasse 1 fl.12 xr, 2. Klasse 48 xr, 3. Klasse 24 xr


  • Dem Kooperator für die Verkündigung 1 fl.12 xr, bzw. 48 xr oder 24 xr


  • Dem Pfarrer für die Trauung 1 fl.30 xr, bzw. 1 fl. oder 30 xr


  • Der Kirche 48 xr, bzw. 36 xr oder 21 xr


  • Dem Mesner 48 xr, bzw. 36 xr oder 21 xrIn ungefährem Zusammenhang mit unserer bisherigen Darlegung steht auch ein Blick über die Geldanlagen des Adels.


Soweit das Vermögen nicht in mehr oder minder einträglichen Liegenschaften bestand, war es im allgemeinen in "mündelsicheren" Wertpapieren oder in grundbücherlich eingetragenen Hypotheken angelegt. Die Schuldverschreibungen des Staates, der Länder oder Eisenbahnen verzinsten sich durchschnittlich mit 4 bis 4,2 %. In der Kriegszeit war es patriotische Pflicht, Kriegsanleihe zu zeichnen. Sie brachte zwar 5-6 % an Zinsen ein, galt aber schon vom Anfang an als unsicher. Die Beteiligung daran war ein bewußtes Opfer! Am Schluß wurde die Kriegsanleihe allerdings ebenso zu Null wie alle anderen Staatspapiere! Aktien waren wegen ihres schwankenden Ertrages und der Möglichkeiten von Konkursen weniger beliebt. Vielleicht spielten noch Erinnerungen an seinerzeitige Verluste beim Bergbau mit an den Vorurteilen gegen eine Beteiligung an Industrie und Handel. Ausnahmen bestätigen allerdings die Regel! Auch der Adel stellte wagemutige, fachlich bestens geeignete Männer an die Spitze industrieller Unternehmungen und brachte sie zu einem gedeihlichen Aufstieg; ich verweise nur auf das Beispiel der Jenbacher Werke!

Vielfach war das Barvermögen in Form von Hypotheken angelegt. Besonders die einstens zinspflichtigen Bauern suchten in Geldnöten ihren ehemaligen Grundherrn auf, wenn sie ihn in der Lage wußten, etwas herleihen zu können. Die Verzinsung blieb im allgemeinen bei 4-4,5 %. Bankzinsen und Leistungen an gewerbliche Geldverleiher waren schon vor dem Ersten Weltkrieg etwa doppelt so hoch. Ich fand im Aufschreibbuch meines Urgroßvaters Johann Kaspar von INGRAM, daß er manchem Hilfsbedürftigen zinsenlose Darlehen gewährte.

In der Inflation nach dem Ersten Weltkrieg wurden auch grundbücherlich eingetragene Hypotheken sozusagen zu Nichts. Denn beim Verhältnis: 10.000 Papierkronen gleich einem Schilling konnte jener ursprünglich ein schönes Vermögen darstellende Betrag mit einigen Wecken Brot getilgt werden! Fälle von freiwilliger Aufwertung sind mir nicht bekannt. Ebenso sanken Mietzinse und Pachteinnahmen durch Mieter. und Pächterschutz auf ein Nichts zusammen. Zahlreiche Eigentümer, darunter auch Adelige, verschleuderten ihre ertraglos gewordenen und nur mehr Verdruß bringenden Liegenschaften, während sich die Nutznießer ohne Rücksicht auf religiöse oder politische Einstellung auf ihr gesetzliches Recht beriefen und ihren Vorteil wahrten. "DU BIST SONST EIN PATENTER KERL", meinte Graf Kh., der Besitzer einer Saggenvilla und Hausherr eines berühmten kaiserlichen Generals, halb ironisch, halb freundschaftlich zu seinem Mieter, "ABER IN WOHNUNGSANGELEGEN-HEITEN BIS DU EIN BOLSCHEWIK!". Er sagte das Wort um das Jahr 1925 als Trinkspruch bei einer festlichen Gelegenheit vor hochgestellten Zeugen, die es sofort weitertrugen.

Ich greife auf solche Erinnerungen zurück, um gewisse Parallelen zu ziehen. Das im Ersten Weltkrieg aus sozialen Gründen erlassene Mieterschutzgesetz sollte nach ursprünglicher Absicht die Familien der Eingerückten vor Nachteilen schützen. Durch seine Verewigung trug es ebenso zum Ruin mancher Haus- und Grundeigentümer bei wie die seinerzeit zum Schutz der Erbpächter erlassenen Maßnahmen.

HOCHENEGG, Hans - "Der Adel im Leben Tirols - Eine soziologische Studie", in Studien zur Rechts-, Wirtschafts- und Kulturgeschichte Bd. VIII, Innsbruck 1972.

 

3. Adelsbesitz Gestern und Heute

Das Gesamtbild der tirolischen Ortschaften ist weitgehend durch hochragende Gotteshäuser und Adelsbauten bestimmt. Fast in jedem Dorf stehen eine oder mehrere Burgen und Edelsitze. Vor wenigen Jahrhunderten waren es weit mehr. Zu jedem dieser Bauwerke gehörte oder gehört noch ein entsprechender Besizt an Feld und Wald. Der Anteil des Adels am heimischen Boden war jedenfalls beträchtlich. Dr. Hans Graf TRAPP berechnet in seiner Dissertation an Hand des tirolischen Steuerregisters von 1574, daß durchschnittlich 11% des tirolischen Grundbesitzes vom Adel in Eigenregie bewirtschaftet wurden. Die Streuung war ungleichmäßig. Der höchste Prozentsatz ergab sich im Pustertal, 28%, der niedrigste im Wipptal, 1%.

Im Rahmen dieser Abhandlung können allerdings nur Streiflichter auf frühere und gegenwärtige Besitzverhältnisse geworfen werden; mir liegt es vor allem daran, auf die engen Bindungen zwischen Nord- und Südtirol hinzuweisen.

Seinerzeit hatten manche Südtiroler Adelsfamilien auch in Nordtirol Besitz. Schon ihre Teilnahme an den Sitzungen des Landtages oder von ihren Mitgliedern bekleidete Beamtenstellen bewogen sie, sich vor allem in der Nähe der Landeshauptstadt Quartiere bereit zu halten. Über ihre Innsbrucker Palais geben Rudolf von GRANICHSTAEDTEN's vier Bändchen" "Altinnsbrucker Stadthäuser und ihre Besitzer" [1] hinreichend Aufschluß. Sie nennen die oftmals wechselnden Sitze der ENZENBERG, FERRARI, INGRAM, KÜNIGL, LODRON, SARNTHEIN, SPAUR, TAXIS, WOLKENSTEIN usw. Es sei nur auf die Geschichte der "Wolkenburg", heute Palais der Grafen TRAPP, Maria-Theresien-Straße 38, verwiesen. Eigentümer waren die TAXIS, dann die LIDL von Mayenburg, 1624 die WOLKENSTEIN, die jenem Gebäude den früheren Namen gaben, 1678 die LODRON, 1704 die SPAUR, 1710 die KÜNIGL, 1711 die Freiherrn von GREIFFEN, 1731 wieder die WOLKENSTEIN, 1767 wieder die KÜNIGL, seit 1804 sind es die TRAPP [2].

Auch Edelsitze rings um Innsbrucks Altstadt, so der Ferrarihof in Wilten, der Lodronische Hof in Pradl, das Korethgasthaus in Mühlau, das Spaurschlößl, später Ingramschlößl am Saggen, das Trappschlößl in Amras (heute Philippine-Welser-Straße 82), Schloß Mentelberg als ehemaliger Gutshof "auf der Gallwiesen" der Herrn von KHUEPACH, erinnern fort und fort an den früher weit verzweigten Grundbesitz vor allem des Südtiroler Adels. Allerdings hielten seine Inhaber an jenen Außenposten nicht so eisern fest wie an ihren Stammsitzen. Sie benützten sie vielfach zur Versorgung weichender Töchter oder verkauften sie, weil vielleicht doch zu wenig innere Bindung vorhanden war.

Auch die in Hall ansässigen Adelsgeschlechter hatten ihre Stadthäuser, dann außerhalb des Mauerringes ihre Gartenhäuser, in den Nachbargemeinden Landgüter, sie hatten auch ihre eigenen Kirchen oder Grabkapellen. Man könnte vergleichsweise an die verschiedenen "Bozner Seligkeiten" denken: ein Haus unter dem Lauben, ein Weingut in Überetsch, ein Sommerfrischhaus am Ritten, ein fester Platz in der Kirche, eine Loge im Theater, eine Arkade im Friedhof und so fort - in Hall mangelte eigentlich nur der Theatersitz, denn eine ständige Bühne war nicht vorhanden, so gern man auch Theater spielte!

Der Liegenschaftsbesitz der wohlhabenden Haller Adelsfamilien war mehrfach gestaffelt. Zum Beispiel hatten die FIEGER als Stadtburg das Schloß Sparberegg, ein festes Bollwerk der städtischen Befestigung gegen Südosten, dann rings um die Stadt Schlösser und Edelsitze, so Melans und Friedberg. Der von ihnen um das Jahr 1490 errichtete Vorbau am Haupteingang der Stadtpfarrkirche barg in seinem oberen Geschoß die "Fiegerische Kapelle" als ihre Begräbnisstätte.

Die Herren, später Grafen von CORETH hatten um 1680 im Norden der Stadt ihren Ansitz an der Stelle des heute "Schneeburg" genannten und um 1928 gründlich umgebauten Sitzes der Grafen STOLBERG, Bruckergasse 15. Der Name stammt von den Freiherrn von SCHNEEBURG als Vorbesitzern; um 1800 sprach man von "Baron-ROST-Schlößl" nach den damaligen Eigentümer [3]. Die an der Straßenkreuzung gelegene "Corethkapelle" behielt ihren Namen, bis sie 1930 zur Kaiser-Franz-Josef-Gedächtniskapelle umgestaltet wurde und dabei den gerundeten Giebel anstelle des ursprünglichen Satteldaches erhielt. Ferner besaßen die Coreth den nach ihnen benannten "Corethhof" am Kleinvolderberg.

Die Grafen KHUEN-BELASY hatten ihr Stadthaus in der Bachgasse, heute [[|Erzherzog]]-Eugen-Straße 12, östlich vor der Stadt einen Meierhof, jetzt Kaserne, Alte-Zoll-Straße 2, dann als ihr Erbbegräbnis das St.-Josefs-Kirchlein neben der Stadtparrkirche [4].

Vielfach war der Haus- und Grundbesitz der Familie WALLPACH von Schwanenfeld. Sie hatten Stadthäuser in der heutigen Wallpachgasse, Haus Nr. 6, das Eckhaus Schlossergasse 1, dann das "Wallpachische Gartengut", Alte-Zoll-Straße 2, in Heiligenkreuz einen Edelsitz, den Oberen Holerhof, jetzt Reimmichlstraße 1, den ebenfalls edelsitzartigen Unteren Holerhof, Reimmichlstraße 7, in Häusern, Gemeinde Ampaß, das heute in bäuerlichem Eigentum stehende Landgut Schwanenfeld. Eine Hauskapelle soll sich im Haus Wallpachgasse 6 befunden haben; die Wallpach hatten sozusagen auch ihre eigene Kirche, sie sind heute noch Patrone der Pfarre Absam!

Auch die WENGER von Wiesenburg, geadelte Handelsherrn, hatten mehrere Häuser in der Stadt, das "Ober Wengerhaus", Schlossgasse 2, und das "Untere Wengerhaus" mit dem gegen Süden angebauten "Wengerturm", Untere Stadtplatz 6-7. Ihr Gut am Hang jenseits der Innbrücke, "Brantach" genannt, wurde 1968 beim Bau der Autobahn abgetragen.

Die Freiherrn und spätere Grafen WICKA von Wickburg, Rainegg und Mantcroix, ein während der Franzosenkriege um 1680 zu großem Reichtum gelangtes Lothringer Geschlecht [5], besaßen in Hall das Schloß Rainegg ober dem einstigen Thaurer Tor, heute Ritter-Waldauf-Straße 16, zeitweise den Edelsitz Taschenlehen im Volderwald und die von ihnen erbaute Wickburg auf der Breitwiese im Gnadenwald; heute steht dort das aufgelassene Hotel Wiesenhof. Daneben errichteten sie eine Kapelle zur Schmerzhaften Mutter als Begräbnisstätte. Sie waren so reich, daß man sagte, sie könnten auf jeden Zaunstecken ihrer Besitzungen ein Goldstück legen. Doch wie ein Meteor verblaßte ihr Ruhm; ihr Vermögen schwand dahin; im Jahre 1760 kam ihr Innsbrucker Haus, Innstraße23, aus der Konkursmasse in bürgerliche Hände. 1822 erlosch das Geschlecht mit Josef Bartlmä Graf Wicka, Pfarrer von Algund.

Im Gegensatz zu den Vorgenannten erhielt sich die Familie von KRIPP trotz mancher Schicksalsschläge seit mehr als einem halben Jahrtausend, nämlich seit 1454, auf ihrem Schloß Krippach in Absam, das sie mit aller Treue instandhält. Mit beispielgebender Fürsorge erhalten die Kripp, vor allem ihr Senior, Dr. Paul Freiherr von Kripp, ihre Familienstiftung, die Salvatorkirche in Hall. Ein Ahnherr hatte im Jahre 1392 mit dem Bau an der Stelle begonnen, wo ein Priester mit dem Allerheiligsten bei einem Versehgang in einen Keller gestürzt war [>6]. Am 16.II.1945 erlitt das Gotteshaus schweren Bombenschaden. Durch jene aufopfernde Fürsorge stehen jetzt die mittelalterliche Kirche und das zugehörige Benefiziatenhaus erneuert und verschönt wieder da. Sie geben Zeugnis von adeliger Gesinnung, die keine Opfer scheut, um die Stiftung ferner Vorfahren zu erhalten!

Freilich sind nur mehr wenige Adelsfamilien in der glücklichen Lage, die mitunter seit Jahrhunderten mit ihrem Namen verbundenen Liegenschaften oder wenigstens einen anderen alten Edelsitz ihr Eigen zu nennen. Es sei im Folgenden versucht, die gegenwärtig in Adelsbesitz befindlichen Burgen und Edelsitze Nordtirols zu verzeichnen. Südtirol ist nur deswegen außerachtgelassen, weil sich der Verfasser leichter tat, aus Nordtirol geeignete Unterlagen zu finden. Die Tatsache sei hervorgehoben, daß der Großteil der noch in Nordtirol grundbesitzenden Adelsfamilien aus Südtirol stammen.

 

ABSAM:

Schloß Krippach der Freiherrn von KRIPP; Edelsitz Melans der Freiherrn von RICCABONA.

FLIESS:

Schloss Bidenegg der Freiherrn von PACH.

GNADENWALD:

Schloß Thierburg und der ehemalige Edelsitz Vollandsegg der Herren von LIPHART.

HALL:

Ansitz Breitenau der Erben nach Therese Baronin CLES; Schloß Rainegg, Mitbesitzer Oswald von PLAWENN; Schloß Schneeburg der Grafen STOLBERG.

INNSBRUCK:

Hötting, Schloß Schneeburg der Erben des Grafen SPIEGELFELD aus den Häusern Auersperg, Consolati, Coreth; Mühlau, Schlösser Rizzol und Grabenstein der Herrn von LIPHART; Völserstraße, Ansitz Geroldsegg (die "Figgen") der Herrn von OTTENTHAL.

KAUNS:

Schloß Bernegg der Freiherrn von PACH.

KITZBÜHEL:

Die Schlösser Kaps und Lebenberg der Grafen LAMBERG [8]

KRAMSACH:

Schloß Achrain der Grafen TAXIS-BORDOGNA.

MATREI am Brenner:

Schloß Trautson der Fürsten AUERSPERG; die Latschburg [9] der Herrn von WOERTZ.

MILS bei Hall:

Schloß Schneeburg der Gräfin BENIGNI.

MÜNSTER:

Schloß Lichtenwerth der Familien von INAMA und MERSI.

OCHSENGARTEN:

Schloß Küthay der Grafen STOLBERG.

PATSCH:

Der Grünwaldhof der Grafen THURN und TAXIS.

STANS:

Schloß Tratzberg der Grafen ENZENBERG [10].

STUMM:

Schloß Stumm, seit ca. 1939 Eigentum der BRAUN von Stumm.

TRINS:

Schloß Schneeburg der Grafen SARTHEIN.

VOLDERS:

Schloß Aschach der Freiherrn von ALTENBURGER; Schloß Friedberg der Grafen TRAPP.

VOMP:

Schloß Sigmundslust der Freiherrn von BIEGELEBEN.

Immerhin ist noch ein ansehnlicher Teil der nordtiroler Edelsitze in adeliger Hand, obwohl in unserem Jahrhundert schon mancher abgeschrieben werden mußte: u.a:

ALDRANS:

Brandhausen (letzter adeliger Besitzer: von Neupauer).

AMPASS:

Taschenlehen (von Schumacher).

BAUMKIRCHEN:

Wohlgemutsheim (Grafen Galen).

BRIXLEGG:

Kopfsberg (Baron Kopf).

FÜGEN:

Schloß Fügen (Grafen Sternberg).

HALL:

Aicham (Aichheim), Sulzgassl 4 (von Wenger); Altenzoll, Salzburgerstraße 26 (Baron Hohenbühel); Breitenegg, Rudolfstraße 8-10 (Baron Streicher); Schönegg, Kaiser-Max-Straße 13-15 (Baron Spiegelfeld).

INNSBRUCK:

Igls: Hohenburg (von Ficker); Mühlau: Weiherburg (von Attlmayr); Wilten: Mentlberg (Herzog von Alencon).

KITZBÜHEL:

Münnichau (Grafen Lamberg).

LADIS:

Ruine Laudegg (Baron Handel-Mazzetti).

SILZ:

Petersberg (Grafen Stolberg).

UNTERPERFUSS:

Ferklehen (von Vintler).

 

Auch in Südtirol waren bekannte Geschlechter zur Hingabe ihres Schloßbesitzes veranlaßt. Jene Verkäufe werden leider weitergehen. In anderen Ländern ist es auch nicht anders! Wir lesen zum Beispiel in der "Tiroler Tageszeitung", Nr. 33 vom 10.II.1971:

"60 Schlösser und Burgen aus den letzten 400 Jahren sind in Bayern billig zu verkaufen. Die Instandhaltungskosten der Gebäude sind so hoch, daß die Besitzer, meistens verarmte Adelige, ihnen nicht gewachsen sind."

Das Zurückgewinnen eines einmal verlorenen Familiengutes ist leider nur in den wenigsten Fällen möglich. Weil aber Liebe zur Scholle eine wesentliche Seite adeliger Geisteshaltung ist, ließen sich mehrere Adelsfamilien in einstigen Bauernhäusern oder in neu errichteten Ansitzen am Land nieder, teils zu dauerndem Aufenthalbt, teils um wenigstens die Ferientage dort verbringen zu können. Lange Jahre bevor allenthalben die Wochenendhäuser wie Pilze aus dem Boden schossen, suchten und fanden sie da und dort die "Heimat des Herzens".

Auffallend ist, daß unter jenen ländlichen Siedlern eine Reihe von Persönlichkeiten zu nennen ist, die im Kulturleben Tirols eine Rolle spielten!

Unter anderen sind zu nennen:

 

ALDRANS:

"Neu-Schrattenhofen" ("Schullernschlößl"), erbaut kurz vor dem Ersten Weltkrieg vom Nationalökonomen und Genealogen Univ.-Prof. Dr. Hermann von SCHULLERN-Schrattenhofen (1861-1931).

AMPASS:

"Lidlhof": auf ihm saß der verdiente Speckbacherforscher Hofrat Ludwig von NEUNER (1867-1944)

EHRWALD:

Dr.Heinrich-Srbik-Weg 1: Landsitz des berühmten Historikers Dr. Heinrich Ritter von SRBIK (1872-1951).

GNADENWALD:

Haus Nr.70: Landsitz des Freiherrn von SCHWIND, u.a. des Rechtshistorikers an der Wiener Universität Ernst Freiherr von Schwind (1865-1932) sowie seines Sohnes Univ.-Prof.Dr. Fritz Freiherr von Schwind.

HALL:

Ansitz Altenzoll: ehem. Sitz des Historikers und Naturfoschers Ludwig Freiherr von HOHENBÜHEL (1817-1885).

INNSBRUCK:

Amras, Peerhöfe: Stiftung des am 18.XII.1879 verstorbenen Josef Ritter von PEER zu Egertal zugunsten der Tiroler Adelsmatrikel-Genossenschaft; Igls, Rotadlerhof: vormals Eigentum des um die Tiroler Familienkunde und die Geschichte der Tiroler Freiheitskämpfer verdienten Prof. Rudolf v.GRANICHSTAEDTEN-Czerva (1885-1967).

NATTERS:

Ehemalige Sommersitze des Dichters Heinrich von SCHULLERN (1865-1955) und des Histologen Sigmund von SCHUMACHER (1872-1955).

ÖTZ:

Piburg: Landsitz des Naturforschers Leopold von PFAUNDLER zu Hadermur (1834-1920) [11].

VOLDERS

Ansitz Khuepach: Ein kleines Bauernhaus, bis 1822 beim "Spechten", später beim "Stiegler" genannt, mit meterdicken Mauern, war ursprünglich vielleicht ein Vorwerk des ehemaligen "Volderthurns". Admiral Arthur von KHUEPACH (1869-1951) baute es zu einem stattlichen Sitz im Südtiroler Stil um [12]. Der als Genealoge bekannte Eigentümer überließ den Ansitz letztwillig der Tiroler Adelsmatrikel-Genossenschaft.
Landhaus beim "Kröllen": Langjähriger Sommersitz des angesehenen Geographen und Museumsvorstand Hofrat Franz von WIESER (1848-1923), jetzt seines Sohnes Hofrat Hans von WIESER [13]. Dieser wurde wegen seiner Verdienste um die heraldische Forschung als "Herr und Landmann in Tirol" in die Tiroler Adelsmatrikel aufgenommen.

KLEINVOLDERSBERG:

Corethhof, Lexenhof, Glaserhof: von RICCABONA.

 

Liegenschaften verschiedener Art und Größe sind hier genannt, vom stattlichen Landgut bis zum Einfamilienhaus. Schließlich genügt auch der bescheidenste Grundbesitz, um im Boden fest verankert zu sein, denn doppelte Kraft gewann der Riese Anthäus, soblad er seine Mutter Erde berührte!

HOCHENEGG, Hans - "Der Adel im Leben Tirols - Eine soziologische Studie", in Studien zur Rechts-, Wirtschafts- und Kulturgeschichte Bd. VIII, Innsbruck 1972.

 

4. Adelsherrn als Kulturträger

Schon im zweiten Abschnitt wurde angedeutet, wie sehr sich die Verwurzlung in der Heimatscholle in Wissenschaft und Schrifttum auswirkt.

Schloßherren waren die Väter der tirolischen Landeskunde. Verfasser der ältesten Landesbeschreibungen und vaterländischen Geschichtswerke sind: Marx Sittich von WOLKENSTEIN (1563-1620), Jakob Andrä von BRANDIS (1569-1629), Matthias BURGLEHNER von Thierburg und Vollandsegg (1573-1642), Maximilian Graf MOHR (gest. 1671).

Berühmt ist eines der zahlreichen Werke des Franz Adam Graf BRANDIS (1693-1695): "Des tirolischen Adlers immergrünendes Ehrenkräntzl", Botzen 1678; es ist eine volkstümliche, herzhaft geschriebene Geschichte und Heimatkunde seines Vaterlandes.

Neben anderen Mitgliedern der soeben genannten Herrengeschlechter Brandfis und Wolkenstein sind noch überaus zahlreiche Namen aus den Mitgliedern des immatrikulierten Adels mit der Landesforschung untrennbar verbunden, so die AN DER LAN, BUCCELINI, CORETH, DI PAULI, ENZENBERG, FRÖLICH VON FRÖLICHSBURG, GIOVANELLI, GOLDEGG, GRABMAYR, HAUSMANN, HÖHENBÜHEL, HORMAYR, INGRAM, KHUEPACH, KLEBELSBERG, KRIPP, KÜNIGL, LAICHARDING, LEMMEN, LUTTEROTTI, MAYRHOFEN von Koburg, MILLER-AICHHOLZ, MÖRL, OTTENTHAL, SARNTHEIN, SCHULLERN, SPERGES, STERZINGER, STÖCKL von Gerburg, TRAPP, TROYER, WEINHART, WÖRNDLE, ZALLINGER [1]. Ich komme später noch auf einzelne Namen zurück.

Soweit die Männer bekannt sind, die schon im Mittelalter das Lob ihrer Tiroler Heimat gesungen haben, sind es Adelsherren. Abgesehen sei von dem nicht einwandfrei als Tiroler bezeichneten Walther von der Vogelweide. Zu nennen wären u.a. als Minnesänger der [[|Burggraf]] VON LIENZ, Walther von METZ, Herr RUBEIN, Leuthold von SÄBEN, Friedrich von SONNENBURG und als ihr jüngster Oswald von WOLKENSTEIN (1367-1445), dann als lehrhafte Dichter Heinrich von BURGEIS (13. Jahrh.) und Hans von VINTLER (gest. 1419). Der Verfasser eines gereimten Lobgedichtes auf Tirol, des "Tiroler Landreims", Innsbruck 1558, Georg RÖSCH von Geroldshausen, wurde im Jahr 1559 als Mitglied der Adelsmatrikel aufgenommen [1].

Auf der Burg Juvan bei Lavis entstand um das Jahr 1600 das "Jaufner Liederbuch" als Gemeinschaftswerk mehrerer Dichter, zu denen auch Jakob von NEUHAUS, Karl ZIN von Zinneburg und Martha von MORNBURG gehörten [2].

Ein Meister barocker Dramendichtung war der Nonsberger Nikolaus von AVANZINI SJ (1611-1686). Ein religiöser Dichter war der Wiltener Chorherr Kassian von STERZINGER (1753-1796), Verfasser einer dramatischen Dichtung Kassian Anton von ROSCHMANN (1734-1806). Lebensweisheiten verteilte Carl Joseph von WEINHART (1712-1788) in seiner "Poetischen Glückhsagung" in derben Alexandrinern. Sein Sohn, der Rechtslehrer Franz Xaver von WEINHART (1746-1833), schrieb ein Singspiel und fromme Gedichte. Auch Joseph von LAMA (1779-1828) trat mit Dichtungen hervor. Patriotische Dichter aus der Zeit der Napoleonischen Kriege waren Josef von GIOVANELLI (1750-1812), Leopold Josef Graf KÜNIGL (1794-1874); dieser veröffentlichte 1817 auch eine Schrift: "Über den echten und wahren Patriotismus", dann die Südtiroler Anton von REMICH (1768-1838) und Johann Baptist RINNA von Sarenbach (1764-1848), während sich Franz von EISANK (1774-1847) nach dem Winde drehte und den jeweiligen Landesherrn besang. Eine vielseitige, ebenfalls wandlungsfähige Persönlichkeit war Joseph Freiherr von HORMAYR (1771-1848); er verfaßte Geschichtswerke, Gedichte und Schauspiele; er hatte außerdem als Herausgeber von Almanachen und durch seine amtliche Stellung Einfluß auf bekannte österreichische Dichter. Zu nennen ist auch Kaspar von WÖRNDLE (geboren 1777 zu Kitzbühel; Todesort und fahr sind unbekannt, etwa 1835) als Verfasser des ersten Andreas-Hofer-Dramas (1816).

Der treue Patriot und Mitkämpfer von 1809 Anton von PETZER (in hohem Alter gest. 1887) veröffentlichte im Jahr 1832 eine Dichtung über die Schlacht bei Spinges. Unter dem Pseudonym A.G. von Lindenburg gab Anton von GOLDEGG (1787-1854) im Jahr 1843 "Leyerklänge aus Tirol" heraus.

Guten Einblick in die musischen Neigungen der Biedermeierzeit gibt das Bändchen: "Poetische Versuche der Humanitätsschüler an dem k.k. akademischen Gymnasium zu Innsbruck im Jahre 1844. Innsbruck: Wagner". Von den 75 Dichtungen in deutscher, lateinischer und sogar griechischer Sprache stammen 17 von adeligen Studenten; einige sind mit mehreren Gedichten vertreten. Es erscheinen die Namen: Josef von PREU, Otto von REINHART, Viktor von RICCI, Josef von RÖGGLA, Johann von SAMMERN, Rudolf Freiherr von SCHNEEBURG, Guido Freiherr von SEYFFERTITZ, Oswald Graf TRAPP, Ernest und August Freiherr von TSCHIDERER. Die Dichtungen sind zum Teil langatmig, auch nicht jedes Mal schwungvoll, immerhin aber ganz gute Talentproben junger Leute.

Wenige Jahre später ließ Hermann von GILM (1812-1864) seine feurigen Schützenlieder und andere meisterliche Dichtungen hinausgehen. Nahe kam ihm Anton von SCHULLERN (1832-1889) mit tief empfundenen, sprachgewandten Gedichten. Weiter sind als Dichter in Ehren zu nennen: die Brüder Josef von SCHNELL (1822-1863) und Ludwig von SCHNELL (1827-1886), Vinzenz von ERHART (1823-1873), dann der jung verstorbene Gottfried Freiherr von GIOVANELLI (1825-1853), dem Franz SCHUMACHER in der 18. Schlern-Schrift, Innsbruck 1930, ein Denkmal setzte. Berühmt sind die Mundartgedichte des Karl von LUTTEROTTI (1793-1872). Anerkennung als Dichter fanden auch Hans von VINTLER (1837-1890), ein Nachkomme der Burgherrn von Runkelstein, Richard von STRELE (1849-1919), Hermann von PFAUNDLER (geb. 1882), der feurige Lyriker Arthur von WALLPACH (1866-1946), Paul von ROSSI (1879-1951), der als Komödiendichter hervorgetretene Betreuer des Meraner Heimatmuseums Fritz von PERNWERTH (1873-1951) und der Dramatiker Eberhard von WEITTENHILLER (1876-1931). Ein geistvoller Lustspieldichter im Sinne Molieres war Oberstleutnant Anton Freiherr von SPIELMANN (1878-1959). Am Lyriker Paul Grafen THUN aus der böhmischen Linie jenes Tiroler Geschlechts (1884-1963) lobt das "Österreich-Lexikon", daß er österreichische Tradition und Formkultur vertreten habe. Kriegsgedichte veröffentlichten im Ersten Weltkrieg ebenso wie Arthur von Wallpach und viele andere Dichter die Grafen Hugo ENZENBERG (1838-1922) und Josef THUN (geb. 1856). Von solcher Poesie will man zwar heutzutage nichts mehr wissen, man könnte aber von Teilnahmslosigkeit und Gefühlskälte sprechen, wenn Ereignisse, die das Schicksal des ganzen Volkes betrafen, keine Sänger gefunden hätten!

Durch Heimat- und Gesellschaftsromane wurden berühmt Marie Baronin BUOL (1860-1943), Hans von (Hepperger zu) HOFFENSTHAL (1877-1962), Henriette SCHROTT, verehelichte von PELZEL (1877-1962), der Jungösterreicher Heinrich von SCHULLERN (1865-1955), Karl von TORRESANI (1846-1907), Albert von TRENTINI (1878-1933). Auch Enrica von HANDEL-MAZZETTI (1871-1955) hatte tirolisches Blut in ihren Adern. Ein seinerzeit viel gelesener Autor von Geschichtsromanen war Arthur von RODANK, nämlich Arthur Graf WOLKENSTEIN-Rodenegg (1837-1907). Zu Tirols Lob und Ehr schrieb manches der zeitweise in Meran ansässige Romancier Georg Freiherr von OMPTEDA (1863-1931) aus Hannover, während der in Ehrwald seßhaft gewordene Luxemburger Karl Freiherr von PIDOLL zu Quintenbach (1888-1965) dort unter anderem einen auf hohem Niveau stehenden Beethovenroman verfaßte.

Unter den Dichterinnen sind weiter zu nennen: Itha von GOLDEGG, verehelichte Gräfin BOSSI-FEDRIGOTTI (geb. 1864), dann die jung verstorbene Selma Baronin HAUSMANN (1863-1888), Angelika von HÖRMANN, geb. Geiger (1843-1921), Marie Baronin MAGES (1862-1944), Lea von MÖRL, verehelichte Baronin RUKAWINA (1893 bis ca. 1950). Johanna Baronin SCHNEEBURG (1871-1934). Mehrere Bände mit Tiroler Dorfgeschichten veröffentlichte die Münchnerin Everilde von PÜTZ, geb. von Klenze (1843-1926).

Unter unseren Zeitgenossinnen errang sich Vera von GRIMM, verehelichte EGGERT, als Märchendichterin und gewandte Vortragende ihrer tief poetisch empfundenen Werke einen weit über die Landesgrenzen reichenden Namen. Feinsinnige Lyrikerinnen sind die Kunsthistorikerin Lilly von SAUTTER in Innsbruck und Gertrud von WALTHER in Bozen. Unter den Prosaschriftstellem aus unserer Zeit wurde Anton Graf BOSSI-FEDRIGOTTI durch Kriegsromane bekannt. In die Zeiten der ersten europäischen Besiedlung Amerikas versetzt uns Oswald von PLAWENN in seinen als wertvolle Jugendlektüre empfohlenen Romanen. Als Jagdschriftsteller veröffentlichte Konstantin Graf THUN (1878-1962) ein reizvolles Erinnerungsbuch: "Bergler, Alpler, Klosterleut und Jager", Innsbruck 1949.

Ein stiller Heimatforscher sei nicht vergessen, der historische Themen in ansprechender Novellenform darzubieten weiß: Heinrich GRATSCHER, Pseudonym des Dr. iur. Paul Freiherrn von KRIPP.

Diese, wenn auch noch so dürftigen Hinweise sollen zeigen, wieviele schöpferische Kräfte in den Reihen des tirolischen Adels vorhanden sind!

Vom nötigen Verständnis für literarische Leistung zeugen die ansehnlichen Schloßbüchereien und Privatbibliotheken adeliger Herrn. Sie umfaßten wertvollste Manuskripte und Druckwerke. Handschriften des Nibelungenliedes fanden sich auf Schloß Annenberg und Schloß Montani im Vinschgau und auf Hohenems in Vorarlberg - sosehr schätzte man deutsche Dichtung!

In Innsbruck befanden sich im 18. Jahrhundert ansehnliche Bücherbestände in den Palästen der Grafen CORETH, FERRARI, SARNTHEIN, THURN und TAXIS, TRAPP, WOLKENSTEIN, besonders reichhaltige im Ansitz des Landschaftssyndicus Anton Maria von EGGER (Sohn des Johann Kaspar) zu Marienfrid [3]. Die Bibliothek der Herrn von REINHART kam als wertvolle Stiftung in die Innsbrucker Universitätsbibliothek. Den Grundstock der vor allem auf das Heimatkundliche ausgerichteten Ferdinandeumsbibliothek aber bietet die "Bibliotheca Dipauliana", die umfangreiche Tyrolensiensammlung des Appellationsgerichtspräsidenten Andreas Alois Freiherrn DI PAULI (1761-1830). Statthalter Karl Graf CHOTEK (geb. 1788, gest. 1868), dessen Familie wegen ihrer Verdienste um das Land Tirol seit 1745 der Tiroler Adelsmatrikel angehört, und der Südtiroler Baron Di Pauli waren die Männer, durch deren Eifer und Opfermut im Jahre 1823 das Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, genannt nach seinem Protektor, ERZHERZOG FERDINAND von Österreich, dem späteren Kaiser, ins Leben trat. Es wurde zum Sammelpunkt aller heimatkundlichen Bestrebungen, zur Stätte stolzer Schau auf alle Leistungen wissenschaftlicher, künstlerischer und technischer Art, die aus Tirol hervorgegangen sind! Ein großer Förderer des Ferdinandeums war der von 1841 bis zum Jahre 1848 amtierende Landesgouvemeur Clemens Graf BRANDIS (1798-1863), hervorragende Wohltäter waren die Brüder Johann von WIESER (1805-1886) und Ludwig von WIESER (1808-1888); sie vermachten dem Ferdinandeum ihre bedeutenden Kunstsammlungen.

In Bozen nimmte man die Büchereien der Grafen SARNTHEIN, der Freiherrn von EYRL, der Herren von KAGER. MACKOWITZ und ZALLINGER. In Meran nannte man die Familie von BRAITENBERG-Zennenberg, in Bruneck die Freiherrn von STERNBACH als Besitzer stattlicher Bibliotheken.

Ignaz DE LUCA (1746-1799) [4] nennt Buchtitel aus dem Bestand jener Büchersammlungen, vor allem kostbare Frühdrucke und Nachschlagewerke. Daß jene Schätze auch anderen zugute kamen ist auf S. 14 mit folgenden Worten ausgedrückt: "Die Besitzer dieser Bibliotheken sind zu viel Menschenfreunde, als daß sie anderen den Gebrauch der Bücher versagen könnten".

Hoffen wir, daß es ihnen nicht ebenso ergangen ist wie meinem Urgroßvater Carl Joseph von WEINHART (1712-1788). Er besaß sowohl in seinem Innsbrucker Haus, jetzt Burggraben 4, und in seinem Schloß Thierburg im Gnadenwald wertvolle Büchereien. Auch er gewährte großmütig Leihgaben, doch nach üblen Erfahrungen schrieb er schmerzerfüllt nieder: "Meine Bücher und die meiner Frau sind uns wie Schafe von Wölfen entrissen worden,... Ein sonst ehrlicher, uns wohlbekannter Mann trug davon soviel er wollte, aus dem Hause und versicherte, was niemals erfolgte, die genaueste Rückgabe..." [5].

Im den Adelsbibliotheken waren selbstverständlich auch die Arbeiten der eingangs genannten heimischen Historiker neben anderen Geschichtswerken vorhanden. Sozialen und politischen Zwecken diente der Besitz rechtswissenschaftlicher Schriften. Die Adelsherrn, die im Landtag Sitz und Stimme hatten, waren emsig auf die Rechte ihres Heimatlandes bedacht. Sie pochten unerbittlich darauf, so wie es schon ihre Väter getan hatten. Um Tirols Privilegien nicht untergehen zu lassen, verbreiteten Adelskreise Textabschriften und Erläuterungen der tirolischen Landesfreiheiten. Außerdem erwartete der Bauer vom Grundherrn soviel Kenntnis des Rechts, daß er sich bei ihm Rat holen konnte. Aus demselben Grunde schreibt Otto BRUNNER in seinem "Adeligen Landleben" [6], daß es auch in Niederösterreich allgemein verbreitete Rechtshandschriften gab, die fast in jedem Adelssitz vorhanden waren.

Das abschriftlich da und dort anzutreffende "Fraiheitsbuch des Landts Tirol" [7] ist eine umfangreiche Sammlung der tirolischen Verfassungsurkunden. Es wurde um das Jahr 1700 vom Landschaftssekretär Christoph von PAYR zusammengestellt [8].

Der Landpfleger zu Landeck, Abraham STÖCKL von Gerburg, verfaßte im Jahre 1652 eine ebenfalls nur in Abschriften zirkulierende "Interpretation der tirolischen Landesordnung" [9].

Vom Innsbrucker Universitätsprofessor und späteren Kanzler der Tiroler Landesregierung Johann Christoph FROELICH zu Froelichburg (1657-1729) stammt eine ebenfalls ungedruckt gebliebene, doch weit verbreitete "Instruction für ein Obrigkeit des Lands Tyrol" [10]. Im Druck erschien seine "Nemesis Romano-Austriaco-Tyrolensis", Innsbruck 1696, eine vom Geist [[|Edler]] Menschlichkeit beseelte Darstellung des im Lande geltenden Strafrechts. In ihr wird immer wieder vor Mißbrauch der Folter gewarnt. Dann der "Tractatus iuridicus de praescriptionibus statutariis Tyrolensibus", Kempten 1702. - Johann Christoph von Froelich mußte sich noch geben, als glaubte er alles, was über Verbrechen der Hexen erzählt wurde, doch weist er wiederholt auf die Unsinnigkeit der Hexenprozesse und die Unglaubwürdigkeit erpreßter Geständnisse hin. Etwas leichter tat sich ein Jahrhundert später Ferdinand von STERZINGER zu Sigmundsried (1721-1786), als er gegen jene Prozesse auftrat; freilich mußte er sich gegen manche Anfeindung wehren [11]!

Gegenstand einer feierlichen Disputation an der Innsbrucker Universität war das umfangreiche in Großfolio gedruckte Werk: "Commentarü theorico-poütico-practici in ius statutarium Tyrolense", Innsbruck 1716. Als Praeses zeichnet Professor Thomas HERMANIN von Reichenfeld, als Referent Franz Xaver Ignaz Baron CORETH. Nach den geltenden Bibliotheksvorschriften wäre in solchen Fällen jedesmal der Praeses als Verfasser anzusetzen, weil ihm als dem Anreger und Überwacher der Arbeit zum mindesten das geistige Eigentum zustehe. In jenem besonderen Fall dürfte der junge einheimische Edelmann das ihm als landständischem Herrn vertraute Thema wohl selbst gewählt und ausgearbeitet haben.

Der Innsbrucker Kirchenrechtslehrer Anton von SOELL (1676-1741) aus Sonnenburg im Pustertal bewährte sich als Wahrer des heimischen Standpunkts, als er sich in einem langwierigen Streit über die Exemption der Kirche des Königlichen Stifts zu Hall in einem gründlichen Gutachten zugunsten der vom Stift beanspruchten Rechte aussprach [12]. Ein tüchtiger Vertreter des geistlichen Rechts war auch der Jesuit Johann Jakob von ZALLINGER aus Bozen (1735-1813); ursprünglich war er Physiker und im Jahre 1776 auf den Lehrstuhl jenes Faches an die Universität Innsbruck berufen worden, doch schon ein Jahr später kam er als Kirchenrechtslehrer nach Dillingen [13].

In aller Andenken steht noch der Innsbrucker Kanonist, Professor Walther von HÖRMANN (1865-1946) [14], ein verdienter Forscher, besonders auf dem Gebiete des kirchlichen Eherechts.

Es würde leider zu weit führen alle Lehrkräfte der Innsbrucker Universität, die aus adeligen Familien stammten, einzeln zu würdigen. Ich maß mich auf Stichproben beschränken. Im Hinblick auf eine neuere Veröffentlichung in der "Tiroler Heimat" sei zum Beispiel auf die dynamische Persönlichkeit des Andreas Dominikus von MERSI (1779-1861) verwiesen, der seit 1799 Mathematik und Kriegskunst lehrte, aber seit 1817 die Vertretung der politischen Wissenschaften an sich zog und zweimal das Rektorat bekleidete. Sein Nachfolger, der Welschtiroler Hieronymus SCARI von Cronhof (1798-1845) [15] war ebenfalls ein Mensch voll Tatkraft und Freimut; ein von Dr. Gerhard OBERKOFLER veröffentlichter Brief an die Innsbrucker Juristenfakultät vom Juli 1844 wendet sich mit einer damals einzigartigen Offenheit gegen Zopf und Pedanterie. Nebenbei war Professor von SCARI ein Freund des in der Metternichzeit sehr verpönten Turnens; auf die Eröffnung der ersten Innsbrucker Turnhalle auf Anregung Scaris werde ich später zurückkommen.

Wenn wir auf die Reihe der Rechtshistoriker und Volkswirtschaftslehrer der Innsbrucker Alma Mater sehen, fällt uns das Überwiegen des tatsächlichen und des Kunkeladels unwillkürlich auf. Auch namhafte Historiker, deren Werke sich vielfach mit Rechtsfragen befassen, stammen aus dem Tiroler Adel:

Karl Theodor von INAMA-Sternegg (1843-1908), Ernst von OTTENTHAL (1855-1931), Tullius von SARTORI-Montecroce (1862-1928) [15a], Hans von VOLTELINI (1862-1938), der von Vater- und Mutterseite (geb. von WENSER) altem Tiroler Adel entstammte. Hauptwerk seiner emsigen Feder sind die "Südtiroler Notariatsimbreviaturen", Franz Xaver von WEINHART (1746-1832), Otto von ZALLINGER zum Thurn (1856-1933). Dieser pflegte die Rechtsgeschichte des Adels, so befaßte er sich mit der Stellung der Ministeriales und Milites.

Zu nennen sind auch einige von auswärts nach Innsbruck berufene Gelehrte, die in Tirol bald Wurzel gefußt hatten: Eugen Ritter von BÖHM-Bawerk (1851-1914), Julius von FICKER aus Paderborn (1826-1902) [15b]. er erwarb und bewohnte die Hohenburg in Igls. Der Kirchenrechtsprofessor Karl Ernest von MOY de Sons (1799-1867) [16] geboren in München, entstammte einer altadeligen Familie aus der Piccardie. Durch seine Gemahlin Marie Baronin GIOVANELLI dem konservativen Politiker Ignaz Freiherrn von Giovanelli verschwägert, teilte er dessen Bestrebungen. Der Professor für deutsches Recht, Alfred von WRETSCHKO aus Wien (1869-1941) befaßte sich u.a. mit der Innsbrucker Universitätsgeschichte.

Einer der Inhaber der Lehrkanzel für Nationalökonomie, Hermann von SCHULLERN (1861-1931) war nicht nur durch seine väterlichen Ahnen mit den Überlieferungen des landständischen Adels verbunden. Er war durch seine Großmutter Catarina Gräfin CALINI Eigentümer einer (im Ersten Weltkrieg enteigneten) Herrschaft in Oberitalien. Persönliche Erfahrungen boten die Grundlagen zu seinen Forschungen über das Colonat und zu seiner "Agrarpolitik", Jena 1925.

Ererbter Anteilnahme am Gedeihen des Bauernstandes entspricht es auch, daß der Kaisersohn OTTO VON HABSBURG das bäuerliche Erbrecht zum Thema seiner staatswissenschaftlichen Dissertation an der Universität Löwen (1935) gewählt hat [17].

Der gegenwärtige Inhaber der Lehrkanzel für Deutsche Rechtsgeschichte, Nikolaus GRASS, mütterlicherseits ebenso wie Hermann von Schullern ein Nachkomme der gelehrten Herrn von WEINHART, außerdem auch ein Urenkel der im tirolischen Bergbau bedeutsamen Herrn von JENNER, kann in seinen Veröffentlichungen immer wieder auf eigene Familienüberlieferungen und Familienschriften zurückgreifen. Von Jugend an verbringt er alljährlich einen Teil seiner Sommerferien auf einem mit Almrechten verbundenen Familienbesitz hoch über dem Voldertal; Begriffe wie das Schneefluchtrecht sind ihm von klein auf geläufig. Die Voraussetzungen waren also gegeben, sich der Rechtsgeschichte und mit besonderer Vorliebe der wissenschaftlichen Almforschung zuzuwenden! [17a]

Der Professor für neuere Geschichte Oswald von GSCHLIESSER ist als Offizierssohn wieder mehr mit der Geschichte der k.u.k. Armee verbunden. Er veröffentlichte neben verfassungsgeschichtlichen Werken und seinem Buch "Der Reichshofrat", Wien 1947, auch vier Folgen einer "Geschichte des stehenden Heeres in Tirol".

Pflege der Landesgeschichte lag auch anderen heimischen Historikern nahe. Ich nenne u.ä.: Kassian von ROSCHMANN (1739-1806), Verfasser einer bis zum Jahr 1137 reichenden "Geschichte von Tirol"; Benedikt Graf GIOVANELLI aus Trient (1746--1846) beschäftigte sich mit der Altertumskunde Welschtirols, Karl von EIBERG (1753-1822) schrieb das Buch "Tyrols Vertheidigung gegen die Franzosen in den Jahren 1796 und 1797", Innsbruck 1798, Joseph von HÖRMANN gab die Schrift in Druck: "Tirol unter der bayrischen Regierung", Innsbruck 1816. Clemens Graf BRANDIS (1798-1863) veröffentlichte 1823 das mit einem wertvollen Urkundenanhang versehene Werk "Tirol unter Friedrich von Österreich". Seinem Sohn Anton Graf BRANDIS (1832-1907) ist die auch Allgemeinbedeutung besitzende Studie über die Verfassungsgeschichte der Gemeinde Lana, 1873, zu verdanken.

Eine Geschichte Andreas Hofers und zahlreiche andere Geschichtswerke verfaßte der hier schon wiederholt erwähnte, leider nicht so gewissenhaft arbeitende Joseph Freiherr von HORMAYR. Später in bayrische Dienste getreten wechselte er seine Haltung im Sinne seines neuen Brotherm. - Gründliche Studien liegen den Büchern über die zweite und dritte Bergiselschlacht des Freiherrn Gideon von MARETICH (1845-1903) zu Grunde. Werk eines bayrischen Adelsherrn ist die auch für Tirol sehr wichtige Arbeit des Eduard Freiherrn von OEFELE (1843-1902): "Geschichte der Grafen von Andechs", Innsbruck 1877. Franz Josef von ZIMMETER (1851-1932) verfaßte das Werk: "Die Fonde und Anstalten der Tiroler Landschaft", Innsbruck 1894. Lokalgeschichtliches aus Bozen brachten Franz von ZALLINGER (1842-1907) in der Schrift "Aus Bozens vergangenen Tagen" und Ferdinand von LENTNER aus Salzburg (1841-1919): "Die Stadt Bozen in Feindeshand", Innsbruck 1897. Eine der erfreulichsten Neuerscheinungen ist das in Amonns Verlag mit prächtigen Bildern ausgestattete Büchlein des Karl von BRAITENBERG: "300 Jahre Schießstand in der Oberbozner Sommerfrische", Bozen 1968. Als wertvolle Nordtiroler Veröffentlichung ist die "Geschichte des Schlosses Fragenstein" des Ferdinand von RÖGGLA (1874-1956) zu bezeichnen.

Eine weit über die Grenzen Tirols bekannte Kulturzeitschrift mit Bedeutung für die gesamte deutsche Literatur war der von Ludwig von FICKER (1880-1967) begründete und geleitete "Brenner". Sie erörterte weitschauend geistige Probleme, auch solche, die uns heute bewegen.

Unter unseren Zeitgenossen ist Wolfgang von PFAUNDLER zu nennen als Gestalter einer fesselnden Kulturzeitschrift "Das Fenster". Er hat die Gabe, Volkskundliches in einem blendenden Stil zu schildern, es auch in ausnehmend guten Lichtbildern darzustellen. Er weiß im "Jungbürgerbuch" (1963, Neuauflage 1967) junge Leute anzusprechen und ihr Heimatgefühl aufzurütteln!

Als Kunsthistoriker lehren derzeit an der Innsbrucker Universität Otto von LUTTEROTTI und sein Assistent Heinz von MACKOWITZ.

Auf die hervorragende Gestalt des gegenwärtigen Rektor Magnificus, Dr. theol. und phil. Emerich Graf CORETH SJ, komme ich noch in der Folge zurück.

Dr. Emerich Coreth, Professor für christliche Philosophie, ist Sohn eines hochangesehenen Juristen. Der gleichnamige Vater (1881-1947) war zuletzt Präsident des Österreichischen Verwaltungsgerichtshofs. Er war einer der beiden Schöpfer des als bahnbrechend bezeichneten Verwaltungsverfahrensgesetzes, das sich in der Praxis sosehr bewährte, daß auch andere Staaten, z.B. Jugoslawien, es übernommen haben [17b].

Ich nenne noch weitere Namen, die in diesem Zusammenhang erwähnt zu werden verdienen. So den Oberlandesgerichtspräsidenten in Innsbruck Friedrich Freiherrn von CALL zu Rosenfeld (1864-1917), der wichtige Gesetzentwürfe ausgearbeitet hat, z.B. das über das Urheberrecht und den Genossenschaftsvertrag. Der Rat des Verwaltungsgerichtshofs Karl Freiherr von GIOVANELLI (1847-1922), von 1900-1904 Ackerbauminister im Ministerium Körber, machte sich um das Agrarrecht und um die Bildung der Landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaften verdient. Auch der Rechtsanwalt und berühmte Parlamentarier Karl von GRABMAYR (1848-1923) errang sich auf dem Gebiet der Agrarwirtschaft besondere Verdienste. Er war der Schöpfer des tirolischen Grundbuches und des Höferechtes und erreichte auch wichtige Verbesserungen des Exekutionsrechtes. Ein tüchtiger Praktiker, dessen Gutachten in agrarrechtlichen Fragen noch in seinem hohen Alter eingeholt wurden, war Senatspräsident Stephan Ritter von FALSER (1855-1944); ihm sind auch wertvolle Veröffentlichungen zu verdanken: "Rentengüter in Tirol", 1894, "Wald und Weide im tirolischen Grundbuch", 1896, z. Aufl. 1932, "Bodenentschuldung", 1900. Ebenso wurde auch der ehemalige Sektionschef im Handelsministerium, Richard von PFAUNDLER (1882-1959) als angesehener Experte in Finanzfragen zeitlebens immer wieder um Stellungnahme angerufen; seine Veröffentlichungen, so das 546 Seiten starke Werk "Der Finanzausgleich in Österreich", Wien 1931, und die nur 37 Seiten umfassende Schrift "Die Besteuerungsrechte der österreichischen Länder", Graz 1947, boten den Finanzreferenten grundlegende Richtlinien. Richard von Pfaundler wandte sich als treuer Sohn Alttirols auch mit wohlfundierten Abhandlungen über die Südtirolfrage an die Weltöffentlichkeit. [17c]

Ein hervorragender Jurist und profunder Kenner des römischen Privatrechtes war Paul von VITTORELLI (1851-1932); er war im Jahr 1918 letzter Justizminister des österreichischen Kaiserstaates und von 1920-1930 Präsident des österreichischen Verfassungsgerichtshofes [17d].

Zwar aus der böhmischen Linie eines aus dem Nonsberg stammenden Geschlechtes stammend, doch mit Tirol stets verbunden waren Leo Graf THUN (1811-1888), Unterrichtsminister von 1849-1860. Sein bleibendes Verdienst ist die Reform des Unterrichtswesens. "Die Neuorientierung der Rechtswissenschaft ist Leo Graf Thuns persönliches Werk" (Lentze), dann Franz Anton Fürst THUN (1847-1916), Statthalter von Böhmen und zeitweise Leiter des österreichischen Innenministeriums; "Er wirkte stets für Versöhnung der beiden böhmischen Nationen" (Österreich-Lexikon) [17e].

Es mindert gewiß nicht die Verdienste bürgerlicher Gelehrter, Beamter oder Politiker, wenn ich auf einzelne Persönlichkeiten aus dem heimischen Adel hinweise, denen das Land Tirol zu Dank verpflichtet ist.

Seinerzeit waren die österreichischen Monarchen stets bestrebt dem Adel neue Kräfte zuzuführen. Auch Kaiser FRANZ JOSEF zeichnete gleich seinem Nachfolger Kaiser KARL anerkennenswerte Leistungen wiederholt durch Erhebung in den Adelsstand aus. So erhielt Landeshauptmann Dr. Theodor KATHREIN (1842-1916) den Freiherrntitel. In den Adelsstand wurden erhoben die Historiker Rudolf KINK (1822-1864) [17f], David Ritter von SCHÖNHERR (1822-1897), der Germanist und verdiente Sagenforscher Ignaz Vinzenz von ZINGERLE (1825-1892) [17g] und andere verdiente Männer. Auch der seinerzeitige Inhaber der Wagner'schen Universitätsbuchdruckerei und Universitätsbuchhandlung Anton SCHUMACHER (1836-1918) erhielt den [[|Adelstitel]] mit dem [[|Prädikat]] "zu Marienfrid" der ihm verwandten ausgestorbenen Familie der EGGER zu Marienfrid. Das war eine Anerkennung seiner Verdienste als Präsident der Handelskammer, als Verleger wissenschaftlicher Werke und Zeitschriften und Hersteller mustergültiger Kunstdrucke.

Ich fahre weiter mit Hinweisen auf kulturelle Leistungen. Weil Heimat "erlebte Verbundenheit mit dem Boden ist" (Eduard SPRANGER) und der Weg zum Menschentum nach dem Wort des gleichen Autors über das Volkstum und Heimatgefühl führt, sei auf die erzieherische Bedeutung der Heimat- und Familienforschung verwiesen. Dem Adel liegen solche Arbeiten besonders nahe; auf manchen Edelsitzen wurden schon vor Jahrhunderten Familienchroniken geführt. Heinrich Gratscher, das ist Paul Freiherr von KRIPP, teilt zum Beispiel in seinem gehaltvollen Büchlein über Johann Graf STACHELBURG [18] mit "es habe Ursula von FIEGER, verehelichte MORNAUER von Liechtenwerth (1550 bis etwa 1634) in ihrem einundachtzigsten Lebensjahre "nit ohne große Mühe, Arbeit, Nachsinnen und viefältiges Nachfragen" eine Übersicht ihrer Nachkommen und der ihrer Geschwister verfaßt; sie enthalte die Namen von über hundert Familien und bei fünfhundert Einzelpersonen. Aber auch ihre Schwester Katharina, verehelichte GIENGER von Grienpichl (1524-1602) führte eine Hauschronik. Auch diesen Aufzeichnungen seien verläßliche Daten zu entnehmen. Nebenbei sei bemerkt, daß Adeligen auch über den Familienkreis hinausgehende Chroniken zu verdanken sind wie die als Quellenwerk viel benützte Handschrift des Gubernialrates Joseph Freiherrn von CESCHI (1731-1787): "Merkwürdige Begebenheiten, die sich in Innsbruck vom Jahre 1780 an zugetragen" [19]. Sie hat ein Seitenstück in P. Ferdinand von TROYER's "Bozner Chronik von 1648-1649" mit den wertvollen Berichten über die Bozner Umgangsspiele.

Die wichtigsten Genealogien der Tiroler Adelsfamilien schufen Kanonikus Stephan von MAYRHOFEN (1751-1848) und Georg von PFAUNDLER (1795-1876). Der auch unter den Naturforschern zu erwähnende Freiherr von HOHENBÜHEL (1817-1885) veröffentlichte die hier wiederholt zitierten "Beiträge zur Geschichte des Tiroler Adels" im Jahrbuch "Adler", Wien 1891, Hugo von GOLDEGG (1829-1904) bearbeitete und gab heraus die Wappenbücher im Adelsarchiv des Ministerium des Inneren, zwei Teile, Innsbruck 1875-1876.

Der vorhin genannte Nationalökonom Hermann von SCHULLERN (1861-1931) war nebenbei ein eifriger Genealoge. Von ihm stammen neben mancherlei Beiträgen in den Organen der Wiener Genealogischen Gesellschaft "Adler", darunter im Jahrbuch für 1895 eine aufschlußreiche Abhandlung "Über einige Familien des tirolischen Beamtenadels".

Sehr wertvoll sind auch die Abhandlungen des Sigmund Freiherrn von KRIPP (1862-1918): "Die Kripp von Freudeneck" und die "Kripp von Prunberg" im Jahrbuch "Adler" von 1910 und 1912.

Als Privatdrucke kamen heraus: im Jahr 1889 die von Ferdinand Graf BRANDIS (1819-1904) verfaßte Familiengeschichte seines Hauses und um 1890 von Otto Maximilian von WALLPACH eine Geschichte der Familie Wallpach. Karl von Wallpach brachte hierzu in den Tiroler Heimatblättern von 1965 beachtenswerte Ergänzungen. Als vornehm ausgestattete Familienchronik sind die "Beiträge zur Familienkunde" der geadelten Innsbrucker Buchdruckerfamilie Schumacher, verfaßt und 1924 herausgegeben von Eckart von SCHUMACHER, zu nennen.

Ein sorgfältig ausgearbeitetes Manuskript über die Trientiner Familie Terlago schuf Franz Graf TERLAGO (1882-1966), der seinerzeitige Bezirkshauptmann von Bludenz. Wichtig als Quellenwerk zur Tiroler Adelsgeschichte ist auch die im Innsbrucker Matrikelarchiv liegende Giovanellische Familienchronik; sie umfaßt mehrere Bände als Ergebnis gründlicher Forschungen des auch künstlerisch begabten Freiherm Gottfried von GIOVANELLI (1859-1929). An Regesten zur Familiengeschichte der Troyer arbeitet zur Zeit Meinrad von TROYER in Bozen.

Unter unseren Zeitgenossen wirken im Archivdienst u.a. in Wien Anna Gräfin CORETH, der mütterlicherseits aus Tiroler Familie stammende Andreas Baron CORNARO, in Innsbruck als Stadtarchivar Franz Heinz von HYE-KERKDAL.

In der Reihe der Schlem-Schriften erschienen als Bd. 14, Arthur von KHUEPACH: Das Geschlecht derer von MÖRL zu Pfalzen, Innsbruck 1928, Bd.17, Arthur Graf WOLKENSTEIN: Oswald von WOLKENSTEIN, 1930, Bd. 35: Albert von PERSA: Das Geschlecht derer von KLEBELSBERG zu Thumburg, 1937, Bd.45, Carl TOLDT: Geschichte (der in einem Zweige geadelten) Familie Toldt, 1940, Bd.48, Georg von GRABMAYR (1870-1946): Stammtafeln alter Tiroler Familien, 1940, Bd. 54, derselbe: Die Sippe der HAFNER ab Mölten, 1948, Bd. 89, Arthur von KHUEPACH: Familiengeschichte der KHUEPACH zu Ried, Zimmerlehen und Haslburg, 1951, Bd. 102, Enrico GIOVANELLI: Die Herren von KRONMETZ, 1953, Bd. 114, Rudolf HUMBERTDROTZ: Das Tagebuch des Sigmund von ROST (1653-1729), 1956, Bd. 127, Oswald Graf TRAPP: Ritter Jakob Trapp auf Churburg, 1954, Bd. 128, Gottfried HOHENAUER: Drei Lebensbilder aus Südtirol (PUTZ, FORESTI, LIEBENER), 1954, Bd. 131, Rudolf von GRANICHSTAEDTEN-Czerva: Beiträge zur Familiengeschichte Tirols, Bd. 1, Nordtirol, 1954 (ein inhaltsreiches und durch ein gutes Register erschlossenes Werk, das freilich da und dort Ergänzungen und Richtigstellungen braucht!), Bd. 136, Lamoral Freiherr TAXIS-Bordogna und Erhard RIEDEL: Zur Geschichte der Taxis-Bordogna-Valenigra und ihrer Obrist-Erbpostämter zu Bozen, Trient und an der Etsch, 1955, Bd.183, Sighard Graf ENZENBERG: Schloß Tratzberg (mit Berichten über die Besitzerfamilien), 1958, Bd. 184, Ernst von VERDROSS: Lebensbild des Ritters Florian WALDAUF (mit gewissenhaft verfaßtem Text, leider begleitet von einem älteren, unüberprüften Register zu den Wappenbüchern der Stubengesellschaft, dem etwa 40 Namen fehlen!), 1958, Bd. 258, Franz Heinz von HYE: Die Innsbrucker Familie WEINHART im Tiroler Geistesleben, 1970. Auch der 181. Band der Schlern-Schriften, Georg von STAWA (1879-1962), Alte Exlibris aus Tirol, 1958, ist dem Familienforscher wertvoll.

Manche genealogischen Abhandlungen veröffentlichte auch der seinerzeitige Ferdinandeumsvorstand Karl von INAMA-Sternegg (1871-1931). Ungemein fruchtbar war das Lebenswerk des Wahltirolers Rudolf von GRANICHSTAEDTEN-CZERVA (1885-1967) aus Wien [20]. Seiner uneigennützigen Vorliebe für das Land Andreas Hofers entsprangen nicht nur die erwähnte 131. Schlern-Schrift, die sich mit Nordtiroler Familien befaßt, sondern auch andere Bücher über Brixner, Bozner und Meraner Familien, dann als eines seiner bekanntesten Werke: "Andreas Hofers alte Garde", Innsbruck 1932. Weitere Biographien von Freiheitskämpfern schrieben u.a. P. Ferdinand von SCALA aus dem Franziskanerorden (1866-1906) und Heinrich von WÖRNDLE (1861-1919). Mit der Teilnahme der Fassaner am Krieg von 1809 befaßte sich Hugo von ROSSI (gest. um 1925); er war auch Verfasser eines Handschrift gebliebenen Lexikons der Fassaner Mundart.

Der außertirolischen Geschichte widmeten sich der Admonter Benediktiner Albert von MUCHAR aus Lienz (1786-1849) mit Urkundenforschungen über die Steiermark, Alois Freiherr von MAGES-Kompillan aus Bozen (1823-1895) mit Arbeiten zur österreichischen Rechtsgeschichte. Der Czernowitzer Universitätsprofessor Ferdinand von ZIEGLAUER aus Bruneck (1859-1906) widmete seine Studien dem Auslanddeutschtum. Er veröffentlichte Arbeiten über die Siebenbürger Sachsen und "Geschichtliche Bilder aus der Bukowina", 2 Bände, Czernowitz 1893-1895. Theodor von KERN, aus der gleichen Pustertaler Stadt gebürtig (1836-1873) schrieb eine "Chronik der Stadt Nürnberg".

Mit Münzgeschichte beschäftigte sich u.a. Josef KOLB von Kolbenthurn (gest. 1886); er veröffentlichte in der Wiener "Numismatischen Zeitschrift" von 1879 eine Abhandlung: "Der Tiroler Kreuzer von 1809". Ein hervorragender Numismatiker war auch Arthur Graf ENZENBERG (1841-1925) [21]. Tirolische Kostbarkeiten aus seiner Sammlung flossen nach seinem letzten Willen der Münzensammlung des Ferdinandeums zu. Das Buch über "Die Münzen- und Medaillensammlung weiland des Arthur Grafen von Enzenberg", München um 1930, schrieb der in Innsbruck im Ruhestand lebende k.k. Oberst Ulrich Freiherr von BERG (gest. 1927). Dessen Sohn Dr. iur. Ludwig Freiherr von Berg, bei einem Autounfall tödlich verunglückt 1947, war gleichfalls ein tüchtiger Numismatiker und Verfasser einer Studie über die Münzstätte Ensisheim. Wertvolle Abhandlungen zur Geschichte der tirolischen Münzgeschichte veröffentlichte auch der steirische Forscher Professor Arnold LUSCHIN von Ebengreuth (1841-1932). Der jahrzehntelang in Graz ansässige, durch zahlreiche Veröffentlichungen bekannte Numismatiker Günther Freiherr von PROBSZT läßt sich durch seine Mutter, eine geborene von GASTEIGER, den Tiroler Forschern zurechnen. Als eine allgemein gehaltene, mehr den volkswirtschaftlichen Standpunkt vertretende Abhandlung sei die Dissertation des Alois von SCHNELL erwähnt: "Vom Gelde", Innsbruck 1808.

Hervorzuheben ist das große Interesse des tirolischen Adels an den Naturwissenschaften; es beschränkte sich nicht nur auf bloßes Studium, sondern brachte auch wertvolle Ergebnisse zustande. Vor allem ist auf die rege Beteiligung an der botanischen Forschung hinzuweisen.

Wenn adelige Ärzte wie der Damenstiftsarzt Dr. Hippolyt GUARINONI zu Hoffberg und Volderthurn (1571-1654) [22] und ein Arzt zu Innichen, Candidus von RAUSCHENFELS (1760-1838) [23] Kräuter sammelten und Herbare anlegten, mag das einem beruflichen Interesse zuzurechnen sein. Daß aber der Pfarrer von Vomp und spätere Weihbischof von Regensburg Franz von WEINHART zu Thierburg und Vollandsegg (1617-1686) sich ein großes Herbarium zusammenstellte [24], kann man nur als Liebhaberei eines mit der Natur verbundenen Landedelmannes betrachten.

Sowohl mit botanischen und zoologischen Untersuchungen wie mit physikalischen Experimenten beschäftigte sich der Innsbrucker Professor der Naturwissenschaften, Johann Nepomuk von LAICHARDING (1754-1797); er erregte besonderes Aufsehen, als er am 5. Oktober 1784 einen 300 Kubikfuß umfassenden Luftballon aufsteigen ließ [25].

Das erste zusammenfassende Werk über die heimische Pflanzenwelt, die "Flora von Tirol", drei Hefte, Innsbruck 1851-1854, veröffentlichte der Bozner Gutsbesitzer Franz Freiherr von HAUSMANN (1810-1878) [26]. Er machte sich auch dadurch verdient, daß er das im Jahr 1840 begonnene Kryptogamen-Herbar des Freiherrn Ferdinand von GIOVANELLI vervollständigte und die botanischen Sammlungen des Landesmuseums Ferdinandeum ergänzte und ordnete.

Unter den Mitarbeitern der Ferdinandeumszeitschrift erscheinen auch Hugo Graf ENZENBERG mit einem Beitrag: "Zur Botanik Nordtirols" im 9. Band der 3. Folge (1860) und Josef von SCHMUCK mit der Abhandlung: "Flora der Umgebung von Sterzing" im 12. Band (1865). Ein tüchtiger Botaniker war auch der als Genealoge erwähnte Sektionschef im Unterrichtsministerium Ludwig Freiherr von HOHENBÜHEL (1817-1885) [27]. Universitätsprofessor Karl Wilhelm von DALLA TORRE (1856-1928) schenkte seinem Vaterland die 6 Bände in 8 Teilbänden umfassende "Flora der gefürsteten Grafschaft Tirol", Innsbruck 1900-1913. Als tüchtiger Mitarbeiter zeichnet Ludwig Graf SARNTHEIN (1861-1914) im Hauptberuf Jurist und Statthaltereirat wie sein jüngster Bruder Landesregierungsrat Rudolf Graf SARNTHEIN (1883-1962) und dessen Altersgenosse und Kollege Oberregierungsrat Hermann Freiherr von HANDEL-MAZZETTI (1883-1963); dieser konnte in zahlreichen Aufsätzen von neuentdeckten Varianten und neu festgestellten Standorten mitteilen. Botaniker im Hauptberuf war sein älterer Bruder Heinrich Baron HANDEL-MAZZETTI (1882-1940); dieser brachte auf Forschungsreisen wertvolle Ergebnisse zusammen. Er konnte dadurch im Ausland zum Ruhm österreichischer Naturforschung beitragen; als Kenner der Flora von China genoß er internationales Ansehen.

Als Zoologen erscheinen unter den Mitarbeitern der Museumszeitschrift: Valentin von AICHINGER im Jahrgang 1870, Ludwig Baron LAZARINI-Zobelsberg (1849-1930), 1885 und 1888, Joseph von TRENTINAGLIA im Jahrgang 1865. Der bedeutende Ornithologe Viktor von TSCHUSI zu Schmidhofen (Prag 1847-1924 Hallein) war wie sein Nachruf berichtet, tirolischer Abstammung [27a]. Als zeitgenössischer Zoologe wirkt Hannes Freiherr von AN DER LAN an der Landesuniversität.

Ein berühmter Geograph war Franz von WIESER (1843-1923), besonders bekannt geworden durch seine Forschungen über die ersten kartographischen Darstellungen Amerikas. Auch der Nordpolforscher Julius von PAYER (1842-1905) war tirolischer Herkunft.

Geologen und Mineralogen: Leopold von BUCH, Jg. 1826 und 1827, Carl Cäsar von LEONHART, so 1834, Alois von PFAUNDLER, so 1825 und 1826. Joseph von SENGER veröffentlichte im 3. Bande des "Sammler für Geschichte und Statistik von Tirol", Innsbruck 1808 den Bericht über "eine Gebirgsreise in die Täler Fleims und Fasse" und Wilhelm von SENGER im Jahre 1821 bei Wagner in Innsbruck den "Versuch einer Oryctographie der gefürsteten Grafschaft Tirol". Dem hervorragenden Straßen- und Brückenbauer Leonhard LIEBENER (1800-1869) [28], der auch als Mineraloge durch neue Entdeckungen Vorzügliches leistete und im Jahre 1852 ebenfalls bei Wagner in Innsbruck eine Zusammenstellung in Form eines handlichen Taschenbuches "Die Mineralien Tirols", veröffentlichte, wurde im Jahre 1868 der erbliche Adelsstand zuteil.

Noch immer unersetzlich ist der von Karl Wilhelm von DALLA TORRE (1850-1928) verfaßte "Naturführer Tirol" aus der Reihe von Junks Naturführern, Berlin 1913. Im Taschenbuchformat enthält er alles Wissenswerte über geologische Verhältnisse, Mineralien, Fauna, Flora jeder tirolischen Gegend, auch Natursagen und Fundberichte sind mitgeteilt, sodaß das Werk ein aufschlußreicher Begleiter der Bergwanderer ist. - Gute Übersicht gibt auch die zusammenfassende Darstellung des ehemaligen Generalstabsobersten Robert von SRBIK (1878-1948): "Der Tiroler Bergbau in Vergangenheit und Gegenwart", erschienen in den "Berichten des medizinisch-naturwissenschaftlichen Vereins", Bd. 41, Innsbruck 1920. Hinzuweisen ist auch auf das Standardwerk des um Landesforschung und Kulturgeschichte Tirols hochverdienten Gründers und Herausgebers der Schlern-Schriften, Universitätsprofessor Raimund von KLEBELSBERG (1886-1967): "Geologie Tirols" (Berlin 1935). Eine Klimatographie von Tirol und Vorarlberg veröffentlichte Heinrich von FICKER (1881-1957) im Jahre 1909 und eine Studie über den Innsbrucker Föhn 1948.

Unter den Ärzten Tirols aus dem vorigen Jahrhundert war Karl von TOLDT (1840-1920) zu den angesehensten zu zählen. Ein tüchtiger Wissenschaftler war Professor Emanuel von HIBLER aus Lienz. Er starb am 23. Juni 1911 an einer im Dienst erlittenen Infektion. Eine vom Bildhauer Josef LIEBER geschaffene Gedenktafel ist zur Erinnerung an jenen verdienten Gelehrten im Pathologischen Institut der Universität Innsbruck angebracht [29]. Der berühmte Wiener Chirurg Julius von HOCHENEGG (1859-1940) stammte aus einer Tiroler Familie. Sein Großvater, Sohn einer Ehrwalder Kleinbauernfamilie, hatte sich um 1810 in Graz als Gewerbetreibender niedergelassen, dessen Sohn war ein angesehener Gerichtsadvokat, beide Enkel wurden Hochschulprofessoren. Professor Julius Hochenegg erhielt am 12. November 1914 von Kaiser Franz Josef den Adelsstand, doch der Tod seines einzigen Sohnes am 9. Mai 1915 am russischen Kriegsschauplatz beraubte ihn eines Nachfolgers. Professor Julius von Hochenegg verfaßte ein viel benütztes Lehrbuch der Chirurgie. Auch der angesehene Kinderarzt Professor Meinrad von PFAUNDLER (1872-1947) faßte seine Erfahrungen in einem Werk "Die Krankheiten des Kindesalters" zusammen. Zwischen 1943-1967 kam es in 23 Auflagen heraus.

Als berühmter Chemiker sei Ludwig BARTH von Barthenau (1839-1890) genannt [30], als hervorragender Mathematiker Leopold von PFAUNDLER zu Hadermur (1839-1920) [31]. Einer der berühmtesten Physiker des 19. Jahrhunderts war der Nobel-Preis-Träger Philipp Neri von LENARD (1862-1947). Zwar in Preßburg geboren entstammte er einer in Thaur ansässig gewesenen Adelsfamilie.

Ein angesehener Astronom war Josef von HEPPERGER aus Bozen (1855-1931), der Direktor der Wiener Sternwarte. Vor allem machte er sich einen geschätzten Namen durch Forschungen über die Kometenbahnen.

Auch auf dem Gebiet praktischer Arbeit bewährten sich Mitglieder tirolischer Adelsgeschlechter. Aus dem wertvollen Buch des Diplomingenieurs Ernst von ATTLMAYR: "Tiroler Pioniere der Technik", Innsbruck 1968, greife ich nur den Abschnitt über den Bozner Johann Josef von MENZ (1719 bis ca. 1811) heraus. Dieser hatte im Jahre 1756 als Frucht seines medizinischen Studiums eine Dissertation über gesundes und einfaches Leben veröffentlicht und sich dann der Technik zugewandt. Zuerst befaßte er sich erfolgreich mit dem Entsumpfen des "Bozner Mooses", dann aber mit dem Verbessern des Haller Salinenbetriebes. Gemeinsam mit dem ebenfalls zur Technik übergegangenen Dr. med. Franz Nikolaus STERZINGER von Salzrain entwickelte er eine brennstoffsparende Methode des Salzsiedens, die über die im Jahr 1711 von Adam Anton von TSCHIDERER-Gleifheim eingeführten Verbesserungen noch weit hinausgingen. Als Salzmair ging J. J. von Menz 1766 dazu über, die eigens hiefür konstruierten neuen Salzpfannen mit Häringer Braunkohle zu heizen; damit hörte arger Raubbau in den tirolischen Wäldern auf.

Auf technischem Gebiet ragten weiter hervor: der berühmte "Gasteiger-Khan", Albert von GASTEIGER aus Innsbruck (1823-1890) [32]. Als Ingenieur zuerst Mitarbeiter beim Bau der Semmeringbahn, folgte er im Jahr 1860 einer Berufung nach Persien, um dort Straßen und Festungen zu bauen. 1888 kehrte er nach glänzenden Leistungen als kaiserlich persischer General 1. Klasse mit der Würde eines Khan und Emir Pentsch in seine Heimat zurück, allerdings von Neidern, die ihm seine Erfolge mißgönnten, hinausgeekelt. Ebenfalls mußte auch der berühmte Planer des Suezkanals, Alois von NEGRELLI aus Primör (1799-1858) [33] den Undank der Welt erfahren! Gebührende Anerkennung im Ausland fand Hugo von KAGER aus Bozen (1847-1921) [34]. Ihm war es vergönnt große Arbeiten durchzuführen, die seiner Fähigkeiten würdig waren; seine leitende Mitarbeit am Bau der St.-Gotthard-Bahn, am Simplontunnel und großen Wasserwerken trugen ihm Dank und ehrlich gezollte Anerkennung ein.

Dem eigenen Vaterlande galt die langjährige Dienstleistung eines anderen Tiefbauingenieurs von treuer Tiroler Gesinnung; stets ließ sich Hofrat Robert von NEUNERBREITENEGG, geb. 1901, von Rücksicht auf den Heimat- und Landschaftsschutz leiten. Jetzt, in seinem Ruhestand, tritt er mit einem beachtenswerten Projekt, dem Plan einer Flachbahnlinie unter dem Brennerpaß, an die Öffentlichkeit.

Als Brückenbauer bewährte sich Hofrat Dipl. Ing. Franz von GERLICH (geb. 1885); er veröffentlichte 1957 auch ein schönes Werk über die Brücken Tirols. Als erfahrener Wildbachverbauer erstellte Diplom-Ingenieur Hofrat Otfrid von VITTORELLI zahlreiche unsere Siedlungen und den Kulturboden schützende Anlagen.

Sehr viel wurde im einst so erz- und salzreichen Land Tirol auf dem Gebiete des Bergbaues geleistet. Es wurde auch viel über montanistische Technik und Bergwerksgeschichte geschrieben; wieder war der Adel daran hervorragend beteiligt!

Zwar zu Unrecht gilt das noch in sieben Handschriften erhaltene Schwazer Bergwerksbuch als Werk des gebürtigen Innsbruckers Georg von ETTENHART. Dieser war als tüchtiger Fachmann nach Spanien berufen worden und am 17. Jänner 1648 in Madrid verstorben. Jenes Werk wird zwar meistens der "Ettenhartische Codex" genannt, ist aber schon um 1556 entstanden. Es dient praktischen Zwecken und schildert die Arbeitsweise im Berg [35]. Die "Tyroler Bergwerksgeschichte" des Joseph von SPERGES (1725-1790), Wien 1763, ist die grundlegende historische Arbeit über den heimischen Bergbau. Über den Haller Salzbergbau gibt es als akademische Abhandlung den "Iter per salinas Tyrolenses", Innsbruck 1707. Als Vorsitzender zeichnet der Jesuit P. Franz GAUN, als Referent der Studierende Johann Elias Oswald FEIGENPUZ von Griesegg aus Salurn. Wieder möchte man eher dem Letzteren die Verfasserschaft zumuten! Sechzig Jahre später erschien das Buch "Ursprung und Beschreibung des Hall-innthalischen Kochsalzes", 2. Auflage, Innsbruck 1767, verfaßt von Nikolaus STERZINGER von Salzrain.

Der spätere Berg- und Salinendirektor Andreas Hofers, Josef von SENGER (1748-1828) veröffentlichte im ersten Bande der schon erwähnten Zeitschrift: "Sammler für Geschichte und Statistik von Tirol", Innsbruck 1807, "Beiträge zur Geschichte des Bergbaues in Tirol". Der in Fügen gebürtige Bergwerksbeamte Ignaz von SCHMUCK (1810-1882) verfaßte einen "Versuch eines Beitrags zur montanistischen Verwaltung und Rechnungskunde" [36].

Aus den Abhandlungen des Max von ISSER-Gaudententhurm (1851-1928) sei nur eine genannt, der "Schwazer Bergbau" in der Zeitschrift des Ferdinandeums, 3. Folge, Bd. 37, 1893. Ein vielbenütztes Werk verdanken wir Max WOLFSTRIGL VON WOLFSKRÖN (1849-1903): "Die Tiroler Erzbergbaue 1301-1665", Innsbruck 1903. Im folgenden Jahr erschien von Stephan von WORMS: "Schwazer Bergbau im 15. Jahrhundert", Wien 1904.

Vom weiterdauernden Interesse des Adels am Bergbau sprechen die Innsbrucker Dissertationen des Adolf von BRUNSWIK de Korompa: Die geschichtliche Entwicklung des Bergbaus in Nordtirol mit einem Ausblick auf die Zukunft , 1928, und des Stephan PHILIPPOVICH: Arbeitsrecht im Bergbau, 1935.

Nach dem Blick auf ein reiches schöngeistiges und wissenschaftliches Schrifttum wäre man geneigt, über volkstümlich-belehrende Veröffentlichungen hinwegzusehen. Man könnte jene "unbedeutenden", meist kleinen Schriften außerachtlassen. Auffallend ist jedoch, wie sehr sich Adelige bemüht haben, Bildung ins Volk zu tragen und es in Rechtsfragen zu beraten. Ich nehme die Beispiele aus dem Verlagskatalog der Wagnerischen Universitätsbuchhandlung in Innsbruck, Innsbruck 1904, in derselben Reihenfolge wie sie dem alphabetisch geordnetem Verzeichnis zu entnehmen ist:

An der Grenze zwischen einer wissenschaftlichen Abhandlung und einer für weitere Kreise berechneten Rechtsunterweisung steht vielleicht die Veröffentlichung des Robert Freiherrn von BENZ: Autonomie und Zentralismus in der Gemeinde. 1895, 56 Seiten. Dann folgen von Hans von HELLRIGL: Die neue Fahrpostfrankierung mit Briefmarken. 1890. Als Plakat. - Verzeichnis der Postorte in Österreich-Ungarn. 1890, 88 Seiten. - Heinrich von KADICH: Das Landeskultur-Schutzorgan in Tirol und Vorarlberg. 1897, 61 Seiten. - J.J. von KALER: Gemeinnützige allgemeine Wandstempeltarife. 1830. Plakat. - Neueste Rechnungsscalen zum Gebrauch für k.k. Beamte. 2 Hefte, 1816-1820. - Auszug aus sämtlichen k.k. österreichischen Vorschriften in Stempelsachen. 2. Auflage 1828, 160 Seiten. - Eduard von LARCHER zu Eisegg: Erörterungen über das gesetzliche Pfandrecht des Vermiethers und Pächters. 1885, 105 S. - Anton Freiherr von MAGES: Verfachbuch oder Grundbuch. 1862, 72 Seiten. - Ferdinand von MITIS: Register desStempel- und Taxgesetzes vom 27. Februar 1840. 1840, 47 Seiten. - Übersicht der stempel- und taxpflichtigen Urkunden. 1841, 24 Seiten. - Franz von SCHWIND: Der Rechenstab für das des gewöhnlichen Rechnens unkundige Publikum eingerichtet. 1872, 2, Auflage 1879, Neudruck 1884, 30 Seiten. - J. Deodat Freiherr von SPIEGELFELD: Andeutungen zum Entwurf eines neuen Stömpelgesetzes. 1848, 45 Seiten. - Erläuterungen des Stämpel- und Taxgesetzes von 1840. 1843, 336 Seiten. Nachtrag 1846, gen des Stämpel- und Taxgesetzes von 1840. 1843, 336 Seiten. Nachtrag 1846, 175 Seiten. - Wilhelm von THIERRY: Ratschläge zur Kultur der japanischen Seidenraupe. 1867, 20 Seiten. - Anton von WALTENHOFEN: Astronomie und Optik in den letzten Dezennien. Populäre Skizze. 1862, 32 Seiten. - Johann Kaspar von WÖRNDLE Leichtfaßlicher Unterricht über die zweckmäßige Führung von Vormundschaften. 1832, 115 Seiten. - Joseph von ZALLINGER: Versuch einer Abhandlung über die in Tirol übliche Art des Weinhandels. 1833, 63 Seiten.

Diese Liste aus einem einzigen Buchverlag gibt Zeugnis wie es Adeligen sozusagen im Blut lag, ein Lehramt als Berater des Volkes auszuüben. Sie kannten dessen Bedürfnisse und haben mit solchen populären Schriften gewiß vielen Leuten gute Dienste getan!

Von einem "im Blute liegenden Lehramt des Adels" läßt sich bei neu geadelten Verfassern volkstümlicher Schriften allerdings nicht sprechen. Oder sollte man ihnen, so wie es früher üblich war, "Ahnen schenken"? Weil nur der adelig Geborene als vollwertig galt bestätigen zahlreiche Adelsdiplome: schon die Vorfahren des Empfängers hätten den Adel geführt, den man jetzt erneuere! Vielleicht hatte diese Notlüge das Gute, um von Persönlichkeiten aus geachteten bürgerlichen Familien und einer dem Adel entsprechenden Geisteshaltung das Odium eines Emporkömmlings fernzuhalten?

Die stete Fühlung des Adels mit dem Volke gab auch Anlaß sich mit der Volkskunde zu beschäftigen. Wertvolle Beiträge volkskundlicher Art finden wir auch in der ältesten Heimatzeitschrift Tirols, dem von Joseph von HÖRMANN, Andreas DI PAULI und Joseph von SENGER gegründeten "Sammler für Geschichte und Statistik von Tirol", Innsbruck 1806-1809. U.a. veröffentlichte Karl PRUGGER von Pruggheim (1763-1841) im dritten Bande (1808), einen Beitrag über die Mundart des Leuckentales. Der auch als Dichter genannte Joseph Freiherr von HORMAYR stattete seinen Text zum Stahlstichwerk "Views in the Tyrol from drawings after original sketches by Johanna von ISSER geb. Großrubatschei..., London 1833" mit volkskundlichen Ausführungen aus [37]. Selbstverständlich gab es auch vorzügliche Volkskundler bürgerlicher oder bäuerlicher Herkunft wie Johann Jakob STAFFLER (1783-1858), Beda WEBER (1798-1858) und die für ihre Verdienste in den Adelsstand erhobenen Adolf PICHLER (1819-1900) und Ignaz Vinzenz ZINGERLE (1825-1892). Ein treffsicherer Beobachter des Volkes und seiner Eigenheiten war der langjährige Direktor der Innsbrucker Universitätsbibliothek Ludwig von HÖRMANN (1837-1924) [38]. Hier sei nur auf seine bekanntesten Werke verwiesen: "Tiroler Volkstypen", Wien 1877, und sein "Tiroler Volksleben", Stuttgart 1908. Er schrieb auch anregende Wanderbücher durch Tirol und Vorarlberg, die viel Kulturgeschichtliches enthalten.

Volkskundliche Abhandlungen veröffentlichte im Schlern der Innsbrucker Germanist Oswald von ZINGERLE (1854-1937). Ein eifriger Deuter alter Sagenüberlieferungen war noch in hohem Alter der in Rum ansässige Mittelschulprofessor im Ruhestand Anton von AVANZIN (gestorben 1970).

Auch nach Tirol blickte Karl Freiherr von GUMPPENBERG aus München (1849-1928) in seinem Werk "Das Bauerntheater Südbayern und Tirols", Wien 1889. Theater wurde aber auch viel in Adelspalästen gespielt. Manches wurden öffentliche Aufführungen mit Hilfe von adeligen Teilnehmern gegeben, besonders wenn es sich darum handelte, einem wohltätigen Zweck Mittel zuzuführen. FISCHNALER's Innsbrucker Chronik berichtet zum Beispiel von einer Aufführung von Lessings "Emilia Galotti" durch adelige Dilettanten im Jahre 1784 [39], Ein Kreis junger Studenten aus den Familien von GIOVANELLI, von SCHNELL u.a. führte im Sommer 1848 am Ritten Komödienspiele auf zu Gunsten verwundeter Kaiserjäger [40]. Eine von den Schloßbesitzern liebevoll aufbewahrte barocke Bühneneinrichtung befindet sich in Lichtenwerth, Gemeinde Münster im Unterinntal. Beliebt waren auch Marionettenspiele im häuslichen Kreis. Ich besitze heute noch die zum Puppentheater meiner Urgroßeltern INGRAM-WEINHART gehörigen Figürchen. Auch durchziehende italienische Schauspieler boten sich an, in den Häusern des "hohen Adels" ihre Puppen vorführen zu dürfen [41].

So wie sich im Mittelalter die Tore der Burgen und die Herzen der Insassen den fahrenden Sängern und ihren Weisen geöffnet hatten, versammelten sich später in den Adelspalästen für Dichtung, Kunst und Wissenschaft begeisterte Kreise.

In der "Innsbrucker literarischen Gesellschaft", der sogenannten "Academia Taxiana", die von etwa 1736 bis 1756 bestand [42], trafen sich auch die Spitzen des Adels. Sie erhielt ihren Namen nach ihrem Treffpunkt im Bibliothekssaal des Grafen Leopold von THURN und TAXIS. Ihr gehörten an der Wiener Kardinal Christoph Graf MIGAZZI aus Trient, der Fürstbischof von Brixen Joseph Graf SPAUR, Landeshauptmann Paris Graf WOLKENSTEIN, Minister Karl Freiherr von FIRMIAN, der "k.k. wirkliche Hofrath" Joseph Freiherr von SPERGES, der Vizekanzler Freiherr von ROSSI, Karl Graf WELSBERG und andere Persönlichkeiten von Rang und Ansehen. Die Akademie hielt auch mit auswärtigen Gelehrten regen Kontakt. Nikolaus GRASS hat schon wiederholt auf die geistesgeschichtliche Bedeutung jener Vereinigung hingewiesen; er hat eine eingehende Arbeit über die "Academia Taxiana" im Druck. Die aufgezählten vornehmen Namen könnten den Eindruck erwecken, es handle sich um eine exclusive Gesellschaft hochadeliger Kreise. Tatsächlich waren genauso auch bürgerliche Gelehrte unter den Mitgliedern. Unter anderen verkehrte der stets in ärmlichen Verhältnissen lebende Geschichtsforscher Joseph RESCH (1716-1782), ein Weltpriester ohne höheren Rang, in der Akademie und erntete dort Anerkennung [43]. Denn jeder geistig Schaffende war willkommen!

Wissen und Bildung sollten nach dem Willen einsichtsvoller Männer ein allgemeines Volksgut werden! Josef EGGER rühmt den "vorzüglichen Gouverneur" Kassian Ignaz Grafen ENZENBERG (geboren 1709, Gouverneur seit 1764, gestorben 1782) wegen seiner großen Verdienste um das heimische Schulwesen [44]. Wenn die Volksbildung in Tirol im allgemeinen auf höherer Stufe stand als in anderen österreichischen Ländern, mag dies seiner guten Volksschule zu verdanken sein! - Schon erwähnt ist die Hochschulreform unter dem Unterrichtsminister Leo Graf THUN (1811-1888); er gehörte allerdings dem seit Jahrhunderten in Böhmen ansässigen Zweig jenes berühmten Tiroler Geschlechts an, sodaß man kaum mehr von einer tirolischen Leistung sprechen kann.

Pflege der höchsten Menschheitsideale galt als Hauptziel in den zu jener Zeit aufgekommenen Freimaurerlogen [45]. Hauptförderer der im Jahre 1777 zu Innsbruck gegründeten Logen "Zu den drei Bergen" und "Samos" war Leopold Franz Graf KÜNIGL (1726-1813).

An weitere Treffpunkte auf höherer Ebene ist man erinnert, wenn man Wilhelm Heinrich RIEHL's Schilderung eines Geigerquartettes liest [46]: Zwei Freiherrn besuchen sich abwechselnd auf ihren Burgen. Der eine ist von seinem Gutsverwalter, der andere von seinem Kammerdiener als Mitwirkendem begleitet. Sie spielen gemeinsam Werke von Joseph Haydn. Macht einer zufällig einen falschen Einsatz, erhält er Tadel ohne Rücksicht auf seinen Rang. Gelingt das Spiel in ungestörter Harmonie, dann bilden die vier ungleichen Partner eine Gemeinschaft der Seligen, verklärt und über Standesunterschiede hinweggehoben durch den Zauber unsterblicher Melodien!

Gute Hausmusik gehörte auch in Tirol zu den Liebhabereien gehobener Schichten. Am 14. Dezember 1769 konzertierte der damals dreizehnjährige Wolfgang Amadäus MOZART im Hause des vorhin erwähnten Grafen Leopold Franz KÜNIGL [47]. Zwei Jahre später, am 26. Oktober 1771, spielte er auch auf der Orgel des Königlichen Stifts zu Hall; es war nicht nur durch vorbildliche Wohlfahrtspflege, sondern auch durch sein vorzügliches Orchester berühmt [48]. In Bozen hielt sich Ludwig Graf SARNTHEIN (1792-1867), der Gatte der reichen Annette von MENZ, eine eigene Musikkapelle; er ließ im Merkantilgebäude sogar Opern aufführen [49]! Kammermusik, auch Symphonien, erklang in Hall im Hause des Großkaufmanns Matthias von WENGER zu Wiesenburg (1758-1820) [49a].

Der Vorliebe des Adels für das Reich der Töne entspricht es, daß auch eigene, weit über den Dilettantismus hinausgehende Leistungen zu nennen sind. So war der Bozner Edelmann Anton von MAYRL (1810-1869) Komponist wertvoller Oratorien und Messen [50] und P. Hartmann von AN DER LAN (1863-1914) aus dem Orden des hl. Franziskus, als Organist und Komponist ein berühmter Meister kirchlicher Musik. Franz von GOLDEGG in Bozen hinwiederum war, um ein anderes Beispiel zu nennen, ein tatkräftiger Förderer des heimischen Tondichters Matthäus NAGILLER (1815-1874) [51]. Im Ausüben wie im Fördern der schönen Künste erfüllte der heimische Adel eine wichtige Kulturaufgabe!

Ausübende Musiker der Gegenwart: Imre Graf SEILERN in Hall als meisterlicher Geigenspieler, das Innsbrucker Ehepaar Bernhard Freiherr von HANDEL und Johanna von SALIS als vorzügliche Orgel- und Cembalospieler, auch der hochbegabte Pianist Othmar von RICCABONA führen die Überlieferung weiter.

HOCHENEGG, Hans - "Der Adel im Leben Tirols - Eine soziologische Studie", in Studien zur Rechts-, Wirtschafts- und Kulturgeschichte Bd. VIII, Innsbruck 1972.

 

5. Der Adel und die Kunst

Auch im Adel regten sich künstlerische Talente und es gehörte zum guten Ton sie entsprechend auszubilden. Aber während berühmte Künstler bürgerlicher Herkunft vielfach mit Wappen und Adelstiteln ausgezeichnet wurden und keinen Anstand nahmen fürstliche Honorare zu empfangen, war der geborene Adelige an einer berufsmäßigen Kunstausübung gehemmt; das Ausüben eines bürgerlichen "Handwerks" wäre mit seiner Würde nicht vereinbar gewesen. So wies mein verehrter Lehrer der Kunstgeschichte, Professor Heinrich HAMMER (1873-1953) seinerzeit in seinen Vorlesungen darauf hin, daß ein Sproß der Innsbrucker Architektenfamilie GUMPP. Ritter von Fragenstein, der Maler Johann Anton (1654-1719) auf seinen Titel verzichten mußte, um in München sein Gewerbe ausüben zu können.

Kunsttätigkeit der Adeligen geschah also mehr aus Liebhaberei, doch wurden Leistungen erzielt, die vielfach eines tüchtigen Meisters würdig waren. Bemerkenswertes leistete zum Beispiel der Kanzler Matthias BURGKLEHNER (1573-1642) als Zeichner von Tiroler Karten, die dann in Holzschnitt und Kupferstich vervielfältigt wurden. Sicherlich war er auch am Bilderschmuck seiner mehrbändigen Landesbeschreibung: "Der Tyroler Adler" beteiligt [1].

Aus Welschtirol ist in Lemmens "Tiroler Künstlerlexikon" [1a], Innsbruck 1830, eine ganze Reihe solcher Amateurkünstler genannt: von ALBERTI aus Cavalese (1664-1730), ein Weltpriester, der zahlreiche Altarblätter malte, Johann Baptist Anton von SCARTEZZINI aus Civezzano, gest. 1726, ein vortrefflicher Historien-, Landschafts- und Blumenmaler, Kaspar Anton von BARONI-Cavalcabo aus Sacco (1682-1759); er war in Verona zum Maler ausgebildet worden, dann aber auf seinem väterlichen Boden geblieben und malte unentgeltlich kirchliche Gemälde. Berufskünstler waren Gabriel von GABRIELI aus Rovereto (1671-1747), als tüchtiger Architekt Oberbaudirektor der Markgrafen von Ansbach und des Bischofs von Eichstätt. Dann die Söhne des geadelten Porträtisten Johann Baptist LAMPI, richtig Lamp (1751-1830), der aus dem Pustertal stammte, aber zu Romeno am Nonsberg zur Welt kam, nämlich Johann Baptist von Lampi der Jüngere (1775-1837) und Franz von Lampi (1783-1852); beide waren gleich ihrem berühmten Vater angesehene Bildnis- und Historienmaler.

Ein vorzüglicher Zeichner war der in Salzburg lebende Laktanz Freiherr von FIRMIAN (1712-1786) aus jener bekannten Tiroler Familie. Er war auch geschickt im Modellieren von Porträtköpfen. Manche seiner Entwürfe wurden in Kupfer gestochen. Er hatte in seiner Familie einen gleichnamigen Nachfolger; Laktanz Graf Firmian in Kronmetz (1879-1946) war ein weltgereister Porträtmaler.

In Wien wirkte an einflußreicher Stelle, die er zum Besten der Tiroler Künstler ausübte, der Hofrat Joseph Freiherr von SPERGS (Sperges) aus Innsbruck (1725-1791), denn er war nicht nur ausübender Künstler, der 1739 eine Karte von Südtirol, mehrere Medaillen und den Plan der Innsbrucker Triumphpforte entwarf, sondern auch ein Förderer der Wiener Kunstakademie und aller jungen Talente.

Ein Freund der Gelehrten und Künstler war auch der k.k. Hauptmann Thaddäus Graf TAXIS, gestorben 1799 in Innsbruck. Er selbst malte Landschaften, auch Bilder aus der Umgebung von Innsbruck.

Sehr hübsche Naturaufnahmen und Architekturstücke besitzt das Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum als letztwillige Widmungen des Augustin Anton von PFAUNDLER zu Sternfeld (1757-1822).

Wiederholt treten uns adelige Namen auf den in der Biedermeierzeit beliebten Stammbuchblättern entgegen, reizende Schöpfungen feinsinnig empfindender Liebhaberkünstler. Ich selbst besitze zum Beispiel als Familienstücke ein von ihm eigenhändig gemaltes Andenkenbildchen an das goldene Priesterjubiläum des bekannten Physikers P. Ignaz von WEINHART SJ (1705-1787) aus dem Jahre 1785, eine hübsche Bleistiftzeichnung, Ruinenlandschaft, des Universitätsprofessors Franz Xaver von Weinhart (1746-1832) und ebenfalls eine fein ausgeführte Zeichnung mit dem Titel: "Nur ein Hüttchen still und friedlich, 1813" seiner Tochter Anna (1794-1875), der späteren Gattin des Kaiserjägerhauptmanns Kaspar von INGRAM. Auch der Bruder meiner Urgroßmutter konnte gut zeichnen. Er sandte ihr aus dem Felde ein Blatt mit einem flott gemalten und mit der Nadel nachgestochenen Vergißmeinnicht und einem Rosenzweig, dazwischen mit der Inschrift: "Wenn Dir zur Rechten stets die schönsten Rosen winken, So blüh Vergißmeinnicht zu Deiner Linken!". Auf der Rückseite: "Neujahrswunsch von Deinem Bruder Carl anno 1814, den 1 ten Jenner, bey dem I. Feld Baon, IV. ter Compagnie, Würzburg".

Ich glaube es genügt auf vier geschickte Zeichner aus einer einzigen Familie hinzuweisen, um zu belegen,wie sehr im Adel die Liebhaberkünste gepflegt worden sind. Würde man die da und dort aufbewahrten Stammbücher aus Adelsbesitz planmäßig durchblättern, käme man sicherlich auf eine Menge bisher unbekannter Künstlernamen!

Als begabte Radierer werden u.a. der Priester Joseph von LEMMEN (1808-1888) und mehrere Mitglieder der in adeligen und bürgerlichen Zweigen blühenden Familie PFAUNDLER genannt, ein Joseph von PÜTZ schuf gefällige Steindrucke. In Stahlstich vervielfältigt wurden die Burgenzeichnungen der Frau Johanna von ISSER, geb. Grossrubatscher (1802-1850). Unter den Bürgerlichen, die wegen sonstiger Verdienste mit Erhebung in den Adelsstand ausgezeichnet wurden, sind als begabte Kunsttalente zu nennen: u.a. Leonhard von LIEBENER (1800-1869), Johann von WIESER (1806-1886) und sein Bruder Ludwig von WIESER (1808-1888). Den Adel erlangten auf Grund ihrer künstlerischen Leistungen u.a. Karl Blaas (1815-1890), Franz von Defregger (1835-1921).

Der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gehörten ferner an: der Schloßherr von der Weiherburg Richard von ATTLMAYR (1831-1910), ein Schüler der Münchner Kunstakademie, dann der religiöse Meister Edmund von WÖRNDLE (1827-1906) und sein gleichstrebender Sohn Wilhelm (1863-1927). Ein geschätzter Vertreter der kirchlichen Kunst war auch der in Innsbruck ansäßig gewordene Wiener Albrecht von FELSBURG (1838-1905). Ein erst in jüngster Zeit wieder entdeckter Impressionist war Theodor von HÖRMANN (1840-1895).

Zur älteren Generation gehören auch noch als Maler des Hochgebirges der Landesgerichtsrat Josef von TRENTINAGLIA (gest. 1849), als Maler von Jagdszenen der Schloßherr von Matzen, Ludwig SCHNORR von Carolsfeld (1824-1905). Ein begabter Zeichner war Gabriel von KALER (gest. 1873). In unser Jahrhundert ragen als Landschafter Bezirkshauptmann Gustav von GASTEIGER (1829-1890) und sein Sohn Generalmajor Erich von GASTEIGER (1873-1938). Hofrat Gotthard Freiherr von AN DER LAN (1872-1934) und dessen Gemahlin Helene, geb. Baronin Buschman (1881-1952).

Zu ihnen gehören auch der feinsinnige Landschafts- und Porträtmaler Fritz von EBNER-Rofenstein (1869-1922), der vortreffliche Porträtist und Maler verschneiter Gebirgslandschaften Max von ESTERLE (1870-1947), Edmund von LANDSEE (1882 bis ca. 1930), Moriz von BAUERNFEIND (1870-1947), der Graphiker Otto von MÜLLER-NORDEGG (1873 bis ca. 1945), der beliebte Aquarellist Eduard Freiherr von HANDEL-MAZZETTI (1885-1950) [2], der phantasiebegabte Holzschneider Sido von SCHROM (1887-1960), im Hauptberuf Leiter des Landesinvalidenamtes. Visionäre Erscheinungen stellte dar der feinsinnige Malerdichter Paul von RITTINGER (1879-1953). Ein guter Landschafter war auch Anton ECCHER von Marienberg (geb. 1871).

Als Künstlerinnen sind u.a. zu nennen: Ilka von GSCHLIESSER-Innegg, geb. Magistris (1869-1949), ihre Tochter Elly, verehelichte Baronin CORNARO, eine Kunsterzieherin und tüchtige Graphikerin, dann Margarethe ESCHERICH, geb. von PFAUNDLER (1870 bis ca. 1940), die gute Porträtistin Fanny von INAMA (1870-1928), die Graphikerinnen Lena von BAUERNFEIND (gest. 1953), Magda von LERCH (1871-1938), die vorhin erwähnte Baronin Helene von AN DER LAN, geb. Baronin Buschman (1881-1952), Herma Baronin UNTERRICHTER, geb. Heidler Edle von Heilborn (1883-1963) in Brixen, Frau Martha von KLEBELSBERG, geb. von Persa (1883-1951), dann die in schwierigen Aufgaben bewährte Restauratorin alter Gemälde, Frau Hanna von PHILIPPOVICH, geb. REININGHAUS (1890-1970). Ihr verdienstvolles Wirken hat ein Seitenstück! Die in Adelskreisen seit jeher gepflegte Kunststickerei vertritt Frau Maria Gräfin PFEIL, geborene Gräfin SPIEGELFELD. Ihrer Hand ist es zu verdanken, daß schon über hundert vom Verfall der Seide betroffene Schützenfahnen und zahlreiche ehrwürdige Ornate wieder bestens instandgesetzt sind.

Seinerzeit hatten die Gräfinnen TANNENBERG besondere Kunstfertigkeit bewiesen, als sie mit unendlichem Fleiß die Reliquien der hl. Nothburg und des hl. Andreas von Rinn zusammensetzten und mit prächtiger Goldstickerei faßten. Franz GRASS beschreibt in seinen "Studien zur Sakralkultur" die triumphale Heimkehr der so kostbar geschmückten heiligen Leiber in ihre Heiligtümer in den Jahren 1738 und 1744 [3].

Namhafte Künstler und Künstlerinnen der Gegenwart sind unter anderem: Mia von ARCH, Grete Baronin HANDEL-MAZZETTI, Imre Graf SEILERN, ein geschätzter Porträtist und Blumenmaler, seine Gattin Margarethe, geb. Baronin CLES, eine vorzügliche Tiermalerin, dann sein Sohn der Graphiker Stephan Graf SEILERN. In Kufstein stellte 1946 Florenz von FUCHS-NORDHOFF, geb. 1914 auf Schloß Fügen, Graphiken aus. Er ist auch ein begabter Bühnenbildner.

In Bozen besteht eine wegen ihrer geschmackvollen Leistungen geschätzte kunstgewerbliche Anstalt des Grafen Othmar THUN-Hohenstein. Dessen Gemahlin Helene, geb. von GRABMAYR zu Angerheim bewährt sich als Innenarchitektin.

Eine Ausstellung des akademischen Bildhauers Elmar von OTTENTHAL, Plastiken aus Terrakotta in rhythmisch bewegten Formen und mit feiner Glasurmalerei bedeckten Fliesen, die der Künstler im Sommer 1971 in seiner Heimatstadt Innsbruck zur Vollendung seines fünfzigsten Lebensjahres veranstaltete, wurde in der Presse voll Anerkennung besprochen [3a].

Ich glaube zwar das Thema bei weitem nicht erschöpfend behandelt zu haben; wenigstens war versucht,eine halbwegs entsprechende Übersicht über die schöpferischen Kräfte aus dem im Lande beheimateten oder ansäßig gewordenen Adel zu geben. Weiters liegt es mir daran, auf die vielfache Hilfe hinzuweisen, die aufstrebenden Kunsttalenten von Adeligen zugewendet wurde.

Aus den Lebensbeschreibungen namhafter Meister der bildenden Kunst erfahren wir immer wieder Namen von Adelsherrn, denen sie ihre Ausbildung verdankten. Wer am Adel sonst nichts Gutes anerkennen will, darf wenigstens an solchen Tatsachen nicht vorbeigehen!

Ich möchte mich auf wenige Beispiele beschränken, die ich wieder dem "Tirolischen Künstlerlexikon" des Joseph von LEMMEN, entnehme: (S. 54 f.) Heinrich FRISCH aus Hamburg, ein junger Soldat und Maler, wollte, aus tripolitanischer Kriegsgefangenschaft entlassen in seine Heimat zurückkehren. Auf der Durchreise in Bozen vom Grafen BRANDIS aufgenommen und mit Aufträgen versorgt, machte er sich dann in Meran seßhaft. Zu Ansehen gekommen verblieb er dort bis zu seinem Tode im Jahre 1693.

(S. 88) Dem tüchtigen Bildschnitzer Josef HELL aus Vomp (1799-1832) hatte der schon als patriotischer Dichter erwähnte Graf Leopold KÜNIGL (1794-1874) den Besuch der Münchner Kunstakademie ermöglicht. Als Seitenstück läßt sich einschalten, daß die Fürsorge des Grafen Josef (III.) ENZENBERG (1802-1879) dem vorbestraften Wildschützen und begabten Schnitzer Anton STEGER von Eben (1818-1899) die Gründung einer geachteten Existenz ermöglicht hat [4].

(S. 131) Michael KÖCK aus Innsbruck (1760-1825) kam von Franz Josef (I.) Grafen Enzenberg (1745-1819) unterstützt zum Martin KNOLLER nach Mailand in die Lehre; er galt später als einer der fähigsten Maler Roms.

(S. 200) Matthias PUSSJEGER aus Rottenbuch in Oberbayern (ca. 1654-1734) fand in Meran einen Gönner im Freiherrn von FLUGI aus einem seit 1646 in Tirol immatrikulierten Schweizer Geschlecht. Durch Baron Flugis Unterstützung in Venedig ausgebildet und in Meran ansäßig geblieben,schuf er zahlreiche Altarblätter und gute Bildnisse.

(S. 236 ff.) Im Abschnitt über den schon erwähnten, selbst künstlerisch tätigen Freiherrn Joseph von SPERGES (1726-1791) sind jene Künstler genannt, die er in seiner amtlichen Stellung "als wahrer, uneigennütziger Patriot" gefördert hatte: die Maler KNOLLER, SCHÖPF, LAMPI, den Bildhauer ZAUNER, den späteren Direktor der Wiener Graveur- und Medailleurschule Thomas LANG aus Schwaz, die Kupferstecher Johann Peter PICHLER und Franz Karl ZOLLER. Er bemühte sich auch um den vom P. Ignaz von WEINHART ausgebildeten Kartographen Peter ANICH.

Ein hilfsbereiter Förderer junger Künstler war auch der um 1735 in Innsbruck amtierende Regierungspräsident Johann Franz Graf SPAUR. In ihrem Buch über den angesehenen Maler Franz Anton LEITENSDORFER aus Reutte (1721-1795) [5]) gibt Verena von GRABMAYR den Bericht eines Zeitgenossen wieder: Graf Spaur habe den begabten vierzehn- bis fünfzehnjährigen Burschen dem Paul TROGER in Wien zugeschickt und jahrelang die Kosten seiner Ausbildung getragen.

Schließlich sei auch auf den bis zur eigenen Verarmung wohltätigen Fürstbischof von Brixen, Karl Franz Grafen LODRON (Bischof von 1791-1828), hingewiesen; sein ganzes Einkommen Floß armen Leuten, bedürftigen Studenten und Künstlern zu.

Unermüdlich im Fördern von Kunsttalenten war auch der geistvolle, jedoch wegen seiner konservativen Einstellung als "finsterer Schwarzer" verlästerte Josef Freiherr von GIOVANELLI (1784-1845) [6]. Seinen aufschlußreichen Briefwechsel mit dem bedeutenden Außferner Maler Anton KOCH (1768-1839) veröffentlichte Otto von LUTTEROTTI in seinem Werk über den Künstler [7]. Der spätere Vorstand der Kunstakademie in Wien, Maler Karl BLAAS aus Nauders, erzählt in seiner Selbstbiographie [8] anweilend von seinem Aufenthalt im Giovanellischen Ansitz Hörtenberg bei Bozen.

Viele Künstler und Kunsthandwerker lebten von der Großzügigkeit, mit der vornehme Herrn ihre Bauwerke ausstatteten. Wir bewundern jetzt alles erhalten Gebliebene, seien es die mittelalterlichen Fresken auf Hocheppan oder in Runkelstein, die Renaissanceräume in Tratzberg oder der Prunk barocker Schlösser wie Wolfsthum in Mareit.

Auch wenn Adelsherren hohe kirchliche Würden bekleideten, prägten sie den von ihnen errichteten Kaltgebäuden ihren Lebensstil auf. Manchesmal allerdings wurden Kirchen und Abteien mit einem Aufwand neu erbaut, der in keinem Verhältnis zu den vorhandenen Mitteln stand - das kam auch bei bürgerlichen Bauherrn vor! Schon längst sind die Kosten überwunden; jetzt können wir uns ohne bitteren Beigeschmack über Kunstwerke freuen, die seinerzeit teuer zu stehn kamen! Schließlich: was wäre Innsbruck ohne Goldenes Dachl, Maximiliansgrab, Hofburg und Schloß Ambras, jene Denkmäler fürstlicher Kunstfreude.

HOCHENEGG, Hans - "Der Adel im Leben Tirols - Eine soziologische Studie", in Studien zur Rechts-, Wirtschafts- und Kulturgeschichte Bd. VIII, Innsbruck 1972.

 

6. Adelige im priesterlichen Beruf

Die Zeit, in der Vertreter der ersten Familien des Landes auf Bischofsthronen saßen oder klösterlichen Gemeinschaften als Äbte vorstanden, war durch eine Blüte der Kunst­ und Wissenschaftspflege gekennzeichnet. Auch auf rein kirchlichem Gebiet sind gewissenhafte, seeleneifrige und gesunden Reformen zugeneigte Würdenträger adeliger Herkunft in Ehren zu nennen; nur ausnahmsweise hört man von Männern, die zuerst das eigene Wohl und dann erst das der anvertrauten Herde gesucht haben.

Überblickt man die lange Reihe der Fürstbischöfe von Brixen seit dem Beginn der Neuzeit, findet man die glanzvollen Namen der Kardinäle und Renaissancefürsten Bernhard von CLES (1539) und des Christoph III. von MADRUZZ (1578-1591); beide waren zugleich auch Fürstbischöfe von Trient. In einem sicherlich wohlüberlegtem Wechsel von adeligen und bürgerlichen Oberhirten saßen u.a. auf dem Brixner Bischofsthron fünf Grafen SPAUR, ein Graf THUN, ein Freiherr von WELSBERG, der unermüdliche Visitator Johann Franz Graf KHUEN (Bischof von 1685-1702), der tüchtige Kaspar Ignaz Graf KÜNIGL (1702-1747), der edelmütige und verschwenderisch wohltätige Karl Franz Graf LODRON (1791-1828), der fromme Johann von LEISS zu Laimburg (1879-1884). Wenig glücklich erwies sich die Wahl des erwähnten Wilhelm Freiherrn von WELSBERG (1628-1641); ihm kam es mehr auf die Pfründe an, er residierte nicht einmal in Brixen [1]! Als einer der tüchtigsten in einer Reihe vorzüglicher Fürstbischöfe aus dem Adelsstande ist dagegen zu nennen u.a. Christoph IV. Andreas Freiherr von SPAUR, geboren auf dem Nonsberg im Jahre 1543, seit 1574 Bischof von Gurk, von 1601 bis zu seinem Tode im Jahre 1613 Fürstbischof von Brixen. Er war der große Reformator seiner Diözese und belebte ihr religiöses Leben durch Gründung des Priesterseminars, durch Kloster- und Schulgründungen, nicht zuletzt durch sein persönliches Beispiel. Wegen seines Gebetseifers und seiner Freigebigkeit allseits verehrt und beliebt, habe man ihn nach seinem Tode "MEHR MIT LOBSPRÜCHEN ALS MIT ERDE BEDECKT" [1a].

Der persönlichen Zusammensetzung des Brixner Domkapitels haben Professor Leo SANTIFALLER und Diözesanarchivar Kanonikus Dr. Karl WOLFSGRUBER gründliche Forschungen gewidmet [2]. Weil entweder adelige Geburt oder ein fünfjähriges Hochschulstudium und Erlangen eines akademischen Grades eine Aufnahmebedingung war, überwiegt die Zahl adeliger Dornherrn. Dr. Wolfsgruber nennt aus der Zeit zwischen den Jahren 1500 und 1803 im ganzen 203 adelige und 60 bürgerliche Mitglieder des Domkapitels. Es ist allgemein menschlich, daß nicht alle, seien es Adelige oder Nichtadelige, ihrem Standesideal entsprochen und die mit der Pfründe verbundenen Pflichten erfüllt haben; man kann keinen allzustrengen Maßstab anlegen, weil jene einträglichen Stellen mehr aus Versorgungsgründen als nach Verdienst verliehen zu werden pflegten und nicht die Priesterweihe, nicht einmal die Volljährigkeit verlangt war, sodaß schon achtjährige Fürstensöhne in den Bezug der Pfründe kamen. Trotzdem lesen wir von vielen frommen, wohltätigen, auch von gelehrten Brixner Domherrn, deren Andenken in allen Ehren steht.

Die Liste der Fürstbischöfe von Trient weist vom Beginn der Neuzeit bis zum Jahre 1818 nur adelige Namen auf. Man ist versucht an ein Erbfürstentum zu denken, wenn man an die vier aufeinanderfolgenden Fürstbischöfe aus dem Hause MADRUZZ denkt, von denen die drei ersten Kardinäle waren; sie regierten zwischen 1539 und 1658. Gewiß waren sie hervorragende Kulturträger, doch lieferten galante Abenteuer Romanstoff! Als heiligmäßiger Bischof wird der fromme Johann Nepomuk von TSCHIDERER zu Gleifheim verehrt, geboren am 15. April 1777 zu Bozen, zum Bischof erhoben 1832, als Fürstbischof von Trient eingesetzt im Jahre 1835, dort gestorben am 3. Dezember 1860 [3].

Auch unter den Erzbischöfen von Salzburg ist der Tiroler Adel mehrfach vertreten; Grafen KHUEN-BELASY, LODRON, THUN, FIRMIAN zählen gleich ihren aus Tiroler Bauern- und Bürgerfamilien hervorgegangenen Nachfolgern HALLER, KATSCHTALER, RIEDER, WAITZ, ROHRACHER zu den am meisten geschätzten Salzburger Kirchenfürsten.

Um wenigstens einen einzigen Namen hervorzuheben, weise ich auf eine Bemerkung im eingangs erwähnten "Österreich-Lexikon" hin, es habe der von 1687-1709 regierende Erzbischof Johann Ernst Graf THUN durch seine umfangreiche Bautätigkeit das Bild Salzburgs noch heute wesentlich bestimmt.

Ich konnte hier nur einige berühmte Namen aus den Reihen der Landesbischöfe nennen. Einen weiteren Kreis erfaßt Nikolaus von PRERADOVICH in seiner Abhandlung: "Tiroler Edelleute als österreichische Kirchenfürsten des 18. Jahrhunderts". Er zählt 23 im süddeutschen Raum herrschende geistliche Oberhirten tirolischer Herkunft aus einem einzigen Jahrhundert auf [4]. Er schreibt wörtlich: "Der Tiroler Adel stellte nahezu zwei Drittel der aus dem österreichischen Adel erwachsenen Kirchenfürsten. Diese erstaunliche Beteiligung ist auf die Aktivität des Tiroler Adels zurückzuführen ... Was an Österreichs Adel aktiv war, das stammte aus dem Heiligen Land Tirol."

Ich möchte auch einige Äbte und Pröpste aus dem heimischen Adel nennen, die tirolischen Klöstern seit dem Beginn der Neuzeit vorgestanden sind.

WILTEN: Adrian ZACHER [5] schreibt in seinem Abriß der Klostergeschichte, daß Johannes von FREISING (Abt von 1688-1698) der erste war, der an der neugegründeten Innsbrucker Universität zum Doktor der Theologie promoviert wurde (1677). "Als Abt bewies er sich als ausgezeichneter Verwalter der geistlichen Angelegenheiten seines Klosters." - "Unter Abt Gregor von STREMER (1698-1719) erhob sich das Stift zu neuem Glanze." Adrian Zacher lobt dessen Klugheit, dessen Sorgfalt um die Ordensdisziplin, dessen religiösen Eifer, verbunden mit gutem Beispiel, auch sein gutes Verwaltungstalent. - Adrian Zacher lobt des weiteren an seinem Nachfolger Martin von STICKLER "eine Verwandtschaft des Geistes" als vortrefflicher Oberer und trefflicher Haushalter. Besonders lobt er Martin von Sticklers Verständnis für Kunst und Wissenschaft, die sich auch im Bau des schönen Bibliothekstraktes äußerte. - An Norbert von SPERGS, der Bruder des an anderer Stelle rühmlich erwähnten Joseph von Sperg(e)s, der schon vier Jahre nach seiner Wahl im Alter von 52 Jahren starb, wird die Vergrößerung des Wiltener Schulgebäudes und die Begründung der kostbaren Gemäldesammlung des Stiftes mit Lob bedacht.

STAMS: Das Album Starrsense [6] bringt ein Verzeichnis der Äbte mit knappen Personaldaten. Abt Franz von LACHEMAYR (1699-1738) ist schon als tüchtiger Sekretär seines Vorgängers erwähnt (S. 45); er vertrat das Stift in Rom in schwierigsten Angelegenheiten. Abt Augustin von KASTNER (1714-1738) ist auf S. 47 als Mann von großem Ansehen beschrieben, der keinem anderen Abt nachstehe. Abt Vigilius von GRANICHER zu Granichsfeld (1766-1786) ist auf S.68 als eine Persönlichkeit bezeichnet, die zu allem Großen geboren war und groß war im allgemeinen Lob.

ST. GEORGENBERG-FIECHT: POCKSTALLER's Chronik [7] nennt als 47. Abt den Ulrich KRAUS von Krausburg (Abt von 1660-1670). Er habe zum besten Nutzen des Konventes und des Klosters regiert. Aus seinem beträchtlichen, dem Stift zugebrachten Vermögen habe er viel ausgegeben für die Verschönerung der Kirche, für den Neubau der Sakristei und Anschaffung neuer Ornate. Er ließ auch das Wallfahrtskirchlein Maria-Tax ober Stans errichten. Abt Gotthard III. von GRUSTNER aus Eppan, erwählt 1710, abgedankt 1721, gestorben 1723, baute das Stift Fiecht weiter aus und ließ auch die Wallfahrtskirche auf St. Georgenberg neu decken. Nach seinem Rücktritt zog er sich als Einsiedler nach Maria-Tax zurück [8].

NEUSTIFT BEI BRIXEN: Anselm SPARBER [9] nennt die Zeit des Propstes Fortunat von TROYER eine Zeit der Blüte und des Glanzes für Neustift. Er schildert ihn als mustergültigen Prälaten, als angesehenen Gelehrten und theologischen Schriftsteller, auch als kunstsinnigen Bauherrn, dem auch die im Jahr 1696 geweihte Gnadenkapelle an der Seite der Stiftskirche zu verdanken ist. (ebendort S. 91) Auch Propst Augustin von PAUERNFEIND (1707-1721) ist als "ein in jeder Hinsicht vortrefflicher Stiftsvorstand" bezeichnet. Sparber rühmt ihn als tüchtigen Theologen, Philosophen und Rechtskundigen, nebenbei als vortrefflichen Organisten. Unter ihm wurde von 1708-1713 die Prälatur neu erbaut. (S. 94) Alfons von ROST (1721-1728) wird als frommer Mann gerühmt; er habe sich besonders der Ordensdisziplin angenommen und selbst das beste Beispiel gegeben. (S. 94) Christoph von PACH (1728-1737) konnte sich wegen dauernder Kränklichkeit wenig betätigen, doch ließ er 1735 den barocken Umbau der Stiftskirche beginnen, der sie von seinen Nachfolgern fortgeführt und 1767 vollendet zu einem der schönsten Gotteshäuser Tirols gestaltete. (S. 100 ff.) Leopold von ZANNA zu Königstein (1767-1787) förderte in seinem Stift die theologischen Studien. Der Neubau der Bibliothek (1771-1778) ist ein Denkmal seines Kunstverständnisses.

INNICHEN: Georg TINKHAUSER [10], nennt unter den Pröpsten des Kollegiatstiftes Innichen klangvolle Namen, so Johann von SCHLEINITZ (1515-1518), später Bischof von Meissen, Johann Thomas von SPAUR (1549-1542, dann 1556-1558), später Fürstbischof von Brixen, Caspar Ignaz Graf KÜNIGL (1692-1747), seit dem Jahr 1702 zugleich auch Fürstbischof von Brixen. Johann von RECORDIN (Propst von 1747-1781) wirkte seit 1755 nebenbei als infulierter Propst zu Regensburg. Gleich seinen Vorgängern residierte er nur gelegentlich in Innichen, doch war er dem Stift sehr gewogen; er vermachte ihm ein Kapital von 1200 Gulden und stiftete den heute noch vorhandenen Ornat aus Gold- und Silberbrokat. Carl Graf von WOLKENSTEIN (gest. 1782) war der letzte Propst vor der Josefinischen Klosteraufhebung im Jahre 1785. Dem von Kaiser Franz Il. wiederhergestellten Stift stand Johann von KRIPP vor, doch im Jahre 1808 hob die bayrische Regierung das Stift neuerlich auf. Propst Johann von Kripp starb schon zwei Jahre später aus Gram über jenes Schicksal seiner geistlichen Heimat.

MARIENBERG: Georg TINKHAUSER [11] nennt den Abt Jakob von GRAFINGER zu Salegg (1640-1653) einen Freund der Wissenschaften und der Kunst; er ließ die Stiftskirche um den damals sehr beträchtlichen Betrag von 15.000 Gulden umbauen. Auch übte er edle Geistlichkeit gegen Ordensbruder, die zur Zeit des 30jährigen Krieges nach Marienberg geflüchtet waren. (ebendort, S. 59) Franz von PACH (1663-1705) steht in segensvollem Andenken als gelehrter Mann von friedlicher Natur, zugleich als kluger Ökonom. (S.69) Franz Maria von DINSEL zu Angerburg (1771-1782) war ein eifriger Seelsorger und Freund der Wissenschaften. Besondere Sorgfalt widmete er dem Gymnasium seines Ordens in Meran.

GRIES BEI BOZEN: Der Propst des ehemaligen Augustinerstiftes Gries (nun Benediktinerstift Muri-Gries) Albert Martin von PRACK (1753-1781) wird von Atz und Schatz [12] als gelehrter und frommer Mann geschildert, der aber im praktischen Leben und in der Verwaltung geringere Fähigkeit zeigte. HOHENBÜHEL [13] drückt sich genauer aus: er sei ein tüchtiger Dogmatiker gewesen, doch habe er das Stift durch den im Jahr 1767 allzu prächtig begonnenen Neubau der Stiftskirche an den Rand des Abgrundes gebracht. Jetzt allerdings wird jenes Gotteshaus als ein in Tirol einzigartiger, von italienischen Vorbildern beeinflußter Spätbarockbau bewundert [14].

SCHNALS: Der Karthause stand von 1778 bis zu ihrer Aufhebung im Jahre 1782 P. Ambros (Johann Nepomuk) von WINKHLER zu Colz (1731-1782) als Prior vor. Vorher war er Reiteroffizier und das Reiten blieb auch weiter sein einziges Vergnügen. Als Ordensmann war er von seltener Bescheiden- und Gutherzigkeit. Er starb vier Monate nach dem Ende seines Klosters durch einen Sturz vom Pferd [15].

WÄLSCHMICHAEL (S. MICHELE AN DER ETSCH): Der Abt des dortigen Chorherrenstiftes Georg Adam von TEUTENHOFEN, gestorben 1716, wird als Ordensmann von beispielgebender Sanftmut gerühmt [16]. Eine bedeutende Persönlichkeit war auch Propst Franz Josef SCHEITER von Lebmannsegg, der Mitglied der Academia Taxiana war [16a].

DEUTSCHER ORDEN: Im allgemeinen bieten die "Urkundlichen Beiträge zur Geschichte des Deutschen Ordens in Tirol" von P. Justinian LADURNER [17] erfreuliches.
Ladurner befaßt sich allzu weitläufig mit den fortwährenden Kompetenzkonflikten zwischen dem Orden einerseits und den Landesbischöfen oder den landesfürstlichen Behörden andererseits, auch mit den Schwierigkeiten, die kleinen Berggemeinden bereitet wurden, die von den Pfarreien des Ordens allzuweit entfernt eigene Kaplaneien errichten wollten. Prozeßakten sind langlebiger als Berichte über gute Taten. Auch der Skandal, daß der Landkomtur der Ballei an der Etsch Lukas RÖMER zu Marötsch (1560-1573) nach übler Amtsführung schließlich seine geistliche Würde niederlegte, um zu heiraten, schlägt höhere Wellen als das unauffällige Wirken pflichtbewußter Ordensleute. Immerhin war auch manches Gute zu berichten. So wird Nikolaus VINTLER (Landkomtur 1638-1661) als guter Verwalter und Urheber frommer Stiftungen gewürdigt, ebenso sein Nachfolger Johann Jakob Graf THUN (1662-1701) als überaus frommer und wohltätiger Mann. Auch zum Verbessern von Ordensgütern tat er viel aus eigenem Vermögen. Desgleichen opferte der Landkomtur Johann Heinrich Freiherr von KAGENEGG (1709-1743) große Kapitalien für den marmornen Johannesaltar der Bozner Pfarrkirche, für ein Pfründnerhaus zu Bozen und ein Spital zu Weggenstein (Bozen).

Ein Tiroler Edelmann war Abt des steirischen Benediktinerstiftes Admont. Franz Ritter von HEUFLER, geboren 1631 in Castelfondo, hatte schon in der Jugend in Admont studiert, er trat unter dem Ordensnamen Adalbert in den Orden ein, erwarb in Rom das Theologische Doktorat und wirkte zuerst als Professor und Dekan an der philosophischen Fakultät in Salzburg, dann sehr verdienstvoll als Abt des Stiftes Admont bis zu seinem Hinscheiden im Jahre 1696. Hervorragend bewährte er seine Tatkraft zur Zeit des Türkenkrieges von 1683. Über Ersuchen des Landes Steiermark leitete er erfolgreich die Verteidigung des nördlichen Landesteils. Ihm wurde dafür der Ehrentitel "PATER PATRIAE STYRIAE" zuteil. Als eifriger Verehrer der Gottesmutter fand er in der Marienkirche zu Kulmbach, eine Stunde von Admont, die er instandgesetzt hatte und in vielen Wallfahrtsgängen besucht hatte, die letzte Ruhestätte [17a].

Das bayrische Stift Roggenburg bei Weißenhorn, Diözese Augsburg, hatte einen berühmten Abt in der Person des Hugo LINTNER Edlen von Volderthurn, geb. zu Hall in Tirol am 7.4.1652, zum Abt erwählt am 18.2.1694, verstorben am 3.8.1722 [17b].

Wenn wir in die Geschichte des Hochadels Einblick nehmen, erfahren wir von manchen Persönlichkeiten, die im Inland oder Ausland in kirchlichen Ämtern an führender Stelle wirkten. Zum Beispiel treffen wir im 18. Jahrhundert den Grafen Franz BRANDIS als Generalvikar der Erzdiözese Toulouse an und später als Abt von St. Loo, dagegen aber um 1430 den Karthäuser in der Klause zu Schnals Thomas von Brandis, dann im 19. Jahrhundert die Gräfinnen Maria Josepha, geb. 1815, und Maria Theresia, geb. 1851, als Barmherzige Schwestern, den Grafen Erich Brandis, geb. 1834, als Jesuitenpater [17c]. Man sollte also nicht nur von Bischöfen und Ordensvorständen sprechen, sondern auch der vielen volksverbundenen Ordensleute und Landgeistlichen aus dem heimischen Adel gedenken! So viele aus ihren Regen haben abgesehen von ihrem seelsorglichen und karitativen Wirken auch Bedeutendes für die örtliche Kultur- und Kunstpflege getan. Freilich kann ich nur auf wenige Namen hinweisen, um nicht allzu ausführlich zu werden.

Georg TINKHAUSER erwähnt zum Beispiel in seiner Diözesanbeschreibung eine "Reihe berühmter Pfarrer von Fügen" [18], darunter den Matthias von JENNER (Pfarrer von 1658-1677), den späteren Stifter des Benediktinerinnenklosters auf Säben [19], den Franz Freiherrn von ENZENBERG (1740-1760), den Franz Titus von MÜHLSTÄTTER (1785-1793) aus einer seit dem Jahr 1511 immatrikulierten Osttiroler Familie. Tinkhauser lobt alle drei als gebildete, seeleneifrige Priester mit guter Begabung zur Seelsorge.

In Hall ist der tatkräftige Pfarrer Joseph von WALLPACH (Pfarrer von 1700-1745), der auch wertvolle Aufzeichnungen hinterließ, noch unvergessen.

In Bruneck waltete Dekan Joseph Matthias von INGRAM zu Liebenrain (geb. 1707, gest. 1783) als Seelsorger [20]. Er war wohltätig und kunstsinnig. Während seiner Amtstätigkeit wurde die dortige Spitalkirche von 1758-1760 neu erbaut. Zwei von ihm gestiftete reizvolle Rokokoaltäre tragen sein Wappen. Nach einer im Jahre 1969 abgeschlossenen Restaurierung strahlen sie gleich der übrigen Kircheneinrichtung wieder in alter Schönheit.

In Bozen steht eine lange Reihe hochadeliger Stadtpfarrer als tüchtige Seelsorger und Kulturträger in bestem Angedenken [21]. Jakob de ALBERTIS (gest. 1680), Johann Franz Graf KHUEN, der spätere Fürstbischof von Brixen (Propst von 1682-1685), Karl Franz von CAZAN (gest. 1711), Rudolf Graf TROYER (gest. 1746), Joseph David Graf SARNTHEIN (gest. 1796); er war ein besonderer Förderer der Propsteibibliothek, Johann Nepomuk von BUOL (gest. 1813), Anton Alderik von JÄGER (gest. 1819), Benedikt von RICCABONA (Propst von Bozen 1851-1854, dann Bischof von Verona und von 1861 bis zu seinem Tode im Jahre 1879 Fürstbischof von Trient). Wenn auch noch auf das "heilige Pröbstl von Bozen", Edmund Leonhard Joseph Grafen KHUEN-BELASY (gest. am 28.9.1777) [22], den gütigen Wohltäter verlassener Kinder, hingewiesen wird, begeben wir uns in ein Gebiet, das im nächsten Kapitel: "Das soziale Wirken des Adels" behandelt wird. Wir müssen auf jenen frommen, selbstlosen Seelsorger als auf ein Beispiel aus vielen hinweisen. Die bisherige Darstellung hat sich nämlich im Anschluß an die Abschnitte über Kultur- und Kunstpflege des Adels allzusehr mit führenden Persönlichkeiten und äußerer Repräsentation befaßt; man könnte vielleicht den Eindruck gewinnen, es hätten sich Adelige als Welt- und Ordenspriester immer an leitende Stellen gedrängt. Auch wer die "Nonnen von Sonnenburg" nur als Romanfiguren kennt, ist verleitet vornehme Klosterfrauen als Inbegriff der Herrschsucht und Eigenwilligkeit zu betrachten. Er übersieht dabei die Fülle von Wohltaten in Nöten des Leibes und der Seele, die von herzensguten gottgeweihten Männern und Frauen jedes Standes ins Volk hinausgeflossen sind.

Wer als Kirchenfürst Geschichte macht, steht freilich mehr im Blickpunkt der Öffentlichkeit, er überschattet das stille Wirken derer, die bescheiden und unauffällig ihre übernommenen Pflichten gegen Gott und Mitmenschen erfüllen, nachdem sie vielfach auf ein Leben in Wohlstand und Ansehen verzichtet hatten. Sankt ROMEDIUS, sicherlich eine historische Persönlichkeit, war ein Herrensohn aus mächtigem Geschlecht [23]; er entsagte seinen Gütem, er lebte und starb als Einsiedler auf dem Nonsberg!

Wenn wir in den Schematismen der heimischen Bistümer blättern, überrascht uns die Fülle klangvoller Namen, deren Träger einfache Kapläne oder Hilfspriester waren. Hermann von GILM (1812-1864) zum Beispiel hatte einen jüngeren Bruder, der in Innsbruck Gefangenenseelsorger war. Der große Dichter ist unvergessen, an den kleinen Kaplan Otto von GILM (geb. 20. Oktober 1824) denkt niemand mehr [24]! Er war ein guter, frommer Priester; auch das ist, Gott sei Dank! nichts Ungewöhnliches. Sicherlich hatte er seinen Freundeskreis, aber seine Bekannten sind längst schon verstorben. Die Art seines Todes war jedenfalls Stadtgespräch, doch gab es seither andere Geschehnisse, die Aufsehen erregten. Ich aber weiß noch aus meiner Jugend, was meine Großmutter darüber erzählte: Irgendeiner machte aus Bosheit den schlechten Witz, den herzleidenden Geistlichen in kalter Nacht aus dem Bett herauszuläuten; ein Sterbender bedürfe seiner! Kaplan Otto von Gilm eilte ungesäumt hinaus und suchte vergeblich nach dem Kranken. Tags darauf, am 3. November 1877, starb der eifrige Priester an einer Herzlähmung, erst 53 Jahre alt. Als einziger, der noch vom Grund seines vorzeitigen Hinscheidens weiß, will ich Zeugnis geben von jenem Opfer seines Pflichtbewußtseins!

Sehen wir in den Totenbüchern der Ordensgemeinschaften nach, finden wir z.B. einen Freiherrn von ENZENBERG unter den Kapuzinern, mehrere Freiherrn und Grafen FIEGER und STACHELBURG unter den Serviten. Die von mir angelegte Kartothek über die aus Hall gebürtigen Priester nennt z.B. als Augustinerchorherrn von Neustift den Burchardt von KRIPP (gest. 1571), Ignaz (Candidus) von SAVELSBERG (1703-1770), (Martin) P. Benno von WENTZL (1667-1744), (Franz Xaver) Balthasar von WENTZL (1698-1747), dann als Franziskaner den (Franz Xaver) P. Anton von FISCHER (1715?1775), (Matthias) P. Desiderius von FISCHER (1709-1776), (Johann Baptist) P. Philipp Benitius von REINHART (1759-1796), (Engelhard) P. Cherubim von WENTZL (1673-1722), ferner als Jesuiten: P. Abis von ATTLMAYR (1815-1889), P. Johann Anton von WALLPACH (1705-1772), P. Josef von WENTZL (1676-1755), als Kapuziner: (Johann Josef) P. Emerich von FISCHER (1686-1760), als Prämonstratenser von Wilten: (Alphons) Markus von PAYR (1835-1909), als Serviten: (Karl) P. Seraphin Maria von GUARINOM (1599-1644), P. Silverius Maria von TROYER (gest. 1728), als Zisterzienser von Stams: (Karl Albin) P. Florian von ATTLMAYR (1836-1897), (Max Michael) P. Meinhard von ATTLMAYR (1826-1879), (Ignaz) P. Valentin von FISCHER (1683-1724), (Felix) P. Benedikt Freiherr von GIENGER (1694-1770).

So viele adelige Ordensleute gab es aus einer einzigen Stadt! Nur ausnahmsweise ist von erreichter höherer Würde berichtet. Daher ist anzunehmen, daß sie sich ohne Vorbehalt ihrer Gemeinschaft eingefügt hatten und so wie andere Ordensleute ihren Gelübden getreu lebten und wirkten. Sie zeigten ihre Vornehmheit und innere Größe im Entsagen und Dienen!

Dem Königlichen Stift in Hall gehörten fünf Erzherzoginnen von Österreich, zahlreiche Gräfinnen und Baroninnen an neben bürgerlichen Mitgliedern. Das Totenbuch des Stiftes berichtet von den einfachen Diensten, die auch hochadelige Stiftsdamen in Küche und Haus willig verrichteten; bescheiden und selbstlos übten sie christliche Nächstenliebe aus durch Werke der Barmherzigkeit. Sie dienten den Armen und Kranken statt selbst bedient zu werden!

Eine Ordensfrau von außerordentlicher Güte, Demut und Geduld muß auch Maria Gräfin SARNTHEIN gewesen sein. Sie kam am 6. April 1666 in Bozen zur Welt und wurde auf den Namen Catharina getauft; sie wollte dem Herrn dienen und gründete beim gräflichen Ansitz Rottenbuch bei Bozen ein Frauenkloster. Sie starb als dessen Oberin am 5. September 1737 im Rufe der Heiligkeit [25].

Noch ein Beispiel bewundernswerten Opfergeistes aus unserer Zeit! In Südvietnam wirkt im Kriegsgebiet eine Urenkelin des Kaisers Franz Josef, Schwester Bonifatia Gräfin STOLBERG aus dem in Tirol ansäßigen Zweige jenes Geschlechts. Mit der armseligen Nahrung zufrieden, in Erdlöchern hausend, Nacht für Nacht durch Schießereien aus dem Schlaf geschreckt teilt sie seit Jahren das Leben der gequälten Bevölkerung und hilft ihr soweit sie kann!

Noch mehr Ordensleute aus vornehmem Haus mit ähnlichem Opfergeist wären zu nennen. Ich beschränke mich darauf auf einen Priesterkandidaten hinzuweisen, der in der Blüte seiner Jahre dahingegangen ist. Es handelt sich um einen Sohn des Kammerrates Christoph INGRAM von Liebenrain und Fragburg und seiner Frau Magdalene, geb. THALHAMMER von Thaleck.

Ich besitze ein ererbtes Andenkenbildchen. Mit Deckfarben bemalt zeigt es einen im Bette liegenden Jüngling, der ein Kruzifix hält und zu einem Muttergottesbilde emporblickt. Daneben aber steht mit der Sense der Tod! Darunter steht gedruckt:

Carolus INGRAM, Scholast, SJ von Insprug / nachdem er in die Societät eingetreten / hat er solche Proben der Unschuld / Eingezogenheit / Abtödtung seiner selbst / vollkommenen Gehorsambs / Eyfers zu geistlichen Dingen / und genauister Beobachtung der Regeln von sich gegeben / daß er verdient ein anderer Bergmannus genennt zu werden. Er sturbe voll des Trostes zu Augspurg 29. März 1685.

Über einen im Dienste der Pestkranken verschiedenen Innsbrucker Jesuitenpater aus einem Brixner Edelgeschlecht berichte ich im nächsten Kapitel.

Wer sich mit der Stellung des Adels im Priester- und Ordensberuf beschäftigt, wird manchesmal auf anspruchsvolle Herrenmenschen stoßen, aber unvergleichlich mehr erhebende Beispiele finden, daß er sich verneigen muß vor der seelischen Größe jener Männer und Frauen, die um Gott und der Nächsten willen weltliche Freuden verzichtet und auch ihr Leben hingegeben haben.

HOCHENEGG, Hans - "Der Adel im Leben Tirols - Eine soziologische Studie", in Studien zur Rechts-, Wirtschafts- und Kulturgeschichte Bd. VIII, Innsbruck 1972.

 

7. Soziales Wirken des Adels

Die Bewirtschaftung eines Gutes steht im Blickpunkt der Allgemeinheit: jedermann kann beobachten und vergleichen. Zu Zeiten, in denen es weder landwirtschaftliche Schulen noch Genossenschaften gab, blickte man auf das Beispiel des Großgrundbesitzers. Er hatte am ehesten Gelegenheit, sich durch höhere Studien ein größeres Wissen anzueignen, er konnte sich auf Reisen mit Erfahrungen in anderen Ländern vertraut machen und hatte wohl auch die Mittel zum Kauf von verbessertem Saatgut, von Zuchtvieh und von Maschinen, er konnte Bodenverbesserungen durchführen und kannte sich auch mit dem Absatz landwirtschaftlicher Erzeugnisse besser aus als der Kleinbauer.

Aus gleichen Erkenntnissen sagt der alte RIEHL, zu dessen Zeit das vorhin Geschilderte noch zutraf: (S. 185) "DURCH DEN GRUNDBESITZ IST DER ADEL DER NATÜRLICHE SCHIRMHERR DES BAUERN." Durch seine Landwirtschaft im Großen soll der Adelige darauf bedacht sein, die umwohnenden Bauern aus ihrer technischen Ungeschicklichkeit herauszuziehen. Der Landadel soll den Bauern zeigen, was die Macht der Intelligenz im Ackerbau auf sich hat, er soll auch für sie experimentieren mit technischen Verbesserungen".

Wir werfen einen Blick in die Wirtschaftsgeschichte Alttirols, um zu sehen, wie sehr der heimische Adel jener sozialen Aufgabe nachgekommen ist! In das Mittelalter führt die Wappenlegende der Herren von FIEGER; ihr Geschlecht war eines der reichsten im mittleren Inntal. Sie führten ein Kleeblatt im Wappenschild; sie seien die ersten gewesen, die mit dem Anbau von Luzerner Klee auf den Schuttkegeln am Eingang des Halltals begannen [1]. Ihr Erfolg habe bahnbrechend gewirkt und den landwirtschaftlichen Ertrag weitum gesteigert. Ein Seitenstück aus neuerer Zeit sei eingeschaltet: als im Hungerjahr 1816 keine Getreideart gedeihen wollte, gab die als feurige Patriotin bekannte Baronin Therese STERNBACH in Mühlau durch Anbau von Kartoffeln und Erbsen auf ihren Gütern das Beispiel, wie man trotzdem reiche Ernten erzielen konnte [2].

Beispielgebenden Einfluß hatte unter anderem auch das Adelige Damenstift in Hall durch die gute Bewirtschaftung seiner Güter. Auf der in den Jahren 1577 und 1583 angekauften Stiftsalpe im Voldertal wurde sogar importiertes Schweizer Zuchtvieh aufgetrieben und von Schweizer Sennern betreut [3].

So wie seinerzeit die Klöster als Lehrer und Berater des einfachen Volkes verdienstvoll gewirkt hatten, waren sich adelige Grundherrn ihres Einflusses auf die Hebung der Volkswirtschaft bewußt. Adelige waren Begründer einer Vereinigung, deren Wirken für Tirol segensreich war. DE LUCA's Journal der Literatur und Statistik [4] berichtet: "Im Jahre 1767 ward die k.k. Patriotische Gesellschaft des Ackerbaues und der Künste errichtet. Das Protektorat darüber führt ein zeitlicher Regierungspräsident, das Direktorat bekleidet Herr Leopold Graf von KINIGL, die Würde eines Kanzlers hat Herr Anton von EGGER auf sich und beständiger Sekretär ist der Landschaftssyndikus Herr von STROBL...".

Der Innsbrucker Universitätsprofessor Johann Baptist von ZALLINGER zum Thurn ist in de Lucas Joumal auf S. 57 als Mitglied jener Gesellschaft genannt. Er veröffentlichte unter anderem eine "Abhandlung von den schleunigsten und zuverlässigsten Hilfsmitteln den Ackerbau im Lande Tirol zu verbessern und zu vermehren, wie auch den anscheinenden Holzmangel durch Beförderung des Nachwuchses werkthätig zu steuern", Innsbruck 1769, dann ein in lateinischer Sprache verfaßtes Buch "De morbis plantarum cognoscendis et curandis", Innsbruck 1773. Eine deutsche Übersetzung jener Schrift über das Erkennen und Heilen von Pflanzenkrankheiten ließ ein Domherr zu Passau, Johann Graf AUERSBERG, im Jahre 1779 in Augsburg hinausgehen.

Um die Einführung einer Feuerversicherung bemühten sich schon die Hofkammerpräsidenten Josef Graf TRAPP und Ignaz Graf ENZENBERG in den Jahren 1752 und 1763, also zu Zeiten Maria Theresias. Sie drangen vorläufig nicht durch. Erst mit 1. Februar 1825 trat jenes gemeinnützige Institut durch die Bemühungen des Freiherrn Josef von GIOVANELLI (1784-1845) und gefördert vom Landesgouverneur Karl Graf CHOTEK ins Leben [5]. Der hier wiederholt schon genannte Josef Freiherr von Giovanelli bemühte sich auch sehr um das Beleben der Bozner Märkte, ebenso um Studienanstalten; er war auch ehrenamtlicher Vizedirektor des Bozner Gymnasiums und um die Blindenfürsorge verdient [6].

Sogar kostbare Leben forderte die Fürsorge für das Gemeinwohl! Als Etsch und Eisack im Überschwemmungsjahre 1882 das fruchtbare Bozner Talbecken in einen See verwandelte, der es monatelang erfüllte, war Heinrich Baron GIOVANELLI (geb. 1830) Obmann der sogenannten "Leegen", das sind die Genossenschaften, die seit alters die Bewässerung und das Entwässern der Kulturgründe regeln. Mit seinem zwanzigjährigen Sohne Heinrich verbrachte er Tage um Tage im versumpften Gelände, um die Arbeiten zum Eindämmen der Fluten zu beaufsichtigen. Beide zogen sich dabei den Keim zu einer tödlichen Krankheit zu, der man damals noch nicht beikommen konnte, nämlich der Malaria. Nach monatelangem qualvollen Siechtum erlag der Vater am 27. Juli 1883, der hoffnungsvolle Sohn am 4. September 1883 jenem Leiden [7].

Vielseitige Tätigkeit im Dienste der Mitmenschen pflegte in jüngerer Zeit auch Freiherr von EYRL zu Waldgries und Liebeneich (1849-1942). Als Gründer und Vorstand des Bozner Museumsvereins, Präsident der Sparkasse und Obmann landwirtschaftlicher Genossenschaften war er durch viele Jahrzehnte Pionier im Südtiroler Kultur- und Wirtschaftsbereich. Seine beiden Söhne folgten treulich in die Fußstapfen des Vaters. Dr. Diego Freiherr von EYRL (1889-1958) wirkte, in der österreichischen Verwaltungskunst erfahren, als praktischer Helfer in vielen Wirtschaftsbelangen und als Vorsitzender des Verbandes der Südtiroler Gemeinden, der noch in eifrigem Wirken stehende Bruder Egon Freiherr von Eyrl (geb. 1892) betätigt sich auf schöngeistigem Gebiete und dem weiten Felde der Caritas.

Mehr als ein Zufall ist es, daß genau zur selben Zeit, in der Diego Baron Eyrl dem Südtiroler Gemeindeverband vorstand, der Stadtamtsdirektor von Hall, Ernst Freiherr von VERDROSS (gest. 1963) Obmann des österreichischen Städteverbandes war.

Häufig trugen Adelige die oft dornige Würde eines Bürgermeisters, zu der sie das Vertrauen des Volkes berief. Gerade in Südtirols bittersten Jahren dieses Jahrhunderts waren es Dr. Georg Freiherr DI PAULI (1880-1966) in Kaltern und Anton Freiherr von LONGO (1853-1925) in Neumarkt an der Etsch.

Die beiden Landeskulturratspräsidenten Dr. Julius Freiherr von RICCABONA (1835-1924) und Alphons Freiherr von WIDMANN zu Staffelfeld (1850-1921) übten ihr arbeitsreiches Amt nur um Gotteslohn und zum Gedeihen der Tiroler Landwirtschaft aus. Baron Riccabona führte die segensvolle Einrichtung der Raiffeisenkassen in Tirol ein; sie läßt sich in ihrer heutigen Blüte gar nicht mehr wegdenken aus dem tirolischen Wirtschaftsleben. Es spricht für sich, daß ihn über 100 Landgemeinden in Nord- und Südtirol zu ihrem Ehrenbürger erhoben.

Aus unseren Tagen sei auf die Verdienste des Freiherrn Oskar von HOHENBRUCK um den Tiroler Bauernbund hingewiesen. Durch lange Jahre gehörte er als rechtskundiger Berater seiner Leitung an. Er verfaßte auch eine ausführliche Geschichte des Bundes, veröffentlicht im Tiroler Bauernbundkalender für 1968.

Genannt sei auch die Schlern-Schrift des Südtirolers Leo von PRETZ über das Haflinger Pferd. Sie erschien 1925, als jene Rasse noch wenig bekannt war und hat viel beigetragen, um auf ihre vorzüglichen Eigenschaften aufmerksam zu machen. Ein nordtirolisches Seitenstück bilden die Forschungen des am 3. November 1970 in Salzburg verstorbenen Dipl. Ing. Johann von PACHER über die Euringer Rinderrasse, die Vorläuferin unseres Fleckviehs.

Ich wollte nur mit einigen Beispielen die erfreuliche Tatsache belegen, daß die enge Verbundenheit zwischen Adel und Landwirtschaft nach wie vor weiterbesteht und sich zum Wohl des Bauernstandes auch heute noch auswirkt. Damit soll jedoch nicht behauptet sein, es hätte sich der Adel um bürgerliche Belange nicht gekümmert!

Innsbruck hatte zum Beispiel verdiente Bürgermeister aus adeligem Geschlecht. Ich nenne u.a. Felix Adam von RICCABONA von Reichenfels aus Vigo di Fassa

(1772-1831), einen tapferen Schützenhauptmann in den Kriegsjahren 1796 und 1797.

Seine Amtsführung dauerte von 1814-1829; unter ihm traten 1819 der Innsbrucker Musikverein, 1822 die Innsbrucker Sparkasse ins Leben [8]. Ebenso steht die Tätigkeit des Hieronymus von KLEBELSBERG (1800-1862), Bürgermeister von 1838-1850, Landeshauptmann von 1861-1862, in gutem Andenken; sie wird als "segensreich" bezeichnet [9].

Nebenbei sei bemerkt, daß Innsbruck in der Zeit, als Hieronymus von Klebelsberg das Bürgermeisteramt bekleidete, seine erste Turnanstalt bekam. Das Turnen war kein Reservat der Alldeutschen, denn ein gebürtiger Welschtiroler, Universitätsprofessor Hieronymus von SCARI aus Cles, Lehrer der politischen Wissenschaften, hatte im Jahre 1844 die Anregung gegeben. Kurz vor seinem im Juli 1845 erfolgten Tode wurde die Turnanstalt in einem Nebenraum des Redoutensaals eröffnet [10].

Bürgermeister von Trient war der auch als Archäologe geschätzte Benedikt Graf GIOVANELLI (1775-1846). Er machte sich verdient durch den Bau der Wasserleitung und als Vorstand der Landwirtschaftlichen Gesellschaft für Trient, er war auch um Kulturwerte bemüht als eifriger Förderer der Stadtbibliothek und des städtischen Museums; er bereicherte dieses durch die Stiftung seiner beträchtlichen Münzensammlung.

Es ist sehr hoch einzuschätzen, wenn ein Gutsherr seine Zeit und Erfahrung dem Gemeindewohl widmet. Was ein Bürgermeister oder Abgeordneter alles zu leisten hat, geht auch aus der Lebensgeschichte des Anton Freiherrn DI PAULI (1828-1883) [11] hervor. Für alles mußte er als Oberhaupt und Vertreter Kalterns herhalten, seien es Fragen der Steuerreform, der Glaubenseinheit, der Reblausbekämpfung, der Landesverteidigung. Als er gestorben war, bemühte sich sein Schwiegersohn, Paul Baron BIEGELEBEN, seinem Andenken ein anerkennendes Wort zu verschaffen; die tirolischen Blätter waren gar zu gleichgültig über den Tod jenes hochverdienten Mannes hinweggegangen! Ich besitze diesbezügliche Briefe. So schreibt Baron Biegeleben am 20. März 1883 an einen seiner Freunde: "...Sie sind gewiß in der Lage einen warmen und schwungvoll geschriebenen Nekrolog zu bringen. Es ist dies keine kleinliche Eitelkeit seitens der Hinterbliebenen, denn wir alle suchen die Haupteigenschaften des Verstorbenen, seine Bescheidenheit und Selbstvergessenheit zu den unserigen zu machen, allein es scheint mir Pflicht zu sein den edlen Charakter des Verstorbenen ans Licht zu ziehen und dadurch zum Beherzigen seines Beispiels anzuspornen. Der Nekrolog hätte hauptsächlich die Leistungen meines Schwiegervaters um das gemeine Wohl, speziell durch seine opfervolle Tätigkeit in der Gemeinde, dieser wichtigsten Instanz im öffentlichen Leben, hervorzuheben...". Noch mehrere spätere Schreiben befassen sich mit jenem Nachruf; anscheinend ist er trotzdem nicht zustand gekommen. Erst 48 Jahre nach Anton Di Paulis Tod brachte sein Sohn Johann Nepomuk Baron DI PAULI (1874-1931) in einem mehr als 600 Seiten starken Band ein seiner Verdienste würdiges Erinnerungswerk, zugleich einen wertvollen Beitrag zur inneren Landesgeschichte heraus.

Der Begriff eines sozialen Wirkens umfaßt einen großen Bogen. Man kann sich u.a. für Wohlfahrtseinrichtungen einsetzen oder persönlich um Hilfsbedürftige bemühen. Vor allem haben tüchtige Ärzte in ihrer Praxis unendlich viele Möglichkeiten Gutes zu tun! Ich denke an berühmte Mediziner aus drei Generationen der Familie von WEINHART [12]: den Pestarzt Paul den Älteren (1570-1648, geadelt 1617), seinen Sohn, den erzherzoglichen Leibarzt Paul den Jüngeren (1622-1710), dessen Sohn Ferdinand Karl (1654-1716), den angesehenen Professor und Verfasser medizinischer Werke.

Bei der verheerenden Epidemie im Jahre 1611 standen dem genannten Innsbrucker Pestarzt Paul Weinhart zwei opfermutige Priester aus dem Jesuitenorden zur Seite: P. Caspar KÖSTLAN aus der Brixner Adelsfamilie von MELCHIOR, der der Adelssitz Köstlan zu eigen war, dann P. Adalbert TANNER. Die drei bildeten ein Kollegium als "Provisores sanitatis"; allerdings stand der Arzt bald wieder allein, denn beide Priester erlagen der Seuche [13].

Jetzt wäre noch von anderen Männern zu berichten, die sich in anderen Nöten hilfreich erwiesen und ihrer Mitwelt besonders wertvolle Dienste geleistet haben.

Weil vorhin schon vom Pflanzenbau die Rede war, sei an das unvergängliche Verdienst eines Edelmannes erinnert, der die Südtiroler Weinwirtschaft vor dem Ruin gerettet hat. Im Laufe des Jahres 1851 stellte sich nämlich in den Weingegenden ein unheimlicher Gast ein, der die Weinbauern jahrelang in helle Verzweiflung trieb. An den Beeren zeigte sich ein weißer Schimmelpilz, der die Beeren in ihrem Wachstum hemmte und zum Aufspringen und Eintrocknen brachte. Die Krankheit breitete sich immer weiter aus und verursachte unendlichen Schaden. Versuche, sie mit Eiklar oder Bestreichen mit Tischlerleim zu bekämpfen, schlugen fehl. Endlich entstand im Jahre 1858 den Weinbauern ein Retter in der Person des Bozner Weingutbesitzers Ludwig von COMINI (1814-1869) [14]. Es war nicht seine eigene Erfindung, die Pilzkrankheit mit Schwefelstaub zu bekämpfen, aber sein zäher, vor keinen Opfern zurückschreckender Wille war es, daß er eine ihm zugekommene Anregung unermüdlich erprobte und schließlich die richtige Anwendungsweise entdeckte, um der Landplage Herr zu werden. Zuerst verlacht, dann als Wohltäter gefeiert und vom Kaiser ausgezeichnet lebte er im Munde des dankbaren Volkes weiter als der "Schwefelapostel Comini".

Eine Nebenbemerkung sei eingefügt: es mag nicht verwundern, daß z.B. die meisten Veröffentlichungen über das Waidwerk von Adelskreisen ausgehen, weil die Jagd vormals fast ausschließlich ein Vorrecht des Adels war. Auffallend ist, daß auch der Weinbau zu jenen Gebieten gehört, in denen der Adel führende Kräfte stellte. Unter anderem war es der Pfälzer Freiherr August Wilhelm von BABO, dessen Lehrbücher des Weinbaus im vorigen Jahrhundert in zahlreichen Auflagen verbreitet waren. Tirol selbst erhielt im "Tiroler Weinbuch" [15] des Südtiroler Weingutsbesitzers Grafen HUYN einen mit geschichtlicher Einführung, kulturhistorischen und kulinarischen Exkursen bereicherten, lebendig beschreibenden Führer durch seine Weinbaugebiete.

Über ein anderes Tätigkeitsfeld, auf dem sich der Adel ebenfalls vorbildlich hervortun konnte, spricht wieder Wilhelm Heinrich RIEHL (S. 186): "ZUM GRUNDBESITZ GESELLT SICH IN NEUERER ZEIT DIE GROSSE INDUSTRIE. SIE ERÖFFNET DEM BEGÜTERTEN ADEL EIN NEUES FELD. UND WIE IHN DAS ACKERGUT DEM BAUERN NAHE BRINGEN SOLLTE, SOLLTE ER HIER DER PATRON DES KLEINEN GEWERBSMANNES WERDEN UND DES TAGELÖHNERNDEN ARBEITERS, DES MANNES VOM VIERTEN STAND".

In Tirol hatten sich jene Worte längst schon erfüllt. Denn tirolische Edelleute hatten bei manchen wichtigen Unternehmungen die Initiative an sich gerissen, z.B. im Bergbau. Besonders die vorhin genannten FIEGER [15a] waren wegen ihres sozialen Verhaltens und ihrer wohltätigen Stiftungen beliebtere Unternehmer als die namensähnlichen, aus dem Kaufmannsstand hervorgegangenen FUGGER. Zwar auch die Fugger stifteten Wohlfahrtswerke, doch erlangten sie niemals jene Sympathien, die man jenem heimischen Geschlecht der Fieger zollte. Zuviel war über Fuggerische Wuchergeschäfte durchgesickert, die das Land in schwere Schuldenlast stürzten, z.B. über den Kredit von 150.000 Gulden im Jahre 1488, für den der Landesfürst Erzherzog Sigmund einen Schuldschein über 200.000 Gulden ausstellen mußte [16]. Auch hatte es im Jahre 1582 zu einem Knappenaufstand geführt, als die Fugger versucht hatten, den Lohn der Schwazer Knappen zu drücken [17]. Am 14. März 1600 mußte die tirolische Kammer den Fuggerischen Faktor ermahnen, dafür zu sorgen, daß den Knappen zu Imst der übliche Lohn und nicht weniger als es anderwo geschah, gezahlt werde [18].

Die sozial fühlenden Herrn von FIEGER waren allerdings gleich wie die Tänntzl und andere Tiroler Unternehmer finanziell ruiniert worden, als der Bergsegen nachgelassen hatte. Sie hatten sich um das Jahr 1560 nach schweren Verlusten vom Bergbau zurückziehen und das Feld Ausländern überlassen müssen. "DIE EHEMALIGEN INLÄNDISCHEN GEWERKEN", so klagte die Kammer im Jahre 1564, "WAREN IN EHREN ZU HALTEN, ABER DIE JETZIGEN FREMDEN SEHEN NUR AUF EIGENEN GEWINN... und so werden auch die Gesellen den Berg verlassen, da man ihnen das Gewinst so entzieht, daß sie nicht mehr bestehn können" [19].

Solange die Fieger noch reich waren, hatten sie zum Bau der Haller Pfarrkirche beigesteuert, sie hatten ihr um das Jahr 1490 eine Vorhalle mit ihrer Grabkapelle angebaut und eine Kaplanei gestiftet, außerdem den Armen der Stadt im Jahre 1495 ein Versorgungshaus mit zugehörigem Bad, die sogenannte "Schrattenthal-Stifung" [20] gewidmet; es lag nördlich des Stadtgrabens in der Gegend des heutigen Landesnervenkrankenhauses.

Auch in Innsbruck bewies ein Adelsherr ähnliche Großzügigkeit. Konrad der HELBLING von Straßfried widmete dem Stadtspital im Jahre 1348 ein Haus in der Schlossergasse [21]. Weitere Stiftungen Adeliger ließen sich so viele nennen, daß hier der Platz kaum ausreichen würde. Zum Beispiel waren die Stifter und Hauptwohltäter des Haller Franziskanerklosters Pantaleon SCHIESTL von Liechtenthurn und Georg von ETTENHART (gest. 1648) [22], des Haller Klarissenklosters, 1717, der Brixner Domherr Franz von ENZENBERG (1645-1727) [23], des Franziskanerklosters in Innichen der jung verstorbene Michael DINZL von Angerburg (1671-1706) [24]. Weil Ulrich von WINKELHÖFEN aus Brixen (gest. 1665) unter dem Ordensnamen Cassian den Kapuzinern eingetreten war, ließ seine Mutter Kunigunde, geborene Baronin SPAUR, aus seinem väterlichen Erbe das Brixner Kapuzinerkloster nebst zugehöriger Kirche errichten [24a]. Das seien nur einige Beispiele aus vielen ähnlichen Stiftungen!

Fischnalers Innsbrucker Chronik [25] nennt als Wohltäter der Landeshauptstadt unter anderen den am 6. Oktober 1853 verstorbenen Josef Freiherrn von REINHART. Er vermachte der Stadt sein Haus, dem Ferdinandeum seine wertvolle Münzensammlung, dann 10.000 Gulden zu Kleiderspenden für arme Schulkinder. Auf derselben Seite der Chronik ist auch des am 24. Jänner des gleichen Jahres verstorbenen Rechtsanwaltes Freiherrn Alphons von PULLIANI (geb. 1798) gedacht, der hochverdient war als Gründer des St.-Vinzenz-Vereines zur Betreuung von Hausarmen, des St.-Elisabeth-Vereines zum Heranbilden von Kinderwärterinnen und Beaufsichtigen armer Kinder und von Wohltätigkeitsanstalten für Studenten und Dienstboten. Außerdem war er Gründer des Katholischen Stammvereins in Innsbruck (1848). Der seit 1849 segensreich wirkende St.-Vinzenz-Verein fand später in Innsbruck in Oswald von HÖRMANN (gestorben 1917) einen mit hingebendem Eifer auf das Wohl verschämter Armer bedachten Leiter [26]. In Bozen entstand im Jahre 1868 ein Zweigverein, angeregt durch Josef Graf THUN. Dessen Bruder Franz war sein erster Präsident, Universitätsstudenten, meist aus adeligen Häusern, waren die ersten Mitglieder. Seit mehreren Jahrzehnten steht Franz Josef Graf FORNI an der Spitze jenes edlen Werkes.

Fischnalers Innsbrucker Chronik nennt noch eine Reihe anderer wohltätiger Einrichtungen, die dem Adel zu verdanken sind. So im 4. Teil [27]: Am 7. Februar 1834 gründet Frau Gräfin WILCZEK, die Gattin des Landesgouverneurs einen Frauenverein zur Errichtung und Erhaltung von Industrieschulen und Kinderbewahranstalten [28].

Durch die Hochherzigkeit des Fräuleins Therese von LEMMEN konnte in Hall eine verdienstlich wirkende Niederlassung der Tertiar-Schulschwestern entstehen. Fräulein von Lemmen widmete dem Zweck ihr Vermögen von 80.000 Gulden. Im Jahre 1846 wurde das leerstehende, schon ruinenhafte frühere Haller Spitalgebäude mit der Spitalkirche angekauft. Nach einem für Schulzwecke errichteten Neubau eröffneten Schulschwestern aus dem Mutterhause zu Kaltern am Beginn des Jahres 1852 die heute sehr angesehene und durch eine Hauptschule ergänzte Mädchenschule [29].

Am 16. Dezember 1903 wird der Kindergarten im Pechegarten in Wilten auf Grund einer Stiftung des Feldmarschall-Leutnants Franz von SCHIDLACH errichtet. (S. 294) Am 6. Mai 1878 widmete der Rittmeister Albert Graf BENZEL-Sternau für ein Blindeninstitut 48.000 Gulden. (S. 296) Am jetzigen Adolf-Pichler-Platz, neben dem alten Stadtspital, wurde in den Jahren 1506 und 1507 ein Bruderhaus für arme und bresthafte Leute errichtet. Stifter waren die Bürger Jörg und Bernhard ATTLMAYR, Hauptwohltäterin Regina Freiin von LAMBERG. Am 4. Mai 1868 stiftete Frau Josefine von SCHEUCHENSTUHL, geb. von STABILE, das Mädchenwaisenhaus in der Museumstraße, heute Caritasheim. (S. 297 und 299) Am 9. November 1883 stiftete Hans von SIEBERER das Knabenwaisenhaus am Saggen. Am 23. April 1909 wurde der Grundstein zum Bau des von ihm gestifteten Greisenasyls gelegt. (S. 301) Am 10. Jänner 1772 bildete Gouverneur Graf HEISTER eine "Armendeputation" aus 53 der Geistlichkeit, dem Adel und Bürgerstand entnommenen Mitgliedern, um planmäßig, Haus für Haus, die Armen zu betreuen. Erster Präsident war der spätere Landeshauptmann Josef Graf SPAUR. Eine Unterabteilung sorgte auch für Verdienstmöglichkeiten und für das Anschaffen von Spinn und Strickereimaterial. So war längst schon dem entsprochen, was der alte RIEHL auf S. 186 seines wiederholt zitierten Buches ausgesprochen hatte: "BEI DER GRÜNDUNG GEMEINNÜTZIGER ANSTALTEN SOLL DER NAME DES EDELMANNES OBENAUF STEHEN!". Längst schon hatte man sich um Arbeit für den armen Mann bemüht!

Bereits in das Jahr 1603 reichen Versuche des damaligen Statthalters und späteren Landesfürsten ERZHERZOG MAXIMILIAN des Deutschmeisters, eine Barchent- oder Tuchweberei ins Leben zu rufen, um armen Landesbewohnern Arbeit und Brot zu verschaffen [30]. Nach mehreren mißglückten Versuchen kam es erst im Jahre 1693 durch namhafte Beiträge aus Adelskreisen zur Gründung eines größeren Unternehmens, nämlich der Leinwandfabrik in Amras. Die Grafen KÜNIGL und TRAPP, die Freiherrn von DREYLING, EGITZ und WICKA hatten je 1.000-1.500 Gulden beigesteuert. Die Grafen KÜNIGL und TANNENBERG errichteten 1695 sogar eine Zweigstelle des gutgemeinten Unternehmens in Bruneck. Der geschäftliche Erfolg blieb zwar aus, die Innsbrucker Fabrik mußte wiederholt ihre Besitzer wechseln, doch beschäftigte sie im Jahre 1764 immer noch 11 Webmeister und 30 Gesellen. Einen ähnlich geringen Erfolg erlebten auch die Gründer einer "Leonischen Fabrik" in Innsbruck im Jahre 1682. Zu den Aktionären gehörte u.a. ein Baron ZECH. Nach einem zu Leon in Spanien entwickelten Verfahren sollte vergoldeter oder versilberter feiner Kupferdraht für Schmuckarbeiten hergestellt werden; er sollte für Schmuckarbeiten Verwendung finden. Aus dem Ahrntaler Bergbau der Grafen von TANNENBERG und der Freiherrn von STERNBACH stand vorzügliches Kupfer zur Verfügung, doch das Unternehmen scheiterte aus Mangel an Tradition. Die Fabrik ging nach wenigen Jahren ein, doch wurde der Gedanke trotzdem nicht aufgegeben. Im Jahre 1802 erlangten die genannten Bergwerksherrn die Konzession für eine neue Leonische Fabrik in Schwaz. Sie konnte nach den Kriegswirren und nach dem verhängnisvollen Brand von Schwaz vom Mai 1809 erst im Jahre 1814 in volle Tätigkeit treten. 200 Arbeiter aus jenem Notstandsgebiet erhielten durch jenes Unternehmen Verdienst.

Die Fabrik hatte einen tüchtigen Leiter, Joseph Anton Edlen von BRENTANO (gestorben 1847 zu Schwaz) [31]. Durch seinen rastlosen Eifer steigerte er nicht nur ihre Leistungsfähigkeit, sondern auch den Absatz ihrer Erzeugnisse. Nebenbei war er auch ein großer Gartenfreund; er trug durch Verbreiten von Edelreisern der besten Obstsorten viel dazu bei, um in der ganzen Umgebung den Obstbau zu heben.

Die im Jahr 1839 in den Nachbarort Stans verlegte Leonische Fabrik gedeiht weiter im Besitz der Grafen ENZENBERG und beschäftigt sich heute hauptsächlich mit dem Herstellen von Christbaumschmuck. Was sie seinerzeit für die notleidende Schwazer Bevölkerung bedeutet hatte, hat im nordwestlichen Tirol ein Seitenstück. Zu Ende des 18. Jahrhunderts betrieb dort die "Strelische Kompanie" mehrere Textilfabriken. Auch durch das Ausgeben von Heimarbeiten bot sie zahlreichen Menschen, die sonst gezwungen gewesen wären auszuwandern, Verdienst. In der netten Volkskundlichen Schilderung des Joseph ROHRER "Uiber die Tiroler", Wien 1796, ist auf S. 20, im Abschnitt über den Gewerbefleiß der Tiroler, zu lesen: "Die Spitzenklöpplerinnen zu Rietz, Gröden, Taufers... gering gerechnet 800, arbeiten für die nach Italien handelnden Botzner Herren, die Kattunfabrik des Herrn STRELE von Strelburg zu Reutti setzt doppelt so viele Personen in den Pfarren Tannheirn, Reutti und dem oberen Lechthale zum Spinnen, Weben, Drucken und Färben in Bewegung, die Strelische Kompanie zu Imst zu gleichem Endzwecke in den Gerichten Imst, Landeck Laudeck und dem unteren Lechthale über 2.000 Menschen".

Oberforstrat Dipl. Ing. Georg STRELE (1861-1950), bekannt als hervorragender Fachmann auf dem Gebiet der Wildbachverbauung, gab seinerzeit in den Tiroler Heimatblättern [32] einen kurzen Überblick über das segensreiche Wirken jener Unternehmungen seiner Verwandten. Die Strele hatten im Jahre 1747 mit einer Leinenwaren Manufaktur begonnen, später auch Baumwollwaren erzeugt, Spinnschulen errichtet und die zum Teil von Hauswebern hergestellten Waren immer mehr verfeinert und vervollkommnet. Sie beschäftigten im Jahre 1791 4.106 Familien. Einschließlich der mittätigen Familienangehörigen waren das ungefähr 8.000 Personen! Leider wurde die Strelesche Kompanie ein Opfer der Napoleonischen Kriege, als die Rohmaterialien ausblieben und sich die Absatzgebiete verschlossen.

Die Leitung solcher dem Volkswohl dienenden Unternehmungen war eine nicht genug zu rühmende Tat! Aber auch andere Bemühungen adeliger Personen, um die Volkswirtschaft des Landes zu fördern, verdienen Anerkennung! Als zum Beispiel der Gedanke aufkeimte, man könnte auch in Nordtirol eine Seidenindustrie begründen, um vielen Leuten Arbeit und Verdienst zu geben, veröffentlichte der schon an anderer Stelle genannte Franz von LAICHARDING deutsche Ausgaben zweier in italienischer Sprache herausgekommener Schriften des Franz von BARONI-Cavacabo: "Anweisung zur Erzüglung der weißen Maulbeerbäume", Innsbruck 1764 und "Gründliche Anweisung zum Seidenbau", Innsbruck 1765. Auch Johann von SCHMUCK gab eine "Kurze Anleitung zum Seidenbau auf deutschem Boden mit besonderer Rücksicht auf Nordtirol", Innsbruck 1854, heraus.

RIEHL sagt weiter (S. 186): "ALS KOSTBARES STANDESVORRECHT SOLL DER ADELIGE DARAUF HALTEN SICH IN DEN FÜR WOHLTÄTIGE ZWECKE GEZEICHNETEN SUMMEN VON KEINEM BÜRGERLICHEN GUTSBESITZER ÜBERTREFFEN ZU LASSEN!"

Seinerzeit eröffnete der Kaiser nach Elementarkatastrophen die Reihe der Spender mit einem bedeutenden Beitrag aus seiner Privatschatulle. Ihm schloß sich der Hochadel mit wahrhaft fürstlichen Beiträgen an. Bürgerliche, die Schritt halten konnten, wurden mit Adelstiteln ausgezeichnet und durften fortan an der Spitze mitmarschieren. Man spottete zwar über die "OCHSENBARONE", reich gewordene Viehhändler, die ihren Freiherrnstand durch Stiften eines Spitals oder Waisenhauses erkauft hatten. Im Grunde war es der Allgemeinheit dienlich, wenn Neureiche durch eine [[|Standeserhebung]] angeregt wurden, von ihren Mitteln auf vornehme Weise Gebrauch zu machen!

Heute sind in den meisten Fällen anstelle der Almosen Renten- und Versicherungsansprüche getreten. Trotzdem läßt sich private Wohltätigkeit nicht ersetzen. Die Opferwilligkeit des Adels war immer schon beispielgebend! Privater Anregung verdankt manches Wohlfahrtswerk von dauernder Bedeutung sein Entstehen. Wörtlich sagte der Abgeordnete Dr. Johann HASSLWANTER in der Landtagssitzung vom 26. November 1866: "Was zum Wohle des Landes berufene Körperschaften nicht vermögen, leistet der Herr oft durch einen Einzelnen" [33]. Er sprach das in einem Rückblick auf die Geschichte der Landestaubstummenanstalt, die damals aus bischöflicher Leitung vom Land übernommen wurde.

Eine einfache Veranlassung führte zu diesem so wichtigen Institute. Der edle Graf Johann von TRAPP erbarmte sich eines taubstummen Knaben von der Stadt Glums, schickte ihn zu seiner Ausbildung in die Taubstummenanstalt nach Wien und machte in der Kongreßsitzung vom 14. Mai 1821 den Antrag auf Errichtung einer vaterländischen Taubstummenanstalt, denn er berechnete, daß wir mehr als 300 solcher Unglücklicher besitzen...

Er führte weiter aus, daß zuerst aus privaten Stiftungen ein kleineres Institut für 7, dann für 10, schließlich für 40 Zöglinge zustande kam, das jetzt als Landesanstalt entsprechend auszubauen sei.

Daß die armen Blinden im vorigen Jahrhundert in Josef Freiherrn von GIOVANELLI einen treu besorgten Anwalt hatten, wurde schon am Eingang dieses Abschnitts erwähnt. In unserem Jahrhundert nahm sich ihrer besonders Hofrat Philipp Freiherr von WINKLER (gest. im Jänner 1946) an. Er gab 1936 auch ein Büchlein heraus; es beschreibt das vor allem durch seine Bemühungen zustande gekommene Innsbrucker Blindenheim [34].

Mir liegt es allerdings fern, durch Hinweise auf das Beispiel edler Adelsherrn den Anschein zu erwecken, als wäre ähnlicher Opfermut nur unter Adeligen zu finden; aus allen Kreisen der Bevölkerung lassen sich vorbildliche Gestalten erwähnen! Im Rahmen der vorliegenden Abhandlung sei jedoch betont, daß auch der Adel in den verschiedensten Belangen Werke der Barmherzigkeit erbracht hat, die aller Ehren wert sind. "DER BÜRGERLICHE WIRD ZUM VERDIENEN ERZOGEN, DER ADELIGE ZUM SCHENKEN!"; ich hörte dieses Wort in früher Jugend.

Man hat in Österreich den Adel abgeschafft, aber man braucht den Adeligen! Man benötigt Männer mit vornehmer Gesinnung und entsprechenden Umgangsformen. Daher stellt man Adelige mit Vorliebe an die Spitze gemeinnütziger Vereinigungen jeder Art. Kameradschaftsverbände gedienter Soldaten stellen mit Vorliebe volksverbundene Adelige an ihre Spitze, die Pfadfinder Tirols haben in Diplom-Ingenieur Bernhard von RICCABONA einen umsichtigen Feldmeister, die Geschichte des Österreichischen Alpenvereins ist mit dem Namen Raimund von KLEBELSBERG untrennbar verbunden.

Ritterlicher Überlieferung entspricht es, wenn in Notgebieten Hilfszüge der alten und durch opferfreudige Bürgerliche verstärkten Ritterorden eintreffen, um Bedürftige mit dem Notwendigsten zu versorgen. In beiden Weltkriegen bewährte sich jene vorbildliche christliche Caritas. Ein Werk der Nächstenliebe ist zum Beispiel der Hilfsdienst des Malteserordens. Junge Leute beiderlei Geschlechts, Adelige und Nichtadelige, beteiligen sich daran und stellen einen Teil ihrer freien Tage selbstlos zur Verfügung, um Kranke und Verletzte zu betreuen. Auch Tirol hat eine von Leonhard Graf WOLKENSTEIN geleitete Zweigstelle mit blühendem Leben. Etwa 30 in Erster Hilfe ausgebildete junge Männer und Mädchen stellten sich ein 3. Juli 1971 in der Wiltener Stiftskirche zur Aufnahme in den Malteser-Hilfsdienst. Auf die Worte des Fürstgroßpriors:

Der Geist des Ordens verlangt gegen das achtfache Elend dieser Welt zu kämpfen. Das sind: Krankheit und Verlassenheit, Heimatlosigkeit und Hunger, Lieblosigkeit und Schuld, Gleichgültigkeit und Unglaube. Seid Ihr dazu bereit?

antworteten sie mit einem entschlossenen "Ich bin bereit!".

Ich bringe einige Sätze aus dem seit Jahrhunderten überlieferten Aufnahmszeremoniell des Ordens:

Mein Freund, Ihr begehrt die Gemeinschaft dieses Hauses und es ist Euch bekannt, daß viele Adelige große Bitten taten und sehr erfreut wären, wenn eines ihrer Kinder in einem so heiligen Orden wie dem des Hospitals aufgenommen würde. Und wenn Ihr der Meinung seid und wünschet gut gekleidet zu sein und den großen Herrn zu spielen und jegliche Art von Bequemlichkeit zu haben, dann seid Ihr im Irrtum, denn wenn Ihr essen wollt, werdet Ihr fasten müssen, und wenn Ihr schlafen wollt, werdet Ihr wachen müssen! Und man wird Euch auftragen sich hierhin und dorthin zu begeben, und es wird erforderlich sein auf Eueren Willen zu verzichten, vielmehr bereit zu sein Härten auf Euch zu nehmen... Und außerdem leisten wir ein Versprechen, das sonst kein Mensch macht, denn Ihr versprechet Diener und Sklaven unserer Herrn, der Kranken zu sein...

Dann folgt die Bekleidung mit dem Ordensmantel:

Sehet das Zeichen des Kreuzes, das ihr am Mantel tragen werdet .... Gott möge Euch durch dieses Kreuz und den Gehorsam, den Ihr leistet, schützen und verteidigen!

Nach diesem Blick auf jene Kundgebung stets weiterlebenden Rittergeistes sei nicht vergessen, auch das wohltätige Wirken edler Frauen zu erwähnen!

Verehrungswürdige Gestalten aus dem Mittelalter wie ELISABETH, Landgräfin von Thüringen, und HEDWIG, Herzogin von Schlesien, die erstere eine ungarische Königstochter, die andere eine geborene Gran von Andechs, verkörpern das Idealbild der um das Wohl der Armen und Kranken besorgten Burgfrau. In der tirolischen Überlieferung ist ihre Rolle auch der frommen Dienstmagd des stolzen ROTTENBURGERS, NOTHBURG von Eben [35], zugeschrieben.

Man wird an das gütige Walten jener heiligen Frauen denken, wenn man in der Geschichte der STACHELBURGER-Nachkommen liest: "Ein Strom stiller Wohltaten ging von den beiden Ansitzen Kalmünz in Meran und Münzbank in Grien bei Bozen aus, wo die Schwestern Elisabeth und Luise von GIOVANELLI die Zeit ihrer Witwenschaft verbrachten. Ungezählte Koststudenten, oft ein halbes Dutzend zugleich, fanden hier wie dort festlichen Tisch, verschämte Arme reichliche Unterstützung. Gemeinnützige Vorhaben, die Errichtung des Lehrerseminars in Grien, des Seraphischen Liebeswerkes in Dorf Tirol, der Bau von Schulhaus und Genossenschaftskellerei in Terlan, der Schießstand in Gries und vieles andere, besonders auch die katholische Presse, fanden großzügige Förderung..." [36].

Der Typus der um alle Notleidenden besorgten gütigen Burgfrau lebt noch in unserer Zeit. U.a. bewundere ich schon seit Jahrzehnten die aufopferungsvolle Sorge einer Schloßbesitzerin in der Nähe von Hall um die Kranken. Sie trägt ihnen jede Erdbeere ihres Gartens zu, während sie alle seine Blumen der Ortspfarrkirche zum Schmuck der Altäre widmet.

Ich verweise noch auf ein einzelnes, gewiß nicht allein stehendes Beispiel aus einer Kalterer Familiengeschichte: es hatte der seinerzeitige Besitzer des Adeligen Ansitzes Windegg in der Nähe des Kalterer Sees, Nepomuk von SCHASSER (gest. 1827) in seiner Gemahlin Anna MARINI nicht nur eine tüchtige Hausfrau, sondern auch eine ebenbürtige Partnerin seiner auf das Wohl seiner Gemeinde zielenden Bestrebungen, denn er war wiederholt Bürgermeister und brachte Kaltern trotz aller Kriegsnöte in die Höhe!

"Klug und energisch, aber auch voller Güte und teilnehmender Liebe, erwarb sie schnell die Zuneigung aller, die sie kannten. Die schweren Kriegsjahre und ihre Folgen gaben ihr reichlich Gelegenheit helfend einzugreifen. Besonders war dies im Hungerjahre 1816 der Fall, wo sich ihr und ihres Gatten organisatorisches Talent zeigte. Sie begnügte sich aber nicht mit den Armen, die sie reichlichst unterstützte, und den Kranken, die sie fleißig besuchte, sondern trachtete auch dem ganzen Volke zu helfen. Für junge Bauernmädchen rief sie eine Arbeitsschule ins Leben, wo diese eine Vorbildung für ihren künftigen hausfraulichen Beruf erhalten sollten... Aber besonders groß zeigte sie sich im Jahre 1836 bei der Choleraepidemie. Frau von Schasser floh nicht, sondern hielt tapfer aus; sie griff zu und half, wo sie nur konnte. Damit gelang es ihr vielen aus Kaltern das Leben zu retten..." [37].

In den drangvollen Tagen des Tiroler Freiheitskampfes und der düsteren Nachkriegszeit setzte sich in Bozen die verwitwete Frau Maria Anna von GIOVANELLI, geborene von PACH (gestorben am 29. Dezember 1827) in hochherzigster Weise für die verfolgten und eingekerkerten Landsleute ein. Ihren Bemühungen ist es zu verdanken, daß Andreas HOFER's Frau und sein Sohn aus französischer Gefangenschaft entlassen wurden. Sie hätte auch dem Peter MAYR, dem Wirt an der Mahr, das Leben gerettet [38]! Er war am 14. Februar 1810 zum Tod verurteilt worden, weil er nach Friedensschluß weitergekämpft hatte. Der französische Befehlshaber, General Graf BARAGUAY D'HILLIERS, hatte sich durch einen Fußfall von Mayrs Gattin, der Maria Crescentia FUX aus Gries am Brenner, und ihrer Kinder nicht bewegen lassen, das Urteil aufzuheben. Da war es Frau von Giovanelli, die helfend einsprang. Sie flößte der Gemahlin des Generals solche Teilnahme am Geschick des Verurteilten und seiner Familie ein, daß sich der General gewinnen ließ, für den 19. Februar eine neue Verhandlung auszuschreiben, um das erste Urteil zu überprüfen. Auf seine persönliche Weisung wurde dem Angeklagten eine rettende Ausrede, er hätte die Aufforderung zum Niederlegen der Waffen nicht gesehen, sozusagen in den Mund gelegt, doch der ehrliche Peter Mayr blieb bei seinem Schuldbekenntnis; so mußte sich sein Schicksal vollziehen!

Auch ein treuer Patriot, der in jenen schweren Zeiten ohne Rücksicht auf sein eigenes Wohl auf die Interessen seines Landes und seiner Mitbürger bedacht war, nämlich der Bozner Merkantilkanzler Franz von PLATTNER zu Neufeld (1771-1817) bemühte sich für die Freilassung eingekerkerter Landsleute. Ihm gelang es, durch sein Ansehen und seine Sprachkenntnis den Schützenmajor EISENSTECKEN und andere aus dem Gefängnis zu befreien [39].

Vornehme Damen standen seit jeher an der Spitze der Wohltätigkeitsvereine, so wie Frau Therese MALFATTI, geborene Gräfin SARNTHEIN (1867 bis ca. 1940) an der Spitze der Katholischen Frauenorganisation stand. Unvergessen ist u.a. Frau Julie Gräfin TRAPP, geb. Gräfin LAMBERG (1876-1954), die Präsidentin des Wohlfahrtsvereins vom Roten Kreuz, als Anregerin des Christkindleinzuges in Innsbruck. Er wird seit etwa 1930 regelmäßig abgehalten, findet stets den Beifall der Zuseher und führt wohltätigen Zwecken beträchtliche Einnahmen zu.

Als Präsident des Roten Kreuzes in den schweren Zeiten des Ersten Weltkrieges und der anschließenden Notjahre, erwarb sich ihr Gemahl, der Exzellenzherr Gotthard Graf TRAPP (1864-1940) bleibende Verdienste. Das Beschaffen der für die Kriegsspitäler notwendigen Mittel, die Sorge um den Austausch schwer verletzter Gefangener, der Vermißtensuchdienst forderten hingebungsvolle Arbeit, die er mit Anspannung aller Kräfte erfüllte. Aber auch in anderer Weise, die ebenfalls öffentlichen Interessen zukam, war sein Wirken verdienstvoll. Er hatte auf seinem sorgsam gepflegten eigenen Schloßbesitz hinreichende Erfahrung in der Erhaltung alter Baudenkmäler gesammelt, er war durch Befähigung und Neigung wie geboren zum Leiten des Vereines für Heimatschutz in Tirol. Durch seine langjährige Tätigkeit als Obmann jenes Vereines trug er wesentlich bei, um Verunstaltungen des Orts- und Landschaftsbildes zu verhindern und um gelungene Restaurierungen und anheimelnde Neubauten durchzusetzen. Sein Sohn, Landeskonservator im Ruhestand, Hofrat Dr. Oswald Graf TRAPP, leitete später das Landesdenkmalamt mit einer seiner Familienüberlieferung entsprechenden Umsicht. Zur Zeit des Dritten Reiches war das mit Schwierigkeiten und Gefahren verbunden; der Betreuer der überlieferten Kulturschätze sollte ein gefügiges Werkzeug der Gauleitung sein! Doch Oswald Graf Trapp wehrte sich mutvoll gegen die geplante Zerstörung kirchlicher Kunstdenkmäler; man zog ihn schließlich zum Kriegsdienst ein, um den unbequemen Mann loszuwerden! Seine vom gleichen Geist beseelte Vertreterin, Frau Doktor, jetzt Frau Hofrat Johanna GRITSCH widersetzte sich ebenfalls jenem Zerstörungswerk bis sie vom Gauleiter ihres Dienstes enthoben wurde; dies aber wurde von Berlin aus nicht anerkannt. So unterblieb die vom Gauleiter befohlene Sprengung der bombenbeschädigten Innsbrucker Jesuitenkirche und Wiltener Stiftskirche [40]!

Im Zusammenhang mit dem Denkmalschutz sei auch ein verdienter Wiener genannt! Dem von 1856 bis 1864 in Hall als Salinendirektor wirkenden Franz von SCHWIND (1805-1877) ist es nämlich zu verdanken, daß das Wahrzeichen Halls, der Münzerturm, noch steht! Er sollte wegen Baufälligkeit abgerissen werden, doch Franz von Schwind rettete ihn; er setzte sich für seine Erhaltung ein und ließ dem bisher mit schadhaften Bleiplatten bedeckten Turm ein neues Schindeldach geben [41]; das schön patinierte Kupferdach stammt nämlich erst aus dem Ende des vorigen Jahrhunderts.

Verständnis für heimische Kultur ist zwar nicht an adelige Geburt gebunden; Tirol hat, wie schon aus dem vorletzten Absatz hervorgeht, auch tüchtige Heimatpfleger bürgerlicher Herkunft! Adel ist gewiß nicht die Vorbedingung für jenen Beruf; ich wollte es jedoch nicht unterlassen, auf die engen Beziehungen des Adels zu Denkmalpflege und landeskundlicher Forschung hinzuweisen. Wer sich der Wurzeln seines Seins bewußt ist, weiß was er dem Heimatboden schuldet!

Im Gedanken wie wichtig es ist, das Landschafts- und Siedlungsbild des Vaterlandes zu erhalten, um dem Bewohner jenes Heimatgefühl zu geben, das ihm ein Verbleiben begehrenswert macht, könnte der Abschnitt über das soziale Wirken des Adels mit dem Hinweis auf sein Eintreten für den Heimat- und Denkmalschutz ausklingen. Weil aber schon auf Verdienste anderer Mitglieder des Hauses Trapp hingewiesen ist, sei daran erinnert, daß auch Graf Hans, der ältere Bruder des Grafen Oswald, Anspruch auf den besonderen Dank des Landes besitzt. Dies wurde am 3. Juli 1971 bei einem akademischen Festakt ausgesprochen. In seiner Laudatio auf den vor fünfzig Jahren zum Doktor der Rechtswissenschaften Promovierten hob Professor Dr. Karl ILG hervor, daß der "Accordino" dem Grafen Hans TRAPP zu verdanken ist. Auf dessen Anregung kam nämlich jener österreichisch-italienische Vertrag zustande über einen begünstigten Warenaustausch zwischen Nordtirol und Vorarlberg auf der einen, Südtirol auf der anderen Seite; er ist eine segensreiche Einrichtung, er kommt beiden Landesteilen zugute und hilft immer weiter ausgebaut, wesentlich mit, um die wirtschaftlichen Nachteile der Teilung Tirols zu überbrücken.

Als derzeitiger Vorstand des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum dient Dr. Hans Graf Trapp dem Heimatland im Sinne seiner Familienüberlieferungen. Wir haben immer wieder von unbesoldeten Ehrendiensten in gemeinnützigen Vereinigungen gelesen. Aus privater Initiative ist das Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum hervorgegangen. Hochherzigen Spenden ist ein beträchtlicher, vielleicht der kostbarste Teil seiner Sammlungen zu verdanken. Weil das Landesmuseum keine staatliche oder Landeseinrichtung, sondern ein Privatverein ist, blieben seine Bestände unberührt, als sich die italienische Regierung nach der Annexion Südtirols auf Grund des Friedensvertrages alle Südtiroler Archivalien und Kunstschätze aus Landes- und Staatsbesitz herausgeben ließ.

Stets standen angesehene Persönlichkeiten an der Spitze des Museumsvereines. Auch einfache Mitglieder rechneten es sich zur Ehre an jener vaterländischen Vereinigung anzugehören. "Mitglied des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum", steht auf mancher Todesanzeige als Ausdruck des treuen Bekenntnisses zum Heimatland. Man legte seinen Stolz darein, durch Widmungen die Ziele des Museumsvereines zu fördern. Erst in unserer Zeit ist es vorgenkommen, daß ein wohlmeinender Stifter auf Betreiben seiner Verwandtschaft als geisteskrank erklärt wurde, um die geschenkweise Überlassung wertvoller Kunstschätze widerrufen zu können!

Dem derzeit herrschenden Materialismus entspricht es, daß Aufwandsentschädigung, Sitzungsgelder im öffentlichen Leben zur Selbstverständlichkeit geworden sind und daß daher unbesoldete Vereinsverpflichtungen möglichst gemieden werden. Umsomehr ist der Idealismus derjenigen zu bewundern, die ihre Zeit dem Dienste der Heimat und ihrer Mitmenschen widmen ohne dafür klingenden Lohn zu fordern. Daß der Adel hier mit gutem Beispiel vorangeht, gehört zu seinen Ruhmesblättern!

HOCHENEGG, Hans - "Der Adel im Leben Tirols - Eine soziologische Studie", in Studien zur Rechts-, Wirtschafts- und Kulturgeschichte Bd. VIII, Innsbruck 1972.

 

8. Adelige als Dienstherrn

Als ich den vorigen Abschnitt über das soziale Wirken des Adels vermeintlich abgeschlossen hatte und nochmals durchsah, wurde ich mir einer empfindlichen Lücke bewußt. Ich hatte zwar das Verhältnis des Adels zur Außenwelt erörtert, doch kaum davon gesprochen wie es innerhalb der vier Wände, besonders mit dem Verhalten gegen Bedienstete ausgesehen hat!

Das Thema ist schwierig und heikel zu behandeln, man kann sich auch kaum auf Vorarbeiten stützen. In einer soziologischen Studie darf es jedoch nicht übergangen werden!

Über bäuerliche Dienstboten gibt es schon geeignete, in die Vergangenheit zurückgreifende Veröffentlichungen [1], über gastgewerbliches Personal ließ sich aus alten Reiseberichten eine Menge einschlägiger Bemerkungen zusammenstellen. Nur die Verhältnisse der Haushaltshilfen des Adels und des gehobenen Bürgerstandes scheinen mir bisher viel zu wenig, oder z.B. in der Romanliteratur, soweit ich sie kenne, allzu schematisch behandelt worden zu sein.

Auf meiner Suche nach Unterlagen fand ich schließlich doch so viele bunte Steine, um ein Mosaikbild mit Licht und Schatten zusammenfügen zu können, so wie es sich gehört, um sachlicher zu urteilen. Ich bemühte mich zu trennen,was persönlicher Haltung oder dem Zeitgeist zuzuschreiben ist, denn bis zum Ersten Weltkrieg lebte man in einer anderen Vorstellungswelt als heute. Der Mensch aus dem vorigen Jahrhundert mußte erst umlernen!

Heutzutage begreift man es gar nicht mehr, was früher von einem Angestellten alles erwartet wurde, vor allem unbedingter Gehorsam!, noch mehr, daß es Leute gab, die alle Verpflichtungen gutwillig auf sich nahmen und sich zum Teil sogar gern in jene Zwangsjacke hineinfanden: nicht nur ein gänzliches Unterordnen unter den Willen des Dienstgebers, sondern auch ein Dienen von früh bis spät ohne Freizeit!

Handelsangestellte hatten nur den einzigen Sonntagnachmittag frei, Hausgehilfinnen aber nur an jedem zweiten Sonntagnachmittag Ausgang; sie mußten schon um 7 Uhr abends zurück sein, um der Herrschaft das Nachtmahl zu bereiten. Auch die staatlichen Ämter waren an den Vormittagen der Sonn- und Feiertage offen, doch gab es wenigstens einen erleichterten Journaldienst, um dem Personal in wechselnder Folge den freien Sonntag zu geben.

Man sollte aber nicht annehmen, es hätte früher keine Sozialgesetze gegeben. Schon die Tiroler Landesordnungen zeigen starken sozialen Einschlag zu Gunsten der Armen und kleinen Leute. Der Begriff "Freizeit" war jedoch wenig entwickelt. Das war schon ein großer Fortschritt,als der Innsbrucker Stadtrat am 24. Oktober 1684 verordnete, daß an Vorabenden von Sonn- und Feiertagen die Geschäfte um 3 Uhr nachmittags, die Werkstätten um 4 Uhr nachmittags zu schließen seien [2]. Durch lange Zeit hörte man sonst nichts mehr, wie es mit jenem bescheidenen Feierabend stand. Doch am 12. Oktober 1827 verbot das Gubernium in Innsbruck an Vorabenden von Sonn- und Feiertagen um 3 Uhr nachmittags Feierabend zu machen. Wahrscheinlich hatten sich Geschäftsleute über entgangene Einnahmen beschwert. Weiter berichtet FISCHNALER's Innsbrucker Chronik von einer am 15. Dezember 1884 gestellten Forderung der Arbeitnehmer nach einer nicht längeren als zehnstündigen (!) Arbeitszeit. Wiederholt wechselten in den folgenden Jahren die Bestimmungen über die Sonntagsruhe, je nachdem, ob den Wünschen der Arbeiter oder den Klagen der Gewerbetreibenden mehr Gehör geschenkt wurde [3].

Ich mußte auf diese arbeitsrechtlichen Fragen zurückkommen und muß auch näher umreißen, wie es mit den Pflichten und den wenigen Rechten der Dienstboten stand.

Fischnalers Innsbrucker Chronik nennt eine "Neue Dienstbothen-Ordnung für Tirol vom 30. Mai 1769 und deren Erneuerung in den Jahren 1789 und 1827" [4]. Weil ich die letzterwähnte Ausgabe selbst besitze, kann ich Fischnalers Angaben einigermaßen berichtigen.

Das acht Folioblätter umfassende Heft nennt sich am Titelblatt: "Allgemeine Dienstbothenordnung für das Offene Land in Tirol und Vorarlberg. Innsbruck, gedruckt in der Wagner'schen Buchdruckerey. 1827." Schlägt man es auf, beginnt der Text mit: "Wir Joseph der Zweyte etc. etc. entbiethen Unseren sämmtlichen Unterthanen ...", er endet mit den Worten: "Gegeben in Unserer Haupt- und Residenzstadt Wien, den 29sten Dezember im siebenzphenhundert acht und achtzigsten ... Jahre". Bei jenen Neuausgaben von 1789 und 1827 handelt es sich also um den wörtlichen Abdruck einer für Österreich im allgemeinen erlassenen Ordnung aus dem Jahre 1788. Sie ist in 67 Paragraphen gegliedert und handelt hauptsächlich über Dienstverträge, Antritt und Auflösung des Dienstverhältnisses und die gegenseitigen Pflichten. Der Begriff "Freizeit" kommt nicht vor. Einzig und allein der § 9 sagt:

Zwischen dem Austritte aus dem alten und Eintritte in den neuen Dienst sollen dem Dienstbothen höchstens 3 Tage zur Besorgung ihrer eigenen Geschäfte gestattet und freigelassen werden.

Der Dienstbote mußte sich selbstverständlich verpflichten, die ihm auferlegten Verrichtungen gewissenhaft zu erfüllen; er war nach § 42 auch ersatzpflichtig für alle von ihm angerichteten Schäden. Dafür hatte er das Recht auf menschliche Behandlung:

§ 45

Die Dienstherren sollen ihren Dienstbothen mit einem rechtschaffenen Lebenswandel vorleuchten, sie menschenfreundlich und christlich behandeln, und dadurch bei solchen in die gehörige Achtung sich setzen und deren Liebe und Zutrauen erwerben.

§ 46

Jeder Dienstherr ist schuldig dem Dienstbothen den bedungenen Lohn in der hierzu bestimmten Zeit richtig zu erfolgen, die zugesagte oder sonst gebührende Kost, auch Trunk und was etwa sonst noch bedungen worden, abzureichen und überhaupt alle Bedingnisse pünktlich zu erfüllen, zu denen er bei der Aufdingung sich verbunden hat.

Strenge Bestimmungen sollten das eigenmächtige Verlassen eines Dienstplatzes verhindern. Flüchtige Dienstboten waren nach den §§ 32 und 33 "allenthalben aufzusuchen und nach Gestalt der Sache mit Arrest, Strafarbeit in Eisen usw. zu bestrafen". Sehr verpönt war ein heute wieder oft beklagter Unfug. § 23 bestimmt:

Würde jemand einen Dienstbothen durch Geschenke, Verheißungen eines mehrem Lohnes oder anderer Vortheile zur Aufkündigung oder sonst zur Verlassung seines Dienstes bereden, so ist derselbe ... nach Umständen mit Geld oder Arrest zu bestrafen, dann auch die Dienstbothen, die sich zur Aufkündigung oder Verfassung ihrer Dienst bereden lassen, zu züchtigen.

Wer jene Züchtigung vorzunehmen habe, ist nicht gesagt. Den Dienstgebern ist in den §§ 50 und 51 nur im allgemeinen Strafe angedroht, wenn sie ihre Hausangestellten mißhandeln. In bestimmten Fällen oblag die körperliche Strafe dem Gericht:

§ 38

Wenn ein Dienstbothe gegen seinen Dienstherrn mit Schimpf- und Schmähworten sich verginge und deßwegen beim Ortsrichter ... Klage geführet wird, so ist der schuldige Dienstbothe mit einer empfindlichen Leibeszüchtigung zu bestrafen.

§ 39

Größere Verbrechen der Dienstbothen sollen bei der Amtskanzley ... gemeldet werden, wo sodann dergleichen Dienstbothen nach Erkenntniß des Beamten mit einer schärferen Leibesstrafe, jedoch höchstens nur mit 10 Karbatschenstreichen bestrafet werden können, und sind solche Strafen in das Strafprotokoll einzutragen.

Bei schwereren Vergehn droht der § 40 mit Zwangsarbeit in Eisen. Trotz aller Strenge bot die Ordnung in den wiedergegebenen § § 45 und 46 einige Lichtpunkte. Der Ton scheint fast wärmer als in einer neugestalteten Ordnung, enthalten in der "Sammlung von Gesetzen für die gefürstete Grafschaft Tirol", Innsbruck 1873. Die "Provisorische Dienstbotenordnung für die Städte und Märkte, sowie für das offene Land in Tirol und Vorarlberg" auf Grund einer Kundmachung der Statthalterei für Tirol und Vorarlberg vom 14. März 1857 spricht in ihren 45 Paragraphen wieder ausführlich über Dienstverträge und über Abschluß und Auflösung des Dienstverhältnisses. Soweit gleicht sie dem älteren Vorbild. Neu ist es, daß die §§ 10 und 11 es den Dienstnehmern auferlegen,die Befehle usw. ihres Dienstherrn "mit Ehrerbietung" anzunehmen und auszuführen. Dafür muß ihnen dieser nach den §§ 19-23 den bedungenen Lohn zur bestimmten Zeit verabfolgen, ihnen eine gesunde, hinreichende Kost verabreichen und bei unverschuldeter Krankheit durch vier Wochen für Pflege und Heilung sorgen. Bei längerer Krankheit konnte er die Dienstboten entlassen oder der Gemeinde zur weiteren Versorgung übergeben. Von irgendeinem Beschränken der Arbeitszeit oder einem Feierabend ist wieder nicht die Rede. Nur weil § 11 vorschreibt: "An Sonn- und gebotenen Feiertagen müssen die gewöhnlichen häuslichen, sowie jene Arbeiten, die ohne Gefahr nicht verschoben werden können, geleistet werden", ist anzunehmen,daß die Sonntagsarbeit wenigstens etwas abgekürzt war.

Einen Rückfall in die Zeit der Leibeigenschaft bedeutet jedoch der § 17:

Der Dienstbote wird durch den Eintritt in den Dienst ein Mitglied der Hausgemeinschaft und daher unter die besondere Aufsicht des Dienstherrn gestellt. Der Dienstherr hat die Dienstboten zu einem anständigen Betragen zu verhalten und ist zu diesem Ende, sowie zur Aufrechterhaltung der häuslichen Ruhe und Ordnung, sowie des häuslichen Gehorsams befugt, wenn Ermahnungen nichts nutzen, von den strengeren Mitteln der häuslichen Zucht auf eine mäßige, der Gesundheit des Dienstboten nicht schädliche Weise Gebrauch zu machen. Dieses Recht der häuslichen Züchtigung darf jedoch in keinem Falle zu Mißhandlungen ausgedehnt werden ...

Das heißt also: VOR HUNDERT JAHREN WAR ES ZULÄSSIG, DIE DIENSTBOTEN ZU PRÜGELN; NUR BLUTIG SCHLAGEN DURFTE MAN SIE NICHT!

Trotz jener drückenden Abhängigkeit fand ich keine damaligen Äußerungen, daß man das Dienen als Sklaverei empfunden habe. Volle Unterwerfung galt als selbstverständliche Pflicht, wenn man schon seine Arbeitszeit verkauft hatte! Und dort, wo gesetzliche Regelungen fehlten, muß privates Entgegenkommen Härten gemildert haben.

Es gab zum Beispiel noch keine vorgeschriebene Ruhezeit in den Stunden nach dem Mittagessen. Wie ich aus eigener Beobachtung weiß, war jedoch ein gewisses Ausruhen wohl allgemein stillschweigend geduldet in der Form, daß die Magd das Geschirrspülen bis zur Jausenstunde um 4 Uhr nachmittags hinausziehen durfte, obwohl sie es, wenn sie Ausgang hatte, in einer guten halben Stunde bewältigte. Auch wenn Dienstboten auf Einkäufe geschickt wurden, nahm man es hin, daß sie doppelt so lang brauchten,als wenn man selber gegangen wäre. Jedenfalls kam es sehr auf die Person des Dienstgebers an, ob das Dienen wirklich jene Sklaverei war, die es nach heutigen Begriffen gewesen sein mußte.

Gewiß kann gesagt werden, daß Dienstboten vielfach als untergeordnete Wesen, als Automaten ohne persönliches Gefühlsleben betrachtet worden sind. Hier soll ein Histörlein, das sogar wahr sein kann, als Scheinwerfer dienen: Vornehme Mädchen wurden gefragt, warum sie sich nicht genierten,sich vor Augen eines Lakaien umzuziehen. "ES IST JA NUR DER KAMMERDIENER!" sollen sie geantwortet haben.

War das Geringschätzung oder Vertrauensseligkeit? Den jungen Damen war das jedenfalls selbst nicht bewußt, denn Relikte aus depotischen Zeiten mengten sich mit unbefangener Kameradschaft!

Die Stellung eines Bedienten war gar nicht so verächtlich und einflußlos, sonst hätte sich nicht der Erfahrungssatz gebildet: "WENN DU DIE GUNST DES KAMMERDIENERS GEWONNEN HAST, DANN GEWINNST DU AUCH DIE GUNST SEINES HERRN!" Noch so hochgestellte Persönlichkeiten waren nicht von so unnahbarer Hoheit, daß sie nichts auf das Wort ihrer Dichter gegeben hätten. Man kann nicht nur von einer "Herablassung" des Dienstherrn sprechen; vielfach handelte es sich geradezu um Freundschaft, die Herrn und Diener verband. Das einemal war ein alter Angestellter des Hauses als Erbstück übernommen worden, das anderemal waren junge Leute, zum Teil einstige militärische Untergebene des Familienoberhauptes, in dessen Dienste getreten; sie waren durch ihre langjährige Gefolgschaft mit dessen Gewohnheiten, Vorlieben und Sorgen vertraut, sie galten als seine rechte Hand und wußten, daß ihre Stimme gehört wurde.

Ich weiß aus meiner Jugend mancherlei von einem herzlichen Einvernehmen zwischen Dienenden und Dienstgebern; ich möchte es in guten Familien fast als die Regel annehmen. Mir ist ein persönlich erlebter Fall treuer Anhänglichkeit an die einstige "Gnädige" stets in lieber Erinnerung; jeden Herbst lud die "Stiegeler Nanni" in Volders, die einstige Dienstmagd meiner anno 1878 verstorbenen Urgroßmutter Anna von INGRAM, geb. von Weinhart, meine Mutter, meine Schwester und mich zum Besuch ihres ererbten Häuschens in Volders ein. Wir Kinder sogen im Garten den Duft der Rosen und würzigen Heilkräuter ein, dann setzten wir uns mit der achtzigjährigen Nanni auf die breite Gartenbank im milden Strahl der herbstlichen Sonne, wir ließen uns die honigsüßen Birnen und die guten Trauben vom Spalier an der Hauswand schmecken, während die gute Nanni von alten Zeiten erzählte und das Loblied ihrer einstigen Herrin sang. Friede war um uns und wir genossen den Duft des Gartens und den Reiz alter Erinnerungen,bis uns die Abendglocke zur Heimkehr nach Innsbruck mahnte.

Manche treue Dienstboten wären für ihre Herrschaft auch durchs Feuer gegangen; ich hörte sogar von solchen, die auf Heirat verzichtet hatten, nur um ihre Dienstherrschaft nicht verlassen zu müssen! Man hatte sie in patriarchalisch geführten Haushalten des Adels und der gehobenen Bürgerschaft wie Familienmitglieder behandelt; sie fühlten sich zu ihren Dienstgebern gehörig. Was immer ihre Herrschaft betraf, das war auch ihre eigene Freude, ihr eigenes Leid!

Wir lesen in Homers Odyssee von der rührenden Wiedersehensfreude als die alte Kindsmagd Euryklea ihren heimgekehrten Herrn erkannte. Ebenso innig war beiderseits die Freude, als Odysseus sich seinem treuen Eumäos, dem Schweinehirten, zu erkennen gab. Der Held nannte die Euryklea sein "Mütterchen", den anderen sein "Väterchen". Dabei vergessen wir gänzlich, daß beider Dienste im Altertum von Sklaven und Sklavinnen versehen wurden! Gleichfalls wird unsere Vorstellung vom abgrundtiefen Abstand von Herrschaft und Hauspersonal erschüttert, wenn wir uns an die bekannten Worte des Hauptmanns von Kapharnaun oder an eine in Osttirol gefundene römische Grabtafel erinnern, die jetzt ober der Widumstür in Bannberg eingemauert ist: Gaius Antistius Celer setzte sie gemeinsam für sich, seine Frau und seine Hausmagd!

Der genannte Antistius Celer gehörte einer berühmten Familie an. Sie war aus plebejischem Stand hervorgegangen, doch hatten zahlreiche ihrer Mitglieder höchste Staatsstellen erlangt und andere sich als Dichter und Gelehrte hervorgetan. Paulys Realenzyklopädie des klassischen Altertums verzeichnet 62 Antistier, die von römischen Schriftstellern erwähnt sind. Jener Antistius Celer war also sicherlich ein vornehmer, angesehener Herr!

War der Standesunterschied auch noch so groß: wo Mensch und Menschen zusammenkamen, dürfte sich überall und zu jeder Zeit eine Verbundenheit auf höherer Ebene entwickelt haben!

Wie sehr man es als Glück betrachtete, in einem adeligen Haus als Dienstbote aufgenommen zu werden, zeigt ein von Dr. Karl SCHADELBAUER veröffentlichter Brief. Der Amtsgehilfe Friedrich HAUSENBÜCHLER schreibt am 26. Jänner 1858 an den Herrn von ATTLMAYR auf Schloß Weiherburg [5]:

... Ihr mir sehr geehrtes Schreiben vom 16. d. M. erfreute mich ungemein und ich kann es mir nicht genug zur Ehre und Gnade schätzen, daß meine Ziehtochter Judith in Euer Gnaden Diensten die Ehre einzutreten hat ...

Mit Euer Gnaden Vorschlag und Wünsche sind sowohl ich und mein gutes Weiberl als auch Judith vollkommen einverstanden, wie auch mit dem von Euer Gnaden ausgesprochenen Liedlohn per 30 fl (Gulden)k(ourent) W(ährung) (im Jahr). Was die angebothenen Arbeiten anlangen, so werden Euer Gnaden überzeugt sein, daß unsere gute Judith Euer Gnaden gewiß in jeder Hinsicht zufrieden stellen wird: fürs erste kann sie sowohl Haus- als Feldarbeit, ist sehr willig, geduldig und fleißig, und fürs 2te hat sie eine sehr gute Aufführung und ist ein braves, sittsames und unverdorbenes Mädel. Nur bitte ich mit ihr anfangs geduldig sein zu wollen, bis sie ihr anhabendes Geschäft einmal kennt und anzugreifen weiß.

Ihrem Wunsche gemäß wird unsere Tochter in der Osterwoche nach Innsbruck kommen, allso sie sich in Ihrem Schlosse bei Euer Gnaden melden wird. Sollte von uns beiden das eine oder andere im Sommer nach Innsbruck kommen, dann werden wir uns die Freiheit nehmen Euer Gnaden zu besuchen und uns zu überzeugen wie Euer Gnaden mit ihr zufrieden sind ...

Dem guten Verhältnis zwischen den Dienstgebern und den Dienstnehmern entspricht es, daß uns letztwillige Verfügungen zugunsten von Dienstboten öfters begegnen. Zum Beispiel: der undatierte "Extract Johann Jacob INGRAM's hinterlassenes Vermigen betröffent" aus der Zeit um 1760 [6] nennt lakonisch "Lidlohn und Legat 106 fl. 48 xr". Der Ausdruck "Lidlohn" hängt zusammen mit dem althochdeutschen "liute", Leute, Dienstleute; der Erblasser hatte also seine Dienstboten nicht vergessen!

Der am 31. März 1783 verstorbene Dekan von Bruneck, Joseph Matthias von INGRAM vermachte in seinem Testament [7] dem Brunecker Ursulinenkloster 2300, den Hausarmen der Stadtgemeinde 100 Gulden, dann "meiner Häuserin Ursula Gilgin, wenn diese bis auf meinem Ableben bey mir in Diensten verbleiben wird, über den ganzen Jahreslohn und das gewöhnliche Klagkleid 100 fl., meinem Bedienten und der Dienern, jedem doppelten Jahreslohn und das gewöhnliche Klagkleid".

Der berühmte Mathematiker P. Ignaz von WEINHART aus dem damals aufgehobenen Jesuitenorden hatte nach Schließung des Jesuitenklosters bei einem Wetter in Dreiheiligen Aufnahme gefunden, er verfügte in seinem Testament vom 26.1V:ai 1785: "Aus den 2 Dienstbothen meines Hausherrn Carl von Weinhart soll der Köchin =15 Gulden, der Magd 10 Gulden, beiden aber insgesamt untereinander gleich zu theiler= mein ganzes Leingewand gegeben werden" [8].

Auch im Verlaßinventar meines Urgroßvaters Christoph Ulrich von INGRAM 8a), des Gatten der Maria Clara von GIOVANELLI, gestorben am 16. Jänster 1793 zu Bozen, erscheinen die Posten: "An die Dienstbothen Theresia Saxerin 10 fl., Kreszenzia Telfnerin 5 fl., Margareth Fixlin 10 fl. Legat."

Die am 10. Jänner 1805 in Hall verstorbene Frau Maria Walburg von WENGER, geb. Mayr, bestimmte ihrer Dienstmagd Genovefa Schneider ein lebenslängliches Legat von jährlich 12 Gulden [9].

Die Gerechtigkeit verlangt, es darauf hinzuweisen, daß selbstverständlich auch bürgerliche Erblasser an ihr Hausgesinde gedacht haben. ADEL DEM GESINNUNG IST GEMEINGUT ALLER MENSCHEN, DIE GUTEN WILLENS SIND!

Das gleichfalls in meiner Hand befindliche Nachlaßinventar der am 10. Oktober 1802 verstorbenen Löwenwirtin aus der Innsbrucker Altstadt, Frau Marias Kunigunde ONGANIA, geb. LOTTER, enthält eine Abschrift ihres Testaments vom 22 . Juni 1802; es heißt unter anderem: "daß meine Töchter verbunden sind denen zur Zeit meines Sterbens bey mir befindlichen Dienstbothen, jedem einen Jahreslohn als Legat zu entrichten".

Aus jenem Nachlaßinventar der Löwenwirtin geht noch etwas hervor, das ich nicht verschweigen darf; es hieße sonst, ich würde nur Licht sehen und Schatten verneinen! Unter den uneinbringlichen Forderungen der Wirtin befanden sich nämlich auch Zechschulden Adeliger! Leichtsinnige Schuldenmacher gibt es zwar in jeder Gesellschaftsschicht. Wer aber "Kavaliersschulden" bagatellisiert, schadet dem .ansehen des ganzen Standes!

Wir wenden uns wieder jenen Geldspenden zu, zu denen man ssch den Dienstboten gegenüber dem Herkommen nach und aus Billigkeitsgründen verpflichtet fühlte. Es wurden nämlich auch bei erfreulichen Gelegenheiten Geschenke ausge teilt; sie waren beim damaligen Geldwert nicht unbeträchtlich.

Vom Staatsbuchhalter Johann Andrä von INGRAM (gest. 1824) besitze ich noch ein Aufschreibbuch aus den Jahren 1807 und 1808. Zwischen dem z. und 7. Jänner 1807 ist eingetragen:

 

Der Kanzlei Magd das Neujahr

2 fl.

beim Hirschen detto

1 fl. 12 xr

der Liesel detto

1 fl. 12 xr

der Pizzan-Dirn (vom Pizzanhof in Amras)

24 xr

den Nachtwächter detto

24 xr

dem Siemele Trinkgeld

36 xr

dem Polizey Diener als Neujahr

48 xr

dem Packtrager detto

30 xr

 

Der Gärtner im Ingramschlößl am Stadtsaggen, der vielleicht eigene Wirtschaft führte, bekam monatlich 11 Gulden. Einnahmen aus dem Verkauf des Ertrages wurden ähnlich wie folgt wiederholt eingetragen: "Vom Garten nach Abzug der 12 xr vom fl. bleiben 9 fl. 50 xr." Da der Gulden damals noch 60 Kreuzer zählte, blieben dem Gärtner jedesmal 20 % des Erlöses.

Die oben erwähnte "Liesel" war wohl die Magd im Haushalt seines Bruders Anton. Der kinderlose Johann Anton teilte mit ihm die Wohnung im Ingramschlößl. Eine weitere Eintragung des Buches lautet: "7. August (1808). Kaufe der Liesel einen neuen runden Hut per 6 fl". Der hohe Preis und die Betonung der runden Gestalt lassen darauf schließen, daß es sich um einen goldbestickten Trachtenhut flacher Form, wie sie damals anstatt der spitzigen Hüte in Mode kamen, gehandelt haben dürfte.

Johann Andräs Neffe, Hauptmann Johann Kaspar von INGRAM [10], trug in seinem vom Mai 1826 bis zum März 1849 geführten Einschreibbuch unter anderem ein: "1. Januar 1827, Neujahrsgeschenke an die Dienstbothen etc 15 fl. 58 xr."

Im Jahre 1829 bekam das Nannerl aus Bregenz, anscheinend ein Küchenmädchen, vierteljährlich 6 Gulden Lohn und 2 fl. 24 xr zum Namenstag, die Kindsdirn Miedl 7 Gulden vierteljährlich und das gleiche Namenstagsgeschenk. Gleich viel bekamen die beiden um Neujahr 1830, dazu die Sepherl und der Martin je einen Gulden und 12 Kreuzer. Monatgelder für Studenten und andere Spenden sind nebenbei eingetragen.

Im Jänner 1847 heißt es: "Neujahrsgeschenk der Köchin Lena 2 fl. 24 xr, der Magd Moidl 1 fl. 12 xr, dem Brunnenmacher 1 fl. 12 xr."

Weil ein Dienstmädchen, wie schon gesagt, von ihrer Herrschaft mit allem Notwendigen versorgt war, konnte es seinen Lohn zurücklegen - aber ist das heute noch Brauch? Wie wenige haben die Selbstbeherrschung auf das Erfüllen persönlicher Wünsche zu verzichten! Ich hörte wiederholt von frommen Dienstmägden, die alles Geld zusammen legten, um in alten Tagen als Höhepunkt ihres Lebens eine Pilger::fahrt ins Heilige Land mitmachen zu können oder gar, um einen Priesterstudenten zu unrterstützen und an sein Ziel zu bringen.

Wir müssen staunen über solchen Opfermut! Angesichts solchem Selbstvergessens läßt sich ein auf religiöse Überzeugung gestütztes Berufsethos ahnen&, das jene schlichten Mägde beseelte; sie fühlten sich verpflichtet nicht mehr sich selbst, nur der Dienstherrschaft anzugehören,und ihren Lohn für religiöse Zwecke zu opferrn. Das war eine Pflicht der Dankbarkeit, zugleich ein Werk christlicher Nächstenliebe, wenn die Dienstgeber in jener Zeit, da es noch keine gesetzliche Altersversorgung gab, füt- ihre alt gewordenen Hausangestellten sorgten. In den großen Wohnungen alteingesessen-er Familien waren für ergraute "Hausmöbel", die ihrer Herrschaft vielleicht schon in d.er dritten Generation treue Dienste geleistet hatten, immer Kammern vorhanden. Die alten Dienstmägde betreuten vielleicht noch, so weit sie es konnten, den jüngsten Nachwuchs und genossen das Gnadenbrot, geehrt von der Hausmutter, die in ihnen vertraute Berater und Hüter der Familienüberlieferungen schätzte.

Bescheidenere Haushalte, vor allem Beamtenfamilien, waren freilich nicht in der Lage, eine ausgediente Hausgehilfin bei sich zu behalten. Es fehlte der Platz! Zum Schema der um das Jahr 1900 gebauten Drei- bis Vierzimmerwohnungen gehörte es, daß neben der Küche, und nur von dort aus erreichbar ein darmartiger Raum ähnlich einer Gefängniszelle vorhanden war, gerade noch ausreichend für ein Bett, einen Kasten, einen kleinen Tisch und einen Stuhl, als Unterkunft für ein "Mädchen für alles". Er erhielt etwas Wärme und weit mehr Wohlgerüche vom Küchenherd. Nur ein sehr anspruchsloses Gemüt konnte sich wohlfühlen in einem so armseligen Quartier und mit der Aussicht,die letzten Tage im Armenhaus zubringen zu müssen!

Um die Lage der Dienstboten zu mildern,gründete der sozial denkende Chorherr und spätere Prior von Witten Dominikus DIETRICH (1871-1951) kurz vor dem Ersten Weltkrieg die "Katholische Dienstmädchenorganisation". Die "Mädchen" jüngeren oder höheren Alters trafen sich an Sonntagnachmittagen zu gemeinsamer Andacht und anschließendem geselligen Beisammensein. Viele Hausfrauen sahen das nicht gerne. Es sei eine Gelegenheit zum gegenseitigen Aufhetzen; sie sahen das Herank<ommen einer Zeit, in der es vorbei war mit jenen gefügigen Werkzeugen!
Immer wieder hörte ich die Klage, die heutigen Dienstboten seien nichts mehr im Vergleich mit früher! Ich las zwar, man habe schon vor Jahrhunderten dasselbe Lied gesungen, doch war es in einer Zeit erwachenden Selbstgefühls ar=n ehesten begreiflich. Heute wäre gewiß manches undenkbar! Wohl in den meisten Fällen wurde zwar kein Unterschied gemacht in dem was die Herrschaft und was die Magd zu essen bekam, doch vernahm ich in meiner Jugend auch einen anderen Standpunkt- So sagte einmal eine Besucherin im Brustton der Überzeugung zu meiner Mutter, um sie ::zu belehren: "EINEM DIENSTBOTEN GIBT MAN DOCH KEIN FLEISCH!" Mich empörte dieses Wort in meinem Inneren, vor allem weil ich die Herkunft der Sprecherin kannte. Sie war selbst aus dem dienenden Stand und nur durch Heirat mit einem längerdienen den Unteroffizier, der nach und nach eine mittlere Stellung erreicht hatte, zur "Gnädigen Frau" geworden!

Bekanntlich sind Emporkömmlinge am meisten auf ihren Rang bedacht; jemand wirklich Vornehmer hätte gewiß nicht so gesprochen!

In wohltätigem Gegensatz steht ein von meiner Großmutter oft wiederholter Ausspruch eines Herrn von G. aus ihrem Bekanntenkreis. In seiner Sorge um das Wohl der alten Hausmagd hatte er die Gewohnheit, täglich seine Frau zu fragen: "HAST DU IN DER NANNI EIN GLAS WEIN GEGEBEN? " Auch ich merkte mir jenen Satz des menschlich fühlenden Edelmanns; er wurde in meiner Familie geradezu zum geflügelten Wort!

Was ich hier an solchen Beispielen brachte, gleicht gewiß nicht schwerwiegenden Beweisen, eher rasch huschenden Schattenbildern, aber auch Imponderabiblien sind in ihrer Wirkung nicht zu unterschätzen!

Ein Zufallseindruck hatte zum Beispiel den Wiener Kulturhistoriker Gustav GUGITZ veranlaßt, in einem verallgemeinernden Ton bittere Worte über die vornehme Gesellschaft fallen zu lassen, als er in einem oberösterreichischen Mirakelbuch von einem armen Dienstmädchen las, dem seine Dienstgeberin den Lohn vorenthalten hatte [11]. Diese, eine Frau Kammerrätin mit dem bürgerlichen Namen D., mußte das nach dem Sterben im Fegfeuer büßen; ihre arme Seele wandte sich flehentlich an die ausgebeutete frühere Magd mit der Bitte um Gebet und heilige Messen. Und die gute Haut brachte es tatsächlich zustande ihr durch Beten, durch eine Wallfahrt, die sie auf den Knien rutschend zurücklegte, auch durch Zahlen von Meß-Stipendien,die verdiente Strafe zu tilgen - als Zeichen ihrer Erlösung zeigte sich die begnadigte Ausbeuterin in Gestalt einer weißen Taube!

Die Geschichte klingt rührend; ich bin jedoch überzeugt, daß sie alleinsteht und nicht als typisch betrachtet werden kann! Der Wahrheit ist sicherlich mehr gedient, wenn das Thema von mehreren Seiten beleuchtet wird!

Weil das Halten von Hausgehilfinnen schon bald der Vergangenheit angehört, mag es angebracht sein, noch weiter auzuholen und die in meiner Jugend bestehenden Verhältnisse zu schildern.
Ein Haushalt der gehobenen Schicht sollte mindestens zwei Dienstmädchen beschäftigen: eine Hausmagd für die Küche und die gröbere Arbeit, wozu das Bodenspülen gehörte, und ein Stubenmädchen für die feineren Dienste, vor allem das Bügeln der durch Rüschen und Spitzeneinsätze verkünstelten Leibwäsche.

Der gute Ton verlangte es, daß ein Mädchen mit weißer Schürze bei Tisch die Platten reichte, beim Läuten der Wohnungsglocke mit weißer Schürze zur Tür ging, um auf einem silberen Tablett die Visitenkarten der Besucher entgegenzunehmen. Abends mußte es, und war es noch so spät! den Gästen des Hauses das versperrte Haustor öffnen. Dafür gehörte es ebenfalls zum guten Ton, daß der Gast solche Gefälligkeiten mit einem guten Trinkgeld belohnte. Er mußte z.B. beim Vorbeigehen in die Küche hineinschauen und der Köchin mindestens einen Gulden reichen, ebensoviel dem Stubenmädchen als Sperrgeld.

Vomehme Herrschaften hatten auch einen Kammerdiener. Wenn kein eigene r Kutscher vorhanden war, konnte man ihn auch als solchen verwenden, sonst mußte man eine Beschäftigung für ihn erfinden. Man brauchte ihn mehr zum Repräsentieren.- Ich hörte von einem Adelshaus, das Jahrzehnte länger als bürgerliche Haushalte des elektrischen Lichtes entbehren mußte. "JA, WIE SOLLEN WIR DENN UNSEREN DIENER BESCHÄFTIGEN, WENN ER KEINE LAMPEN MEHR PUTZEN MUSS? "

Ein kaum mehr verständlicher Leerlauf war vielfach Kennzeichen des Lebens wohlhabender Kreise in der Vorkriegszeit. Die häusliche Arbeit war Dienstboten überlassen. Die Hausfrau hätte Zeit für Besuche, Lektüre und schöne Handarbeiten gehabt. Unter dem Einfluß der "Gründerzeit" hatte sich jedoch in den Wohnungen allzuviel überflüssiger Prunk ausgebreitet [12]. Ich kannte mehrere Hausfrauen, die sich täglich stundenlang damit erschöpften, um mit Besen, Staubtuch und Federwisch die mit Schnitzerei überladenen "altdeutschen" Möbel, die zahllosen herumstehenden Nippsachen und die imitierten Renaissancevasen mit den "Makartsträußen" aus dürren Blrumen und Pfauenfedern staubfrei zu machen. Mehrfache Vorhänge aus Wollstoff und Lehnen sollten Sonne, Luft und Staub abhalten; sie waren selber die ärgsten Staubfänger und verlangten umständliche Pflege. Sie machten das beste Zimmer der Wohnung, den Salon, zu einem von der ganzen Familie gemiedenen düsteren Raum; man führte nur offizielle Besucher hinein; befreundete Gäste geleitete man gleich in bescheidener ausgestatterte Wohnzimmer, in denen man sich wohler fühlte.

Was ich hier beschrieben habe, gilt aber hauptsächlich für städtische Verhälltnisse. Die Landedelfrau hatte sich soviel gesunde Natürlichkeit bewahrt, daß sie mich jener angeblichen "Wohnkultur" im allgemeinen nicht anschloß. Ich habe von Be suchen in Landhäusern und Schlössern des Adels zu meiner Jugendzeit die Erinnerung an freundliche, mit feinem Kunstempfinden ausgestattete Räume ohne Überladung und modischen Krampf. Schon die Fürsorgetätigkeit einer Schloßfrau hätte ihr keine Zeit gelassen,ihre Stunden mit Staubwischen zu vertun. Sie gab sich lieber gemeinsamen mit den Dienstmägden mit dem Einkochen und Konservieren der Wirtschaftserträgnisese ab und ging Armen und Kranken als freundliche Helferin zu.

In der Stadt wurde das Leben der vornehmen Gesellschaft erst in der- Not der Nachkriegsjahre natürlicher und unabhängig vom alten Zopf. Als sich Familien, die vorher vermöglich waren, in der Inflationszeit äußerste Einschränkungen auferlegen mußten, wollten sich zwar manche von ihrem Stubenmädchen nicht trennen. "Wir brzauchen es zum Servieren. WIR KÖNNEN UNS BEI TISCH DOCH NICHT SELBER BEDIENEN!"

Solche Vorstellungen lagen feudalen Kreisen sozusagen im Blut. Soll es ein S:pott oder gar ein Vorwurf sein, wenn ich daran erinnere? Ganz bestimmt ist es nicht so gemeint! Wenn ich einige bezeichnende Aussprüche bringe, denke ich an den Kulturhistoriker, der solche Blitzaufnahmen braucht, um ein genaues Bild einer versunkenen Zeit zeichnen zu können. Öfters scheint uns ein Standpunkt, über den wir hinausgewachsen sind, lächerlich, seinerzeit aber umhüllten uns gewisse Einbildungen wie ein eisernes Hemd [13]. So fiel es einzelnen wie Schuppen von den Augen, daß die Würde nicht litt, wenn man selbst was angriff und sich selbst bediente; es ging auch Verständnis dafür auf, wie ungezwungen das Tischgespräch wurde, wenn man nicht von dienenden Geistern belauscht war! Durch die neuen Verhältnisse war nämlich das Verhältnis zu den Hausgehilfen, soweit man nicht über eine "Perle" aus der Vorkriegszeit verfügte, alles eher als freundschaftlich. Es kreiste das Wort: "DIENSTBOTEN SIND BEZAHLTE FEINDE!"

Erst allmählich mußte sich ein neues Verhältnis anbahnen, das nicht nur größerer Wertschätzung der geleisteten Arbeit, sondern auch der gehobenen Allgemeinbildung und dem gesteigerten Lebensbedürfnis des Personals entsprach. Der Aufwertung seines Standes entsprechen die geänderten Bezeichnungen: nicht mehr "Hausmagd" sondern "Haushalthilfe", nicht mehr "Putzweib", sondern "Raumpflegerin".

Außerdem erreichte es die Not an Hausgehilfinnen, daß man die Wohnungen entrümpelte, auf falschen Prunk verzichtete, die leicht staubfrei zu haltenden, gefälligen Biedermeiermöbel vom Dachboden holte und wieder zu Ehren brachte, sich praktische Haushaltgeräte und Bodenbeläge verschaffte, sich mit einem bescheideneren Leben begnügte; schließlich fand man dabei mehr Zufriedenheit als vorher! Auch der Adel ging mit der Zeit!

Mit dem Thema "Herr und Knecht" steht in unmittelbarem Zusammenhang das Thema "Offizier und Mann", die Frage nach dem gegenseitigen Verhältnis der Höheren und Niederen innerhalb eines Heeres. Ich greife zwar einem späteren Abschnitt: "Waffendienst fürs Vaterland" einigermaßen voraus, doch ist es sinngemäß jene Einzelfrage jetzt schon zu erörtern.

Wer beim Militär gedient hatte, kann aus eigener Erfahrung berichten, wie gut oder schlecht ihn seine Vorgesetzten zu behandeln wußten. Ich persönlich habe sowohl in der k.u.k. Armee wie in der Wehrmacht des Dritten Reiches Kriegsdienst geleistet. Das waren zwei verschiedene Welten! Ich kann durch Wiedergabe folgender Erinnerungen skizzieren:

Als ich im Winter 1914 auf 1915 die Offiziersschule des 1. Regiments der Tiroler Kaiserjäger besuchte, mahnte uns der Instruktionsoffizier Oberleutnant Baron WODNIANSKY: "Wenn EIN VERWUNDETER FEIND in euere Hände fällt, dürft ihr ihm nichts zu Leid tun; er IST AUF EURE HILFE ANGEWIESEN und ihr müßt für ihn sorgen wie für einen von euch!" Als ich im Jahre 1941 als Oberleutnant zum Dienst in der Deutschen Wehrmacht umgeschult wurde, sagte der uns Österreicher instruierende Leutnant aus Bayern: "WENN IHR RUSSISCHE VERWUNDETE FINDET, sollt ihr sie nicht niederschießen oder mit dem Gewehrkolben erschlagen! Wir müssen mit der Munition sparen und auch die Gewehre schonen. Am besten ERLEDIGT MAN SIE MIT DEM SPATEN!" Gott sei Dank!, daß ich niemals in die Lage kam, einem so unritterlichen Verfahren beizuwohnen!

Den gewaltigen Unterschied zwischen österreichischer Vornehmheit und brutalem Kasernhofton erlebte man auch im täglichen Kleinbetrieb am Exerzierplatz. In Österreich wäre es niemals vorgekommen wie im Deutschen Heer, daß einem Kompanieführer vor seiner ganzen Mannschaft vom Bataillonschef zugerufen wurde: "KERL, WAS HABEN SIE DA GEMACHT? " Als aber einmal der Regiementskommandeur eine Inspektion abhielt, wurde jener Major vor uns Subalternoffizieren genau so zusammengeputzt, wie er es mit uns zu tun pflegte.

Im kaiserlichen Heere herrschten adelige Umgangsformen. Es galt die strenge Regel, niemals einen Vorgesetzten vor seinen Untergebenen zurechtzuweisen, weder einen Unteroffizier vor seinen Mannschaften, noch einen Offizier vor anderen, die im Rang tiefer standen als er. Und wenn man abseits von unerwünschten Zuhörern ein Donnerwetter ausgefaßt und gehört hatte: "Wenn Sie so weitermachen, werden Sie es niemals zu etwas bringen!", war nachher alles beigelegt und in der Offiziersmesse [14] herrschte wieder das kameradschaftliche "Du". Das war eine Vertraulichkeit mit Hochschätzung, wenn ein jüngerer Offizier sagte: "Du, Herr Hauptmann!", "Du, Herr Major!". Das Du-Wort entsprach dem Vater-Sohn-Verhältnis zwischen Vorgesetzten und Untergebenen, der beigesetzte Titel verhinderte Taktlosigkeit; er entsprach der Achtung, die man Inhabern eines höheren Ranges schuldig war.

Auch der Mannschaft gegenüber herrschte das familiäre "Du" (das galt natürlich nur, solange man hauptsächlich Bauernburschen vor sich hatte; als im Ersten Weltkrieg auch ältere Männer, zum Teil aus gehobenen Stellungen, einrückten, änderte sich teilweise die Ansprache). Mannschaften durften aus disziplinären Gründen das "Du" nicht erwidern; der Offizier mußte den Abstand wahren, sich sonst aber nach Kräften um seine Untergebenen kümmern. Mißhandlungen waren streng verpönt. Bei leichtsinnig verschuldeten Unfällen zog man den Offizier streng zur Verantwortung, weil er seine Untergebenen zu wenig belehrt hatte. Die Aufgabe des militärischen Vorgesetzten beschränkte sich nämlich nicht darauf, die Leute zum Gebrauch der Waffen und zum Parademarsch abzurichten; er hatte auch Fürsorgepflichten zu erfüllen als Erzieher und Anwalt seiner Soldaten! Nicht unberechtigt nannte man beliebte Truppenführer: "VATER RADETZKY", "VATER ROSSBACH", "VATER VERDROSS".

Dank der sorgsamen Betreuung erlernten zahlreiche junge Männer aus den verschiedensten Nationen fließend die deutsche Sprache und noch mancherlei Nützliches dazu; sie konnten nach dem Militärdienst in die Gendamerie, den Justizdienst oder als Kanzleikräfte bei Behörden eintreten und zu geschätzten Dienern des Staates werden.

Im Ersten Weltkriege kam man den nichtdeutschen Eingerückten dadurch entgegen, daß man ihnen sprachkundige Offiziere gab. Weil ich seinerzeit leidlich gut italienisch sprach, bekam ich als Leutnant eine aus Welschtirolern und Triestinern gebildete Kompanie [15]. Wir wurden 1916 an die russische Front verlegt; dort stand die Mannschaft nicht in Versuchung, zu Stammesverwandten überzulaufen. Ende 1917 vereinigte man uns an der rumänischen Front in nationalen "Süd-West-Bataillonen".

An der Front war es uns Offizieren ans Herz gelegt, nutzloses Blutvergießen zu vermeiden. Aussichtslose Angriffe hatten abgebrochen zu werden; im Notfall waren über höhere Weisung Stellungen aufzugeben, wenn weitere Opfer ihrer Verteidigung nicht mehr zu verantworten waren. Bei größerer Härte hätte sich im Jahr 1859 die Schlacht bei Solferino gewinnen lassen. Doch der ritterliche KAISER FRANZ JOSEF befahl den Rückzug, erschüttert über die schweren Verluste. Militärisch: eine Niederlage, moralisch: EIN SIEG DER MENSCHLICHKEIT! Im gleichen Sinn sind auch die unausgesetzten Friedensbemühungen des KAISERS KARL von Österreich (1916-1918) im Ersten Weltkrieg zu beurteilen.

Als ich im Frühjahr und Sommer 1942 auf der Krim eingesetzt war, sprach sich eine Episode herum, die davon Zeugnis gibt, daß damals eine gänzlich entgegengesetzte Haltung herrschte: ein Kompanieführer der deutschen Wehrmacht hatte den Befehl erhalten, bei Kertsch eine russische Stellung zu nehmen. Im feindlichen Feuer brach der Angriff zusammen. Als von der ganzen Kompanie nur mehr acht Mann vorhanden waren, entschloß sich der Offizier zum Rückzug. Weil er seinen Befehl nicht ausgeführt hatte, wurde er standrechtlich erschossen!

Im Ersten Weltkrieg hatte es unter den österreichischen Offizieren ein familiäres Zusammenleben gegeben. Im Zweiten herrschte stets eine nervöse Spannung; auch wenn man von Gleichgestellten als "Herr Kamerad" angesprochen wurde, fühlte man sich nicht sicher vor Ausspähern und Denunzianten. Am besten vertrugen wir Österreicher uns mit Rheinländern und Norddeutschen. Abgesondert von uns saßen die Bayern in der Offiziersmesse beisammen, gefürchtet als politische Fanatiker, abseits saßen die Sachsen, aus irgendeinem Vorurteil von den eigenen Reichsbürgern gemieden; 1942 kreiste auf der Krim das Wort: "WENN DIE JUDENFRAGE ERLEDIGT IST, DANN KOMMEN DIE SACHSEN DRAN!" War das ehemalige k.uk. Heer eine Einheit, gewachsen aus einer Vielzahl der Nationen, bestand im sprachlich einheitlichen Deutschen Heer ein innerer Riß, sodaß man sich in seinen Reihen nicht wohl fühlen konnte. Mit umso größerer Anhänglichkeit dachte ich an meine altösterreichischen Kameraden und Vorgesetzten zurück und an die adelige Gesinnung, die mit wenigen Ausnahmen das Offizierskorps beseelt hatte.

Bis jetzt wurde noch nicht an jene zahlreichen Fälle erinnert, daß Adelige einem zivilen Betrieb oder einer Behörde vorstanden oder vorstehen. Natürlicherweise hängt alles von der einzelnen Persönlichkeit ab; sicherlich erwartet man bei einem Amtsleiter aus dem Adel eine gewisse Großzügigkeit, die aber kein Anlaß zur Laxheit ist, sondem eher die Arbeitsfreude steigert.

Außerstande allgemeine Behauptungen aufzustellen, kann ich wieder nur persönliche Erfahrungen berichten. In der Notzeit nach dem Ersten Weltkrieg, als bei allen Behörden eine Aufnahmesperre herrschte, hatte ich mein philosophisches Doktorat gemacht, aber ein Jahr lang keine Anstellung gefunden. Schließlich bot sich mir eine Existenzmöglichkeit durch Annahme eines bescheidenen Dienstes in einem Sozialversicherungsinstitut. Mein Chef war ein ehemaliger Berufsoffizier, Graf K. Ich fühlte es wohl, daß er als ehemaliger Kadettenschüler nicht viel von solchen Doktoren hielt, die weder Juristen noch Mediziner waren. Gewisse Voreingenommenheiten bestanden immer schon zwischen Kadettenschülern und Studierten, sie brachten auch beim Militärdienst gewisse Spannungen mit sich. Ich halte es aber meinem ehemaligen Chef sehr zugute, daß er mir mein Fortstreben in einen anderen Beruf nicht verübelte, und daß er nicht kleinlich auf das Absitzen bestimmter Amtsstunden wachte. In den Stunden, da die Schalter gesperrt waren, hatte ich volle Bewegungsfreiheit. Hauptsache, daß das Tagespensum erledigt wurde, gleich ob ich das früher oder später besorgte! So konnte ich doch noch meinen weiteren Studien und wissenschaftlichen Interessen nachgehen und meinen erst nach langen Jahren möglichen Berufswechsel vorbereiten. Also habe ich allen Grund,meines längst schon heimgegangenen einstigen Chefs Grafen K. dankbar zu gedenken!

HOCHENEGG, Hans - "Der Adel im Leben Tirols - Eine soziologische Studie", in Studien zur Rechts-, Wirtschafts- und Kulturgeschichte Bd. VIII, Innsbruck 1972.

 

9. Großgrundbesitzer als Volksvertreter

Das unschätzbare Gut der Seßhaftigkeit auf eigenem Grund und Boden regt unwillkürlich dazu an, sich auch mit dem Gestalten der Zukunft zu beschäftigen und eine selbständige, kräftige Entwicklung des Bauerntums zu fördern. Daher fühlte sich der finanziell unabhängige Adelsherr zum Führer und Anwalt des Volkes berufen.

Wieder komme ich auf die Worte des Wilhelm Heinrich RIEHL in seinem Buche über die bürgerliche Gesellschaft zurück (S. 132): "DIE DURCH FESTEN BESITZ GEWÄHRLEISTETE UNABHÄNGIGE STELLUNG BEFÄHIGT ERST RECHT ZUM SOZIALEN BERUFE DER ARISTOKRATIE... (S. 141 ff.) Auf dem einträchtigen Beraten und Vollziehen der Edelleute mit den seßhaften Bürgern und Bauern beruhte die Macht ständischer Volksvertretung... SO WAR DER ARISTOKRATIE DIE ROLLE ZUGEWIESEN, DIE IHR ZU ALLEN ZEITEN AM BESTEN ANGESTANDEN HAT, DIE ROLLE DER VERMITTLUNG UND VERSÖHNUNG IM STÄNDISCHEN LEBEN".

Ein Beispiel der ausgleichenden, Gegensätze überbrückenden Haltung der Adelsherm gibt eine berühmt gewordene Landtagsrede des Veit Benno von BRANDIS (Landeshauptmann von 1647-1651), um eine Spaltung beizulegen [1]:

Liebe Landsleute! Beseht euch den tirolischen Adler mit seinem grünen Ehren kränzl, wie er es so gerad um sein Haupt hält! Wenn nun vom Adler der eine Flügel hinauf und der andere herab schlägt - was soll denn mit dem Kränzl werden? SORGT DOCH, DASS UNSER ADLER WIEDER DEN GLEICHEN FLÜGELSCHLAG HAT!

Siebenmal bekleideten Mitglieder der Familie Brandis die Landeshauptmannswürde; sie waren geschätzt wegen ihres makellosen Charakters; sie genossen in der Bevölkerung alle Achtung, aber auch der jeweilige Landesfürst wußte, daß er sich auf sie verlassen konnte. Das Wort des Meinhard II. an einen aus jenem Geschlecht: "ICH WEISS BRANDIS, DU BIST MIR TREU" ist zu einem Leitwort geworden, das auch für die späteren Nachkommen geltend blieb.

Schon an anderer Stelle ist darauf hingewiesen worden, daß die zur Teilnahme am Tiroler Landtag berechtigten Adelsherrn freimütig auf die Rechte des Landes pochten. Wer seine Verläßlichkeit so oft bewährt hatte, fühlte sich berechtigt seine Meinung ehrlich auszusprechen. Ihrem Fürsten treu ergeben,verlangten die Tiroler auch von seiner Seite das Einhalten der beim Übernehmen des Landes beschworenen Pflichten. Denn Tirol hatte sich im Jahre 1363 freiwillig der habsburgischen Ländergruppe angeschlossen; es war keine eroberte Provinz! Im Sinne des Übergabevertrages mußte der jeweilige Landesfürst nach seinem Regierungsantritt beim Entgegennehmen der feierlichen Erbhuldigung das Einhalten der alten Landesrechte geloben. Der im Jahrhundert des Absolutismus überhandnehmenden zentralistischen Strömung waren jene Privilegien äußerst unbequem; Tirol mußte sich gegen das Beschneiden und Mißachten seiner Rechte immer wieder wehren. Es hatte im landschaftlichen Syndikus Dr. Johann Kaspar von EGGER-MARIENFRID einen energischen Vertreter; eine von Wien aus angeordnete, aber in Tirol nicht durchgeführte Amtsenthebung schüchterte ihn nicht ein. Im Jahre 1747 stellte er die "seit urvordenklichen Zeiten hergebrachten Landesfreiheiten" in 79 Punkten zusammen. Unter diesen war als dritter Punkt angegeben, DASS DAS LAND NUR DURCH EINHEIMISCHE REGIERT WERDEN SOLLTE UND DASS DAS RECHT DES LANDES NUR MIT SEINER ZUSTIMMUNG VERÄNDERT WERDEN DÜRFE [1a].

Alle diese noch so gut begründeten Hinweise konnten dem Strom der Zeit nicht Einhalt gebieten. Besonders unter Kaiser JOSEF II. (1780-1790) wurde zentralistisch regiert, sogar die Würde des Landeshauptmanns mit dem Amte des Gouverneurs (Statthalters) vereint und diese leitende Stelle mit einem Nichttiroler besetzt, der den Willen der Zentralbehörden rücksichtslos Tirol gegenüber vertrat. Als Kaiser Josef am 20. Februar 1790 gestorben war, herrschte im lande geradezu eine revolutionäre Stimmung. Josefs Bruder und Nachfolger Kaiser LEOPOLD II. (1790-1792) mußte sich beeilen, das Land zu beruhigen. Er berief zum 22. Juli 1790 den Offenen Landtag ein, er ernannte den im Land beliebten Geheimen Rat Franz Josef (I.) Grafen von ENZENBERG (1745-1819) zum Hofkommissär und Vorsitzenden des Landtags und betraute seine Schwester, die nicht minder beliebte Oberin des Innsbrucker Damenstiftes, Erzherzogin Elisabeth (1743-1808),an seiner Stelle die Erbhuldigung entgegenzunehmen. Der den Tirolern wohlgesinnte Herrscher hatte es dem Grafen zugesagt, die Tiroler sollten alles aussprechen, was sie auf dem Herzen hätten, und jene machten davon mit allem Freimut Gebrauch.

Wieder standen die Vertreter des Adels Seite an Seite mit den Vertretern des Bauernstandes. Ich bringe Proben aus der Rede des Grafen Franz LODRON als bezeichnende Äußerungen der im Lande geltenden Auffassung [2]. Ein Höfling würde nicht so sprechen! Nur einem, der selbstbewußt auf seine bewährte Treue pochen kann, stehen jene freimütigen Worte zu:

...Wir sind unseren Landesfürsten zu sehr ergeben, wir wissen gut, daß sie Menschen sind und hintergangen werden können, aber ihr Herz war uns niemals verschlossen... Hätten sich unsere Voreltern geträumt, daß ihre Grundverfassung einst nach einer ausländischen umgemodelt werden sollte? ... ES IST BLOS ZUFÄLLIG, DASS UNSER FÜRST AUCH NOCH ANDERE STAATEN BEHERRSCHT. Es ist zwar schmeichelhaft für die Tiroler, daß sie einen so großen Monarchen, einen Beherrscher so vieler Provinzen zu ihrem Regenten, zu ihrem Beschützer haben,allein sie wollen diese Ehre nicht so teuer, mit dem Verlust ihrer Fundamentalgesetze bezahlen...

Im selben Ton waren auch noch die zahlreichen anderen Eingaben der Landtagsteilnehmer gehalten. Eine Anzahl solcher Schriftstücke fand ich seinerzeit im Nachlaß meiner Großmutter, einer Geborenen von Ingram zu Liebenrain. Unter anderem befanden sich dabei Konzept und Reinschrift einer umfangreichen Eingabe, sodaß man annehmen kann, beides stamme von einem Mitglied jener Familie, am ehesten vom schon erwähnten Staatsbuchhalter Johann Andrä von INGRAM, gestorben 1824. In 21 Punkten sind die Beschwerden des ganzen Landes zusammengefaßt. Gerügt sind die finanzielle Belastung des Volkes durch neu eingeführte Taxen und Steuern, der erschwerte Behördenverkehr durch die geänderte Einteilung der Instanzen, die Aufhebung der Universität Innsbruck, das Auflassen von Grenzbefestigungen usw. Noch kräftiger waren die jenen Papieren ebenfalls in Abschrift beiliegenden "Beschwerden sämmtlicher Gerichter und Gemeinden des Viertels Oberinnthal" [3].

Daß jene offenherzige Aussprache zwischen den Vertretern des Volkes und des Fürsten ihr Ziel erreichte den Mißmut zu beruhigen und die Wünsche des Landes zum Großteil zu erfüllen, war ein Sieg bodenständiger Demokratie!

In der Schlußsitzung vom 11. September 1790 sprach der Anwalt von Passeier, Johann Veit NEURAUTTER im Namen des gesamten Bauernstandes dem Kaiser wie dem Hofkommissär herzlichen Dank [4]: "LEOPOLD II. WAR DER WIEDERHERSTELLER UNSERER FREIHEIT UND FRANZ GRAF VON ENZENBERG SEIN WERKZEUG!"

Leider kann ich, um nicht allzuviel Raum in Anspruch zu nehmen, nur Stichproben aus anderen Perioden der Landesgeschichte bringen, um darauf hinzuweisen,wie die Vertreter des adeligen Großgrundbesitzes ihre unbesoldeten Mandate zum Wohl des ganzen Volkes ausgeübt haben. Sie brauchten nicht um die Gunst Höherer und Niederer zu buhlen, um sich eine Existenz zu begründen; sie gingen geradlinig den Weg, den ihnen das Gewissen vorschrieb.

Es war ein Zeichen der Anerkennung jenes Verhaltens, daß auch die Landgemeinden und Städte gern Adelige zu ihren Vertretern wählten.

Die Geistlichkeit, ein Teil des Adels und der Großteil der Bauern trafen sich zur Zeit der konstitutionellen Monarchie, das war in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, in der Konservativen Volkspartei. Sie einte der Wahlspruch "Für Gott, Kaiser und Vaterland!"; ein Teil des Adels und hauptsächlich Bürgerliche gehörten der Liberalen Partei an. Beide Seiten verfügten über vorzügliche Köpfe.

Der von Alois LANNER herausgegebene "Tiroler Ehrenkranz" [5] würdigt einige der Abgeordneten aus dem adeligen Großgrundbesitz als aufrechte Führer des Volkes: (S. 23) Leopold Graf WOLKENSTEIN (1800-1882) , einer der sechs Landeshauptleute aus jenem berühmten Geschlecht, (S. 26) Anton Graf BRANDIS (1832-1907), wegen seiner Gewissenhaftigkeit und Sachlichkeit ebenfalls wie der Vorgenannte als Landeshauptmann geschätzt und um Tirol sehr verdient, (S. 32) Josef Freiherr von GIOVANELLI (1784-1845), gleich seinem Sohn Ignaz (1815-1899) ein tatkräftiger, furchtloser Vorsitzender der Konservativen. Er stand im Mittelpunkt der religiösen und politischen Erneuerungen des Katholizismus im Vormärz. Beide zogen sich dadurch manche Anfeindung zu. In Grund und Boden verlästerte sie "Tirols Nachtigall", der Dichter Hermann von GILM.

Auch die Liberalen stellten, wie gesagt, tüchtige Kräfte. Zu ihren temperamentvollsten Sprechern aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts gehörte der Adelsvertreter Johann Baptist Freiherr von INGRAM (1806-1870). Er war der letzte Sproß des freiherrlichen Zweiges und hauste als Junggeselle auf dem hochgelegenen Stammsitz seines Geschlechtes, dem Ingramhof in Layen. Er war einer der einfallreichsten Debattenredner und sorgte durch witzige Bemerkungen dafür, daß die Verhandlungen nicht langweilig wurden. Die Sitzungsberichte von 1867 merken zum Beispiel bei einer einzigen Rede siebenmal an, daß sie durch "Heiterkeit", "Bravo! Heiterkeit", "Allgemeine Heiterkeit" unterbrochen wurde [6].

Baron Ingram hatte im Wiener Reichstag des Jahres 1848 den Bozner Bezirk vertreten und bei der am B. August beginnenden Debatte über die Abschaffung der Grundlasten in "kühner, wortreicher Rede" das "Gerechtigkeitsprinzip der Entschädigung" verteidigt und beim Vergleich der Tiroler Verhältnisse mit denen in anderen Ländern verlangt, daß man nicht alles über den nämlichen Leisten schlagen dürfe. "Nur durch eine provinzielle Fixierung der Grundsätze lassen sich Ungerechtigkeiten vermeiden." Josef STREITER setzt hinzu [7]: "Baron Ingram begnügte sich nicht mit einem einzigen Vorschlag, sondern wußte im Bedarfsfall noch mehrfachen klügeren Rat, was ihm, da er diese Vielfältigkeit des Geistes öfters bewährte, den Ruf eines Krösus an Amendements (Verbesserungsvorschlägen) zuzog".

Johann Freiherr von Ingram scheint auch im Reichstag eine Rolle gleich dem Hecht im Karpfenteich gespielt zu haben. Sogar im Organ seiner politischen Gegner, den konservativen "Tiroler Stimmen", Nr. 74 vom 31. März 1865 lesen wir einen Wiener Bericht über eine Verfassungsdebatte vom 28. März jenes Jahres, in dem es heißt: "Heute redete im Hause Baron von Ingram sehr gut und entschieden. Er half den Herrn Ministern zu einer politischen Generalbeicht das Gewissen erforschen." Tags darauf veröffentlichten die "Tiroler Stimmen" den Text jener Rede. Auch hier ist ein dreimaliges Unterbrechen durch Beifall und Heiterkeit vermerkt.

Ich hielt es für notwendig, auf jene vitale Persönlichkeit hinzuweisen, denn die Talente sind ungleich verteilt; es gab wie aus jedem anderen Stand auch Adelsvertreter, die sich im Landtag niemals bemerkbar machten. Die Allgemeinheit steht vielleicht noch unter dem  Eindruck eines in meiner Jugend zirkuliereden Witzworts; es dürfte von einer Seite verbreitet worden sein, die das Verbleiben des Adels im Landhaus als überflüssig und nicht mehr zeitgemäß hinstellen wollte: "Denk dir, dem Baron X ist etwas eingefallen!" "Dem ist was eingefallen? Der hat im Landtag noch niemals den Mund aufgemacht! Ich bin gespannt, um was es sich handelt!" - "Um die Gartenmauer bei seinem Schloß in M..

Was im einzelnen Fall vielleicht zutraf, darf freilich nicht verallgemeinert werden! Blättert man in den Landtagsprotokollen, wird man feststellen,wie zahlreiche Adelige unter den Sprechern und Antragstellern aufscheinen, und daß sie jedesmal eifrig beteiligt waren, wenn es sich um Fragen des öffentlichen Wohls gedreht hat. Sie waren zu sehr Individualisten, als daß sie eine starre Parteidisziplin eingehalten hätten; die Ansichten,wie man dem Gemeinwohl am besten dienen könnte, stimmten nicht jedesmal überein, doch die reine Absicht war unverkennbar.

Johann Nepomuk Baron DI PAULI charakterisiert im Buch über seinen Vater Anton [8] die Liberalen vom Schlage der Freiherrn Georg von EYRL, Johann von INGRAM, Anton von LONGO und Alphons von WIDMANN: "...Diese Herrn waren weit entfernt von der unpatriotischen Richtung des eigentlichen Liberalismus, sie waren auch weit entfernt von den Kulturkampfgelüsten der Gruppe um Dr. STREITER; der Liberalismus war bei ihnen eher ein traditionelles Vorurteil. Sie haben ihren Einfluß immer nur in objektivster Weise ausgeübt...". In einem liberalen Blatte seien sie daher gar nicht zu Unrecht als "der abgehackte rechte Flügel der Linken" bezeichnet worden.

Die Haltung des freisinnigen Landtagsabgeordneten Carl von RICCABONA (gestorben 1871) paßt überhaupt in kein Schema hinein. Er vertrat die Bezirke Lavalese, Fassa, Primör als nationalbewußter Italiener. Im Landtag nannte man ihn wegen seiner Vorbehalte in Militärangelegenheiten einen "Irredentisten" [9]. Dabei war er eine feste Stütze der Konstitutionellen Partei und das Haupt der österreichisch gesinnten Welschtiroler, jener treuen "Austriacanti", die sich den Lockungen der italienischen "Connazionali" standhaft widersetzten [10]! Aber daß einer zugleich liberal, national und österreichischer Patriot sein konnte, war allzuschwer zu begreifen; es führte zu Mißverständnissen und Verdächtigungen.

Carl von Riccabona mußte sich in der Landtagssitzung vom 5. Dezember 1866 [11] gegen persönliche Angriffe wehren. Er tat es mit mannhaften Worten, die eines unabhängigen Edelmanns würdig sind: "...WENN MAN DEN MUT HAT, KANN MAN AUCH UNTER SCHWIERIGEN UMSTÄNDEN LOYAL SEIN OHNE SERVIL ZU SEIN. Ich rühme mich dessen als Bürger und erwählter Volksvertreter. Ich werde mich in meiner Haltung nicht beirren lassen...!"

Das war auch der Grundton der freimütigen Aussprache im Landtag von 1790: WIR TIROLER SIND KAISERTREU, ABER WIR SIND KEINE WILLENLOSEN KNECHTE!

Später gehörte zu den berühmtesten Vertretern Tirols im österreichischen Reichstag und Herrenhaus der liberale Meraner Rechtsanwalt Karl von GRABMAYR aus Bozen (1848-1923). Er war ein geistreicher, glänzender Redner, der alle aufhorchen ließ, wenn er zu sprechen begann und mit unbeirrbarer Grundsatztreue seine Ansichten vertrat [12].

Wir bewundern den hohen Stand der Landtagsdebatten des vorigen Jahrhunderts. Das gilt von den Reden sowohl bürgerlicher wie adeliger Vertreter; eine geistige Elite maß ihre Kräfte! Abgeordnete wie Dr. Albert JÄGER [12a], Dr. Anton RAUTENKRANZ, Dr. Tobias WILDAUER und Ignaz Baron GIOVANELLI konnten aus dem Stegreif geradezu wissenschaftliche Vorträge über Verfassungsfragen, z.B. in der Sitzung vom 1. März 1867 über das Wesen des Absolutismus [13] halten. Jene Volksvertreter waren scharfkantige, bestens beschlagene Männer.

Der Landtag bestand seit dem Februarpatent von 1861 aus 68 Mitgliedern: 7 aus dem Stand der Prälaten und Bischöfe, 1 als Rektor der Universität, 10 aus dem adeligen Großgrundbesitz, 13 Vertreter der Städte und Märkte, 3 der Handelskammern, 34 der Landgemeinden [14]. Der adelige Großgrundbesitz bildete in jenem Ständeparlament eine eigene Fraktion. Seine Vertreter mußten in der Landeshauptstadt gewählt werden. Wahlberechtigt war jeder Adelige, der von seinem Grundbesitz jährlich mindestens 50 Gulden Steuer zahlte.

Um das Jahr 1866 waren in Nordtirol nur 16, in Süd- und Welschtirol 183 Stimmberechtigte vorhanden. Der Abgeordnete Hugo Ritter von GOLDEGG hatte daher in der Landtagssitzung vom B. Februar 1866 den Antrag gestellt, es seien die Wahlen künftig in Bozen durchzuführen, um der Mehrheit der Adelswähler die damals - noch ohne Eisenbahn! - so mühevolle und teuere Reise nach Innsbruck zu ersparen. Der inzwischen vom Landesausschuß beratene Antrag kam in der Sitzung vom 24. November jenes Jahres zur Aussprache [15]. Daran beteiligte sich auch der später als Parlamentarier berühmte Religionsprofessor, Abgeordneter Josef GREUTER (1817-1888) [16]. Er pflegte immer frisch von der Leber weg zu sprechen; manchesmal brachte er seine eigenen Gesinnungsgenossen in Verlegenheit, wenn ihm die Zunge durchging. Diesesmal meinte er trotz aller Freundschaft mit den Vertretern des Adels:

Mir scheint, daß man die Unbequemlichkeit, welche der adelige Großgrundbesitz bei der Ausübung des Wahlrechtes hat, ein wenig übertreibt! Wir hatten neulich eine Wahl in Imst, und da mußten die Leute von der untersten Grenze gegen Bayern bis zur Grenze von Meran zusammenkommen, und kein einziger von diesen 85 Wählern hat sich beklagt über die Weite des Weges... Zweitens müssen Sie bedenken, daß die Adeligen ein großes Recht haben, das sehr zu erwägen ist, da alle Städte und Landgemeinden von der Ehrenberger Klause bis zu den Höhen der Töll gerade soviele Abgeordnete wählen dürfen wie der adelige Großgrundbesitz...

Bemerkenswert ist die einsichtsvolle Antwort des Freiherrn Ignaz von GIOVANELLI:

ICH STIMME VOLLSTÄNDIG DEM HERRN ABGEORDNETEN GREUTER BEI IN DER ANSCHAUUNG, DASS ES DER ADELIGEN KORPORATION UNWÜRDIG SEI DARÜBER ZU MARKTEN, OB MIT DER AUSÜBUNG DES POLITISCHEN RECHTS EIN AUFWAND VON EINEM TAGE ZEIT ODER EINIGEN GULDEN GELD MEHR ODER WENIGER VERBUNDEN SEI. Wenn irgendjemand Wert darauf legt, daß ausnahmsweise in Tirol noch der Adel und der adelige Großgrundbesitz als eine Korporation von der Regierung anerkannt sind, wird er die kleine Unbequemlichkeit nicht scheuen; er wird sich bewußt sein, daß der Sitz jeder politischen Korporation nur dort sein kann, wo die Regierung ihren Sitz hat. Das ist der wahre und wesentliche Grund, weshalb nur in der Landeshauptstadt die Wahl vorgenommen werden kann. Alle Auskunftsmittel sind kleinlich, wie die ganze Diskussion in dieser Sache!

Der Antrag auf Verlegung des Wahlortes wurde abgelehnt.

In der Sitzung vom 20. Februar 1867 [17] gab es eine Auseinandersetzung nach einer Bemerkung des Abgeordneten Dr. Eduard von GREBMER über die ungleiche regionale Verteilung der Ständevertreter. Abgeordneter Paul Freiherr von GIOVANELLI gab zu, daß die Vertreter des adeligen Großgrundbesitzes zum Großteil nur "einem kleinen Distrikte des Landes" angehörten (Kaltern war nämlich die Hochburg der führenden Adelsschicht), doch in einzelnen Bezirken sei die Zahl der für eine Wahl in Betracht kommenden Persönlichkeiten allzusehr beschränkt.

Der genannte Paul Freiherr von Giovanelli (1827-1880) gehörte dem Landtag nicht als Vertreter des adeligen Großgrundbesitzes an, sondern als Abgeordneter der Gemeinden Meran, Glums, Kaltern, Tramin. Er war ein grundgescheiter Mensch, dabei gleich vielen anderen seiner Standesgenossen von einem so schlichten, volkstümlichen Auftreten, daß ein Bauer ihm sagte: "DIR SOLLTE MAN ES AUF DEN BUCKEL SCHREIBEN, DASS DU EIN BARON BIST!"

In der weiteren Debatte sagte dann der Ritter von GOLDEGG: "Aus dem Oberinntal weiß ich nur einen einzigen Wahlberechtigten [18], der seinen Wohnsitz noch dazu in Innsbruck hat!"

GREUTER: "Wir als Oberinntaler bedauern diesen Umstand gar nicht!" (Allgemeine Heiterkeit).

Ablenkend erinnerte ein anderer Volksvertreter (Josef DIETL) daran, daß auch die Bozner Handelskammer einen überwiegenden Einfluß habe, doch komme ihr ersprießliches Wirken einem weit über ihren Sitz hinausreichenden Kreise zugute. Schließlich konnte der Berichterstatter Dr. Franz RAPP im Schlußwort sagen, daß "im Oberinntal keine Vertretung gerechtfertigt sei, weil dort nichts zu vertreten ist", worauf sich das Hohe Haus wichtigeren Problemen zuwandte.

Auch nach der Landesordnung und Landtagswahlordnung aus dem Jahre 1869 [19] blieb die Zahl der Abgeordneten unverändert. Der § 3 des ersten Hauptstücks bestimmt: "Der Landtag besteht aus achtundsechzig Mitgliedern, nämlich: a) dem Fürsterzbischof von Salzburg, b) den Fürstbischöfen von Trient und Brixen, c) dem Rector magnificus der Universität in Innsbruck, dann d) aus vierundsechzig gewählten Abgeordneten usw.", darunter zehn Abgeordneten des adeligen großen Grundbesitzes.

Aber die Zahl der wahlberechtigten adeligen Grundbesitzer erhöhte sich. Die Grundsteuern waren gestiegen, die Bedingungen der Wahlberechtigung jedoch unverändert geblieben, sodaß jetzt auch mittlere Gutsbesitzer hinzukamen. Im zweiten Hauptstück der Landtagswahlordnung heißt es nämlich:

§ 9 .

...Die Abgeordneten der Wählerklasse des adeligen großen Grundbesitzes sind durch direkte Wahl der großjährigen, dem österreichischen Staatsverbande angehörigen Besitzer jener Güter, deren Jahresschuldigkeit an landesfürstlichen Realsteuern (mit Ausnahme des Kriegszuschlags) wenigstens fünfzig Gulden beträgt, zu wählen.

§ 10.

Unter mehreren Mitbesitzern eines zur Wahl berechtigten Gutes kann nur derjenige aus ihnen wählen, welchen sie hiezu ermächtigen.

Der Besitz zweier oder mehrerer Güter, deren Jahresschuldigkeit an landesfürstlichen Realsteuern (mit Ausnahme des Kriegszuschlags) zusammengenommen wenigstens fünfzig Gulden beträgt, berechtigt ebenfalls zur Wahl.

Diese Mindessteuer war gewiß nicht sehr hoch. In einem Gebirgsland wie Tirol war nutzbarer Grund viel zu knapp und zu teuer, als daß sich jene gewaltigen Grundkomplexe hätten bilden können, die man sonst als "Großgrundbesitz" bezeichnet. Man mußte einen anderen Maßstab anlegen als z.B. in Böhmen. Dafür spotteten die Inhaber der riesigen böhmischen Herrschaftsgüter: "IN TIROL BRAUCHT ES NICHT VIEL, UM GROSSGRUNDBESITZER ZU WERDEN. ES GENÜGT SCHON, WENN EINER EIN ZIGARRENKISTL MIT EIN PAAR BUSCHEN SCHNITTLAUCH AUF SEINEN BALKON STELLT!"

Das Eindringen neuer Berechtigter in die Adelskurie als Folge der Steuererhöhungen bereitete einem Teil des älteren Wählerkreises wenig Freude, besonders, weil zu erwarten war, daß sich das Stimmenverhältnis verschieben werde. Einem in meinem Besitz befindlichen Brief des Landtagsabgeordneten Dr. Paul Freiherrn von BIEGELEBEN (1849-1933) an einen konservativen Parteifreund entnehme ich solche Besorgnisse. Er schreibt am 16.4.1883:

...Puncto Adelswahl habe ich lange nichts mehr gehört. Nach Publication der Adelswahl-Liste, die wahrscheinlich als Folge der erhöhten Steuern einen bedeutenden Zuwachs an "Großgrundbesitzern" ausweist, muß man sich nur wundern wie die Compromiß-Idee auf liberaler Seite Anklang finden konnte. Der Zuwachs an Stimmen fällt nämlich fast ausschließlich den Liberalen zu und wir würden beim Wahlkampfe um etwa 40 Stimmen unterliegen. Jeder, der eine Villa in Meran besitzt, scheint jetzt schon wahlberechtigt in der Adelscurie zu sein. Die Landesangehörigkeit ist natürlich ganz gleichgültig - so finde ich einen Ungarn als tirolischen Wahlberechtigten in der Liste!

Zwischen Liberalen und Konservativen gab es oft scharfe Redeschlachten gleich Säbelduellen; es blieb jedoch bei sachlich geführten Auseinandersetzungen. Schlimmer wurde es erst, als die Konservativen von Gegnern bekämpft wurden, die ihnen weltanschaulich am nächsten standen.

Die Christfchsozialen strebten nach politischer Macht auf Kosten der bisherigen Volksvertreter. Der Streit zwischen den beiden katholischen Parteien vergiftete das politische Leben Tirols in den letzten zwei Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg.

In Kämten hatten sich beide Parteien durch das rasche Nachgeben der Konservativen schon längst geeinigt. Ein mir vorliegendes undatiertes Flugblatt des "Katholischpolitischen Volksvereins für Kämten" aus der Mitte der Neunziger Jahre mit dem Titel "Was haben die Konservativen auf wirtschaftlichem Gebiete getan? " verteidigt deren volksfreundliche Politik, "sodaß sich die Christlichsozialen ihrer Erblasser nicht zu schämen brauchen". In Tirol aber tobte der Kampf, denn die Konservativen sahen keinen Grund, sich zu ergeben. In Wort und Schrift regnete es Angriffe gegen die spöttisch "Altkonservative" genannten Vertreter der bisherigen Regierungspartei [20]. Man warf ihnen rückschrittliche Anschauungen, allzugroße Unterordnung unter Kirche und Bischöfe, Herrschsucht, Faulheit, übertriebene Betonung der Landesrechte auf Kosten des Gesamtstaates, zu wenig nationales Gefühl und Abneigung gegen den Antisemitismus vor. "Wählt statt des Barons DI PAULI den Bürgermeister SCHRAFFL - und wir werden bald den Frieden haben!" so steht es auf S. 10 in einer anonymen Flugschrift: "Christlichsozial und Altconservativ", Bozen 1901, als deren Verfasser der spätere Monsignore Wendelin HAIDEGGER genannt wird. Ähnlich richtet sich auf S. 11 ein scharfer Hieb gegen die aristokratische Spitze.

Die Angegriffenen setzten sich mit der Gegenschrift: "Die conservative Partei nicht mehr zeitgemäß? Von einem Conservativen, aber keinem Alten!", Innsbruck 1901, zur Wehr. Verfasser war Sigmund von KRIPP (1862-1918).

Die Antwort war würdig und kraftvoll. Es war ein Bekenntnis der Treue zu Kirche und Staat, eine Absage an nationale Hetze und Rassenhaß, zugleich auch ein Hinweis auf geleistete fruchtbare Arbeit mit Bedachtnahme auf das Wohl der Bauern und kleinen Leute. Verwiesen ist u.a. auf die den konservativen Parlamentariern und Ministern Graf HOHENWART, Graf FALKENHAYN, Graf LEDEBUR und anderen zu verdankende Reform des bäuerlichen Erbrechts, die Errichtung von Bezirksgenossenschaften der Landwirte, die Einführung des Grundbuchs usw. "Was für Gesetze von ähnlicher Tragweite haben dagegen die Christlichsozialen ein- und auch durchgebracht? " Zurückweisung fand auch die demagogische Behauptung auf S.25 jener ersterwähnten Kampfschrift:

Wir haben noch nichts gehört davon, daß der altconservative Adel einmal Miene gemacht hätte die socialen Lehren des jetzigen Papstes durchzuführen. Die Güter unserer altconservativen Großgrundbesitzer wären so ein Feld, auf welchem dieselben ihre so oft beteuerte Ergebenheit gegen Kirche, Papst und Bischöfe praktisch erproben könnten!

Die Antwort lautet:

Du lieber Himmel! Als ob unsere Großgrundbesitzer englische Lords wären, die ihren Pächtern in Irland das Blut aussaugen! Wie viele Großgrundbesitzer gibt es, die auf ihrem bescheidenen Besitz anders wirtschaften als bessere Bauern? Ja, sie sind, weil sie und ihre Familie nicht mitarbeiten, bei den hohen Dienstbotenlöhnen oft übler daran als die Bauern. Und wenn einer seine Güter verpachtet, wo sind die Pächter, die wegen der Hartherzigkeit ihres Pachtherrn darben müssen? Wie und wo sich einer gegen die sozialen Lehren des Papstes vergeht und in was er sich bessern soll, das hat unser Freund anzugeben vergessen! Aber daran ist ihm offenbar wenig gelegen. Es gilt ja nur einen Gegensatz hineinzutragen zwischen dem Bauern und dem adeligen Gutsbesitzer und das schöne Verhältnis zu trüben, das vielfach zwischen beiden besteht... Letzterer hat vor dem Bauern meist nur die höhere Bildung voraus, vermöge welcher er seinem bäuerlichen Berufsgenossen, dessen Freuden und Leiden, dessen Bedürfnisse er kennt, vom größten Nutzen sein kann.

Noch wiederholt waren die Konservativen gezwungen,sich ihrer Haut zu wehren und auf ihre Verdienste um das Volkswohl hinzuweisen. Einen umfangreichen Rechenschaftsbericht bietet die 48 Seiten starke "Außerordentliche Vereinsgabe des Katholisch-politischen Volksvereins" zum katholisch-konservativen Parteitag in Sterzing am 28. April 1903 [21]. Auf sieben Seiten befaßt sich Pfarrer SCHROTT mit allen von der Partei in den Jahren 1879 bis 1903 im österreichischen Abgeordnetenhaus durchgebrachten Gesetzen betreffend Grundsteuerregulierung, Gewerbeordnung, Meliorationsfonds, Wildbachverbauung, Heimatrecht usw. Abgeordneter Dr. Carl PUSCH schildert auf vier Seiten die Tätigkeit seiner Partei im Landtag: das Landwehrgesetz, das Höferechtsgesetz, Grundbuchsgesetz, Zuchtstiergesetz, Reformen des Gemeinde- und Genossenschaftswesens, Verbesserungen der Landesverwaltung usf.; allerlei stolze Erfolge konnten genannt werden!

Trotzdem maßte sich die Partei schon im August 1904 neuerlich gegen Verunglimpfungen wehren mit einer in Bozen gedruckten Flugschrift: "Was haben die Konservativen für die Bauern getan? ". Dieser erwiderte im Oktober 1905 eine gegnerische Schmähschrift: "Was maß heute jeder Bauer wissen, oder wie weit die Verlogenheit der Bauernfeinde geht!". Die angegriffenen Konservativen verteidigten sich zwar scharf, doch in würdiger Form in einer 40 Seiten umfassenden Broschüre: "Das Lügenmagazin im Lichte der Wahrheit", Innsbruck 1906 [22]. Es heißt dort auf S. 1: "Die Wahrheit braucht kein Schimpfen und kein Schmähen. Die Wahrheit, ruhig gesagt, besitzt unwiderstehliche Kraft" (Wenn das nur stimmen würde!). Dann wird Punkt für Punkt der Anwürfe widerlegt. Unwahr sei es, daß die Konservativen jemals die Interessen der Bauern vernachlässigt haben, "sie haben immer getan, was sie unter den schwierigsten Verhältnissen tun und erreichen konnten, sie haben für das Land Tirol viel erreicht und viel herausgeschlagen...". Wenn alles, was bisher Achtung verdiente, in den Kot gezogen werde, sei es ein Verbrechen am katholischen Volk; es werde mit Gewalt den kirchenfeindlichen Parteien zugetrieben!

Ich maßte an jenen unseligen, beschämenden Bruderkrieg erinnern, um die Umstände zu beleuchten, unter denen der Adel aus seiner führenden Rolle hinausgedrängt wurde, denn der Niedergang der Konservativen Partei war zugleich der Sturz ihrer adeligen Führer.

Ich erlebte es zwar nach vielen Jahren, daß einige der christlichsozialen Wortführer von damals im Alter zu Gedankengängen heimfanden, die sie in ihrer Jugend bekämpft hatten. Doch das geschah zu spät! Würde man heute die Grundsätze der im Geist alter Ritterlichkeit geleiteten Konservativen Partei zergliedern, fände man Weitergeltendes, Zeitgemäßes; einiges, das man ihr seinerzeit zum Vorwurf machte, könnte man geradezu als ihren Ehrenschild betrachten: Freiheit von nationalen und rassischen Vorurteilen, Achtung vor Autorität, Eintreten für ein aus eigenständigen Gliedern gebildetes Vaterland - alles Vorbedingungen zum Lösen des großen Problems unserer Zeit, dem Aufbau eines geeinten Europas! Aber was gilt Vernunft im politischen Machtkampf? Was helfen Hinweise auf verdienstvoll Geleistetes? Mehr Zugkraft hat stets derjenige, der alles verspricht, was den Wählern genehm ist!

Von Wahl zu Wahl schrumpfte die Zahl der Getreuen zusammen. Denn auf Dankbarkeit ist in der Politik nicht zu rechnen! Man kennt das alte Sprichwort:

Des Landtags Inbegriff faßt sich in diesen Reim: 
Kommt und bewilligt Geld und schert euch wieder heim!

Als am Ende des Ersten Weltkrieges die monarchische Staatsform ohne Volksabstimmung durch Überrumpelung fiel, waren die grundsatztreuen Stützen der Konservativen Partei längst schon ausgeschaltet. Dazu kam die Besetzung Südtirols durch italienische Truppen. So waren die Stimmen derjenigen zum Schweigen gebracht, die sich nicht widerspruchslos in die neue Ordnung gefügt hätten.

Mit dem Sturz des Kaiserstaates im November 1918 fand auch die Vertretung des adeligen Großgrundbesitzers ihr Ende.

Als Südtirol dem italienischen Staate einverleibt war, stellten Südtiroler Edelleute im römischen Parlament als unerschrockene Vertreter ihrer Landsleute ihren Mann. In schicksalsschweren Zeiten bewährten sich Friedrich Graf von TOGGENBURG (1866-1956), dem die wertvolle Erfahrung als gewesener Statthalter von Tirol und österreichischer Innenminister zu Gebote stand, dann der kunstsinnige Rechtsanwalt Dr. Wilhelm von WALTHER zu Herbstenburg (1870-1958) aus Bozen, Dr. Paul Freiherr von STERNBACH aus Bruneck (1869-1946) bis die Gewaltherrschaft Mussolinis ihre Stimme erstickte. Baron Sternbachs mannhafte Haltung trug ihm Verbannung und manche Bedrängnis ein.

HOCHENEGG, Hans - "Der Adel im Leben Tirols - Eine soziologische Studie", in Studien zur Rechts-, Wirtschafts- und Kulturgeschichte Bd. VIII, Innsbruck 1972.

 

10. Waffendienst fürs Vaterland

Noch war nicht davon gesprochen worden, daß es zu den Pflichten, ja zum Wesen des Adeligen gehörte, dem Fürsten und damit dem Vaterlande mit dem Einsatz seiner ganzen Persönlichkeit zu dienen. Deswegen genoß der Adel manche Privilegien; er wurde mit Gütern bedacht, damit man sich im Ernstfall auf ihn verlassen konnte.

Der Adelige mußte jederzeit zum Ausrücken in den Kriegsdienst bereit sein. Im Tiroler Landlibell von 1511 war die Leistung jedes Wehrpflichtigen genau festgesetzt [1]. Je nach der Größe ihres Besitzes hatten die Grundherrn eine bestimmte Anzahl von Knechten und Pferden mitzubringen. Auch in den übrigen österreichischen Ländern gälten Zuzugsordungen mit einem genauen Verzeichnis der zu erbringenden Leistungen. In meiner Sammlung kaiserlicher Erlässe befindet sich eine gedruckte, noch unausgefüllte Aufforderung zum Stellen einer "Hilff zu Roß und Mann" für den bevorstehenden Türkenkrieg nach dem vom Reichstag zu Regensburg festgesetzten Anschlag, erlassen zu Wien am 23.12.1536. Der 40:53 cm an Höhe und Breite messende Einblattdruck begründet in 41 Zeilen die Notwendigkeit einer Beitragsleistung mit den gewaltigen Rüstungen des trükischen Kaisers; man müsse alle Kräfte anspannen, um die gemeinsame Christenheit, "sonnderlich die Teutsche Nation" vor Nachteilen zu bewahren. An achtzehn im Text des Formulars freigelassenen Stellen ist Raum vorhanden zum Eintrg der jeweils passenden Anrede und des Umfanges der in jedem einzelnen Fall geforderten Leistung.

Tatsächlich kam es zum Krieg. Der k.k. Feldhauptmann Ludwig Graf LODRON [2] führte dem kaiserlichen Heere drei Fähnlein mit tirolischem Kriegsvolk zu. Er stand gemeinsam mit einem Kärntner Aufgebot im Herbst 1537 in Slowenien unter dem Oberbefehl des Kärntners Hans KATZIANER. Der erwartete Nachschub war ausgeblieben. Sie litten Mangel!

Im Oktober jenes Jahres sahen sie sich in der Nähe von Esseg plötzlich vielfach überlegenen feindlichen Kräften gegenüber! Die Lage war hoffnungslos. Angesichts des sonst sicheren Todes entfloh der pflichtvergessene Feldherr mit dem Großteil aller Berittenen. Graf Lodron aber harrte aus und übernahm den Oberbefehl über das zurückgebliebene Fußvolk. Er suchte durch eine Ansprache beruhigend zu wirken. Doch einer der Männer rief ihm zu: "Du hast leicht reden! Du hast ja sechs Füße!" - er meinte ihn und sein Pferd, mit dem er immer noch davonreiten konnte. Daraufhin durchschlug der Graf seinem Pferd die Füße mit den Worten: "JETZT HABE ICH NICHTS MEHR VORAUS! JETZT SIND WIR EINANDER GLEICH!" Und Ludwig Graf Lodron kämpfte zu Fuß bis er schwer getroffen sterbend zu Boden stürtzte, und mit dem Rest seiner Truppe in die Hände der Türken fiel.

Obwohl die Landeskinder in erster Linie zur Verteidigung der eigenen Heimat herangezogen wurden, leisteten Tiroler an allen Fronten dem Kaiser wie dem bedrohten Christentum treue Dienste. Berühmte Feldhauptleute waren in der Maximilianszeit die beiden Leonhard von VÖLS, Vater und Sohn. Tirolischer Abstammung waren die berühmten Landsknechtführer Georg und Kaspar von FREUNDSBERG. Großes Ansehen errang sich der tapfere Michael von WOLKENSTEIN (gestorben 1523). Er hatte anno 1488 den zu Brügge von Aufständischen gefangen gehaltenen König Maximilian befreit.

Ein berühmter Kriegsheld war der "Brandisser", Sigmund von BRANDIS, der im Jahr 1529 zu den Verteidigern Wiens gehörte und im Jahr 1532 ein Regiment gegen die Türken anführte und ihnen blutige Niederlagen beigebracht hat [2a]. Andreas von Brandis kämpfte (1525), er zeichnete sich im Schmalkalidischen Krieg (1546-1547) und besonders beim Zurückerobern der tirolischen Grenzfeste Ehrenberg rühmlich aus und half später als Oberst des deutschen Kriegsvolkes, die Grenzen Siebenbürgens gegen den Halbmond zu verteidigen.

Ähnlich bewegt verlief auch das Leben des Eitlhans von STACHELBURG (1584-1655). In noch erhaltenen Briefen berichtet er, er habe sein Studium in Pisa durch "einen kleinen Kreuzzug gegen die Ungläubigen" unterbrochen, nur "um der Ehre willen". Er schloß sich einer nach Algier zum Kampf gegen die Seeräuberstaaten Nordafrikas abgehenden Heeresgruppe an. Er nahm Anteil an einem harten Kampf, in dem die Stadt Bone eingenommen wurde. Dabei traf ihn ein Schuß in der Herzgegend. Nur der schwere Brustharnisch, dem ein tiefes Mal eingedrückt wurde, rettete ihn vor dem Tode. Im Dreißigjährigen Krieg brachte er es zum Kriegsrat und Obrist-Feldzeugmeister in Tirol unter den Erzherzogen Leopold und Ferdinand Karl [3].

Die mittlerweile zu Grafen erhobenen Stachelburger stellten auch in späteren Kriegen ihren Mann. Im Jahre des "bayrischen Rummels", 1703, schrieb Feldzeugmeister Graf HEISTER dem Karl Josef Anton und dem Philipp Jakob Grafen STACHELBURG das Zeugnis, daß sie "als Ihro Kaiserlichen Majestät getreue Vasallen die Waffen ergriffen und mit Tapferkeit auf dem Brenner die Bayern abzutreiben geholfen, auch bei den welschen Confinen sich gegen die Franzosen als Volontairs auf Posten gestellt und in allen Vorfallenheiten mit Wachten und Scharmuzieren dem Feind möglichsten Abbruch zuzufügen gesucht haben". [4]

Bei jenem bayrisch-französischen Einfall im Jahre 1703 zog Franz Adam Graf BRANDIS an der Spitze einer Meraner Schützenkompanie zum Brenner. Als dort der bayrische Kurfürst Max Emanuel zurückgeworfen war, wandte er sich nach Süden gegen die Franzosen. Er nahm teil an den Kämpfen bei Trient bis auch Marschall Vendomme zum Verlassen des Landes gezwungen war [4a].

Zu den erfolgreichsten Führern der Volkserhebung in Nordtirol gehörte der Pfleger zu Laudeck bei Ladis im obersten Inntal Martin von STERZINGER zu Sigmundsried und zum Thurn in der Breiten (1664-1721); er vernichtete die vordringenden Bayern und Franzosen am 1. Juli bei Pontlatz, während in Südtirol Josef Anton von CAZAN zu Griesfeld am 27. Juni die am Brenner stehenden Franzosen vertrieb, dann die Bozner Stadt- und Landmiliz organisierte und am 27. August die Feinde beim Dorfe Ranzo durch einen kühnen Nachtangriff so gründlich überrumpelte, daß sie in der Folge zur Preisgabe von Trient gezwungen waren. Ende September stand kein Feind mehr auf Tiroler Boden [5].

Josef Anton von Cazan verfaßte auch eine Denkschrift: "Patriotische Gedanken wie die Grafschaft Tirol durch dero eigene Landsassen sich gegen ihre Feinde erhalten möge", Birxen 1734. Sie zeugt von seltenem Freimut und staunenswerter Sachkenntnis. Ganz modern mutet der Vorschlag an, statt der bunten Trachten, die sich im Kriege nicht bewähren, einheitliche Felduniformen einzuführen!

Die Familiengeschichte der Freiherrn von KRIPP [6] gibt Einblick über die Kriegsteilnehmer und Kriegsopfer aus einem einzigen Tiroler Geschlecht: Ein Clemens KRIPP nahm im Jahre 1423 Anteil an der Belagerung der Brug Starkenberg bei Imst. Die Frau eines Kripp geriet 1431 beim Fall der Veste Fürstenberg in gegnerische Gefangenschaft. Ein zweiter Clemens KRIPP fiel 1508 in Pieve di Cadore im Kampf mit den Venezianern, ein Sohn des Wolfgang KRIPP um 1570 im Türkenkrieg. Ein bunt bewegtes Landsknechtleben führte Hans Wolf von KRIPP zu Freudeneck, geboren 1523, gestorben nach 1583. Zuerst schloß er sich dem in Frankreich kämpfenden Regiment des Grafen Johann von LODRON an. Nach dessen Auflösung zog er nach Konstantinopel. Dann nahm er Anteil am Schmalkaldner Krieg in Mitteldeutschland. Später beteiligte er sich an Feldzügen in Italien und anderen Ländern; er stand in savoyischen, englischen und spanischen Diensten, er kämpfte in Tunis, er stand in Malta in den Reihen der Ritter des Johanniterordens, er war auch dabei in der berühmten Seeschlacht von Lepanto, dem glänzenden Seesieg über die Kräfte des Halbmondes im Jahre 1571.

Auch Christoph von KRIPP (1547-1603) kämpfte in der siegreichen "großen Armada", dann 1573 unter Graf Albrecht von LODRON in Tunis, 1575 bei Genua, dann bis 1581 in Portugal, anschließend daran in den Niederlanden. Ferdinand Franz von KRIPP zu Prunberg (1661-1686) zeichnete sich aus bei der Verteidigung von Wien im Jahre 1683. Er fiel am 2. September 1686 bei der Erstürmung von Ofen. Franz Anton von KRIPP (1759-1811) kämpfte als Berufsoffizier gegen die Türken und gegen Napoleon, bis er schwer leidend gezwungen war, im Jahre 1801 in den Ruhestand zu treten. Michael von KRIPP (1790-1852) war als junger Bursch Teilnehmer am Tiroler Freiheitskampf von 1809, seine Söhne Johann Nepomuk (1821-1882) und Anton (1823-1900) standen im Jahre 1848 mit den Tiroler Schützen an der bedrohten Südgrenze des Landes.

Im Ersten Weltkrieg kämpfte Paul Freiherr von KRIPP, geb. 1893, im 1. Regiment der Tiroler Kaiserjäger an der russischen Front bis zu seiner schweren Verwundung beim Durchbruch von Gorlice im Mai 1915, während sein jüngerer Bruder Joseph, der spätere Botschafter beim Vatikan, an der italienischen Front stand bis zu seiner Gefangennahme am vielumstrittenen Pasubio.

Der Tiroler Adel hat in allen Kriegen schwere Opfer gebracht [7]. Das Aussterben so vieler Adelsfamilien geht teils auf die zahlreichen Eintritte in den geistlichen Stand, teils auf Kriegsverluste zurück. Das Wort: "GUT UND BLUT FÜR UNSEREN KAISER, GUT UND BLUT FÜRS VATERLAND!" war ihm keine unverbindliche Redensart!

Als Kaiser FRANZ II. am 10. Oktober 1805 wegen der drohenden Feindgefahr eine neue Landsturmordnung für Tirol erließ [8], setzte er voraus, "daß unsere Geistlichkeit durch Ermahnung, unser Adel durch Eifer und ritterliches Beispiel, unsere sämtlichen Obrigkeiten durch Tätigkeit, und unser gesamtes Tyrolervolk durch Bereitwilligkeit diese unsere väterliche Ansicht unterstützen werden".

Das kaiserliche Vertrauen auf den Eifer und das ritterliche Beispiel des Adels wurde nicht enttäuscht. Im wiederholt zitierten "Tiroler Ehrenkranz" sind aus der Zeit der Napoleonischen Kriege nur zwei Landesverteidiger aus den Reihen des heimischen Adels gewürdigt: Philipp von WÖRNDLE (1755-1818), der siegreiche Schützenkommandant im Jahre 1797, und der Theresienritter Philip von FENNER (1559-1824), der bewährte General und Gründer des Regiments der Tiroler Kaiserjäger [9]. Zahlreiche andere Namen wären noch zu nennen gewesen, so der tapfere Oberst Karl Baron CALL zu Rosenburg aus Eppan (1777-1848), der sich gleich dem Oberleutnant Eduard Freiherr von STERNBACH in der Schlacht bei Leipzig den Maria-Theresien-Orden holte [10]. Der auf hundert Personen aus allen Bereichen des Lebens festgesetzte Rahmen des Buches setzte dem Herausgeber leider zu enge Grenzen. Viele verdiente Männer blieben daher unberücksichtigt; ich weise darauf hin, daß der oberen Kapelle des Sandhofs im Passeyr die Wappen von 80 adeligen Tirolern an deren Einsatz im Kampf von 1809 erinnern, darunter 36 als Schützenhauptleute!

Über den Anteil des Tiroler Adels an der Erhebung im Jahre 1809 schrieb Hans Graf TRAPP im Jahrburch der Veinigung katholischer Edelleute in Österreich, Wien 1929. Nach ihm berichtete Rudolf von GRANICHSTAEDTEN in seinem Buch "Andreas Hofers alte Garde, Innsbruck 1932", über Leistungen und Schicksale adeliger Kriegsteilnehmer. Genauer zergliederte Franz HUTER den Anteil des Adels an der Volkserhebung [11]. Er weist darauf hin, daß sich in der auf etwa 620.000 Personen geschätzten Bevölkerung Deutschtirols etwa 4.000 Priester, ungefähr zwei Drittel eines Prozents, und 3.100 adelige Personen, ungefähr ein halbes Prozent der Bevölkerungszahl befunden haben. Aber die Zahl der unabhängigen wohlhabenden Grundbesitzer war nicht groß und die vielen bis zum bescheidenen Kanzlisten im Staatsdienst stehenden Mitglieder des niederen Adels hatten aus Sorge um ihre Existenz gebundene Hände. So gab es manche offene Stellungnahme für die bayrische Regierung; diejenigen, die sich trotzdem dem österreichischen Intendanten Josef von HORMAYR und dem Bauernregiment Andreas HOFER's zur Verfügung stellten und ihre Bindung an das Haus Österreich offen bekannten, brauchten daher besonders Mut!

Besonder hervorgetan haben sich unter anderen die Grafen Josef MOHR und Josef HENDL im Gefecht, im Hintergrund die Grafen Ignaz TANNENBERG (der "blinde Tannenberg", den die Bayern trotzdem als gefährlichen Gegner außer Landes verschleppten), Alois SARNTHEIN, der in bayrischer Haft starb, die Freiherrn Johann Nepomuk von SCHNEEBURG, sowie Vater und Sohn Josef GIOVANELLI. Beide, der Ältere wie der Jüngere, bürgten in der Kriegszeit 1795-1801 und 1809 mit ihrem ganzen Privatvermögen für die Kosten des Aufgebots [12]. Der Landrichter von Steinach, Johann Anton von SCHULLERN zu Schrattenhofen (1762-1815), ergriff 1809 öffentlich Partei für Österreich und wurde infolge dessen vom königlich bayrischen Militär im Landgerichtsgebäude zu Sterzing schwer mißhandelt, so dass er nie wieder die volle Gesundheit erlangen konnte, ausgeraubt und geplündert. Gleichfalls brachte die feurige Patriotin Therese Baronin STERNBACH, geb. OBERHOLZER (1775-1829) schwere finanzielle und noch empfindlichere Opfer; sie mußte es mit monatelanger schwerer Haft und Todesdrohungen büßen, als in ihrem Schloß zu Mühlau ein geheimes Waffenlager entdeckt wurde [13]. Auch Professor HUTER gedenkt dieser tapferen Frau. Er setzt mit Recht hinzu: "Im übrigen ist die Tatsache, daß gerade Angehörige des Adels zum abschrekenden Beispiel gemaßregelt wurde, ein Ruhmeszeugnis für den ersten weltlichen Stand Tirols". [14]

Am 25. Mai 1809 fiel im Gelände westlich von Bergisel Johann Graf STACHELBURG, geboren 1778, der letzte seines Stammes [15]. Freiwillig war er mit der Meraner Schützenkompanie als Gemeiner in Feld gezogen, aber - so heißt es im amtlichen Bericht über seinen Tod: "von der gesamten Mannschaft wegen seines erprobten Mutes und seiner Geschicklichkeit einstimmig zum Oberleutnant gewählt, war er in Abwesenheit des Hauptmanns ersucht worden, die Kompanie zu kommandieren." Er habe sie mit Entschlossenheit gegen den Feind geführt. Nach längerem Kampf habe er, durch eine feindliche Kartätschenkugel getroffen, sein kostbares Leben dem Wohle des Vaterlandes und für seinen geliebten Kaiser rühmlichst aufgeopfert.

Professor HUTER schreibt am Ende seines Rückblicks die zutreffenden Worte [16]:

Trotz der Zurückhaltung des Großteils der adeligen Familien wird man im Hinblick auf die vielen adeligen Namen, die aus dem großen Geschehen des Jahres 1809 hervorleuchten, den Anteil des Adels nicht unterschätzen dürfen. Gewiß, die Erhebung war eine bäuerliche und Heldentum und Opfer fallen in erdrückendem Maße dem Tiroler Bauernvolk zu. Aber ein Teil des Adels schloß sich der bäuerlichen Bewegung an und einzelne vom Adel haben wie die Bauern, Freiheit und Gut auf dem Altar Tirols und Österreichs, ja, wenn man das Jahr 1809 als Vorbereitung zum europäischen Freiheitskampf von 1813/15 betrachtet, auch Europas zum Opfer gebracht.

Auch in den Feldzügen um die Mitte des vorigen Jahrhunderts wetteiferten Volk und Adel miteinander an Opfermut. Im Jahre 1848 zog Johann von MÖRL [17] mit der von ihm auf eigene Kosten ausgerüsteten Sonnenburger Schützenkompanie an die italienische Front. Das sei nur ein einziges Beispiel aus vielen!

Auch dem Kriegsjahr 1859 sei nur der starken Teilnahme junger Adeliger an der Landesverteidigung gedacht. Hanns von INAMA veröffentlichte in der "Tiroler Heimat" [18] die "Standliste der freiwilligen Studenten-Standschützen-Companie" unter Hauptmann Lorenz HUPFAUF. Unter den 198 Mann finden wir die Namen Anton von BAUMGARTEN, Ludwig von BARTH, Ernst von RICCABONA, Fritz von EBNER, Benedikt und Hugo Graf ENZENBERG, Karl von GRAVENEGG, Albert von HÖRMANN, Benedikt von KLEBELSBERG, Paul von MAYRL, Josef Baron ODELGA, Johann von RATZ, Karl von RÖGGLA, Heinrich von SOELL, Anton Baron SPIEGELFELD, Leopold Graf SAURMA (ein Norddeutscher), Karl von SCHINDLER, Anton von SCHULLERN, Josef von TRENTINAGLIA, Johann von WALLENHOFF (aus dem Küstenland), Anton von WILLBURGER, Ferdinand von WOCHER, Josef von WÖRTZ, Eduard von AN DER LAN, Gustav von ADAM, Franz von ERLACH. Feldkurat war der mit Begeisterung österreichisch gesinnte Jesuitenpater Max von KLINKOWSTRÖM, geboren 1819 in Wien als Sohn eines teilweise zum katholischen Glauben übergetretenen pommerischen Gutsherrngeschlechtes, gestorben 1896 in Kalksburg. Ebensowenig wie dieser freiwillig mitziehende Feldkaplan waren die Teilnehmer sämtlich Landeskinder, doch alle einte die Liebe zu Tirol und seinem Landesherrn.

Die am 21. Juni 1859 ausgerückte Kompanie kam wegen des raschen Waffenstillstandes und Friedensschlusses nicht mehr ins Gefecht; sie rückte nach manchen überstandenen Witterungsunbilden am 26. Juli wieder in Innsbruck ein. Anton von SCHULLERN der selbst in der Funktion eines Leutnant dabei gewesen war, schrieb folgendes Gedicht: "An die heimkehrende akademische Legion" [19].

... Des Siegeslorbeeres üppig Grün
Versagte Euch das Glück,
Dafür kehrt alle - welch Gewinn!
Gesund Ihr heut zurück ...

... Daß Großes, Edles, Ihr gewollt,
Voll Dank die Heimat spricht,
Sie weiß: Gold bleibt doch immer Gold,
Kommts auch ins Feuer nicht!

Innsbruck, am 26. Juli 1859. Sch(ullern).

Von Ruhmestaten in Kriegen, von Entbehrungen und Leiden in Feldzügen ist allerdings viel öfters zu lesen, als von den stillen Opfern, die manchen Heeresangehörigen in Friedenszeiten auferlegt waren.

Der Adel stellte die meisten aktiven Offiziere für das k.u.k. Heer und die k.u.k. Kriegsmarine. Man widmete dem Vaterlande aus Familienüberlieferung seine Kräfte und erhielt dafür eine lächerlich geringe Besoldung. Der Offizier sollte standesgemäß auftreten, immer in tadelloser Uniform erscheinen, nur in besten Gaststätten verkehren, sich Damen gegenüber mit teuren Bouquets als Kavalier zeigen und auch die kleinsten Dienste untergeordneter Personen mit reichen Trinkgeldern belohnen, auch wenn er es sich vom Mund absparen mußte - bei einem winzigen Gehalt, man sagte "Gage"!

Man nannte den Offiziersberuf mit Recht "das glänzende Elend". Ich kann dieses Elend beleuchten! Der anschließende Auszug eines in meiner Hand befindlichen Briefes zeigt, wie es in der Kasse eines jungen Offiziers ausgesehen hat. Der nach dem Ende des ungarischen Feldzugs in die Hauptstadt Galiziens verlegte Ulanenleutnant Eduard von INGRAM aus Innsbruck (1829-1903) schreibt an seine Schwester Marie (später verehelichte von FINETTI, meine Großmutter) [20].

Lemberg, den 21 October 1849.

Theuerste Schwester!

Nie fühlte ich mehr Liebe zu meinen Geschwistern wie jetzt. Als ich in Ungarn dem größten Kanonendonner ausgesetzt war und glühende Kugeln die Seelen meiner Nebenleuthe zur Rechten und Linken in die Ewigkeit hinüberschafften, bethete ich: Allmächtiger laß mich noch erleben von meinen Geschwister und Eltern auf dieser Erde Addieu zu sagen, dann will ich gerne sterben! ... Das gräßliche Gefühl Euch nicht wieder zu sehen, ergiff mich während der großen Schlacht bei Comorn, Szegedin ... Eben deswegen möchte ich Euch heimsuchen, aber leider von hier aus ist es nicht möglich, 1tens wegen der schlechten Jahreszeit, 2tens wegen der großen Strecke, 3tens wegen des allzugroßen Mangels an Geld! ... Mir geht es außer meiner Gesundheit recht schlecht. Pohlen (!) ist ein misserables Nest. Ich mußte mir alles kaufen, Strohsack, Polster, Leintücher. Auch wenn man bei einem Grafen oder Fürsten Quartier beziehen will, bekommt man bloß die 4 kahlen Wände. Erfährt der Jude, daß man Quartier sucht, so biethet er sich an, die Möbel hineinzustellen. So zahlt man für eine ganz leere Bettstatt, 2 lumpige Sessel, einen krummen Tisch, einen zerschlagenen Spiegel und zerbrochenen Kasten fürs Monat 6 Gulden. Man muß ihm diesen Betrag vorhinein zahlen ... Ich habe 2 Zimmer gemiethet ganz neben der Caserne, eines für mich, das andere für meine 2 Burschen und zahle 8 Gulden, ... Dann ist in dieser edlen Stadt eine außerodentlich schlechte Kost und zahle auch 10 Gulden. Dann das Monatsgeld für meine Reitknechte, 10 Gulden. Jetzt hab erst ich noch nichts! Daher von 32 Gulden Gage, die ich bekomme, muß ich noch ganze 6 Gulden aufzahlen. Ich habe noch keine Montour, kein Theater, keine andere Unterhaltung, kurzum gar nichts! ...

Er schildert weiter seine Verlegenheit, weil der von daheim erwartete Zuschuß wegen seines wechselnden Aufenthaltes oder aus anderen Gründen seit zwei Monaten ausgeblieben war, und bittet seine Schwester um Vermittlung. Er wußte warum! Denn sein Vater, der Kaiserjägerhauptmann, war nicht gut auf ihn zu sprechen; er hätte ihn lieber in der eigenen Truppe gesehen als bei der Kavallerie! Dafür war die Schwester Marie, meine Großmutter, jederzeit bereit, ihm außertourlich zu helfen. Sie erzählte mir in meiner Kindheit öfters, wie viel sie sich manchesmal versagen mußte, um den Bruder zu unterstützen, wenn er um Aushilfe bat, zum Beispiel, wenn er zum Kauf eines neuen Reitpferdes größere Beträge benötigte.

Im Krieg von 1866 zeichnete sich Eduard von INGRAM rühmlich aus. Später trat er als Major in den Ruhestand. Im gleichen Feldzug verlor er seinen Schwager, den Gemahl seiner Schwester Anna, den k.u.k. Hauptmann Rudolf von UNKELHÄUSER zu Abenst. Dieser erlag am 14. Juli 1866 im Feldspital zu Horenovec den bei Königgrätz erlittenen Wunden.

Rudolf von Unkelhäuser entstammte einer Kärntner Offiziersfamilie. Sein Vater, der Oberstleutnant Johann von UNKELHÄUSER, war ein alter Freund und Kriegskamerad des Landesverteidigungskommandanten von Tirol, Feldmarschalleutnant Heinrich Freiherrn von ROSSBACH (1790-1867) [21]. Rudolfs Vater hatte seinerzeit dem um Kaiser und Reich hochverdienten General mitgeteilt, daß der Sohn in den Militärdienst getreten sei und ihn seinem Schutz empfohlen. Ich setze die Antwort des "Vaters Roßbach" herein. Sie ist ein Denkmal ritterlicher Gesinnung und umreißt in wenigen Worten die ideale Seite des Offiziersberufes [22]:

... Der erste Schritt des zukünftigen Geschickes Deines ältesten Sohnes ist nun entschieden. Es wird seine Sache sein, daß er zu seinem Frommen und dadurch zu Deiner Ruhe und Befriedigung ausfällt. MORALITÄT, DIENSTEIFER und, wenn es gilt, die TAPFERKEIT seines Vaters, sind die Mittel dazu. Der feste Vorsatz, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten, darf ihn nie verlassen.

Er und ich haben unsere Laufbahn zugleich begonnen und sind ohne Protektion ehrenhaft auf derselben fortgewandelt und haben Anerkennung gefunden, und wenn Rudolf so wandelt, wird er seinerzeit die nächste Anerkennung bei mir finden. Hat er diese einmal errungen, so wird ihm Gott und sein bis dahin geläutertes Ehrgefühl weiterhelfen, wenn auch ich nicht mehr bin. Das will ich bedeutungsvoll als sein Freund zu ihm gesprochen haben. DENN NUR IN ERFÜLLUNG DIESER LEHREN KANN UND WERDE ICH IHM NÜTZLICH SEIN. Stets entschlossen nach diesen Grundsätzen meine Rechte zu handhaben, so geneigt ich zeitlebens war, meinen Untergebenen Gutes zu tun und zu helfen, so UNERBITTERLICH war ich stehts gegen Unwürdige. So werde ich es auch in den letzten Monaten meiner militärischen Dienstzeit halten: stets GERECHT zu bleiben.

Roßbach, FML

Geschrieben zu Bregenz, 15. Juli 1850

Der junge Offizier, dem jene Ermahnungen galten, hatte sich treu daran gehalten. Er war allseits geschätzt und beliebt; sein Heldentod erweckte allgemeines Beileid. Zur Erinnerung an Rudolf von Unkelhäuser wurden am Amraser Tummelplatz vom Kriegsschauplatz übersandte blutbespritzte Uniformstücke beigesetzt. Der greise General ließ dem Dahingeschiedenen den dort heute noch stehenden Denkstein setzen: eine marmorne Urne mit der Jahreszahl 1866.

Ich wende mich wieder den materiellen Sorgen der österreichischen Offiziere zu.

In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg hatte der Fähnirch 75 Kronen im Monat, der Leutnant 100 und der Oberleutnant 140 Kronen monatlich. Das "glänzende Elend" bestand noch immer!

Wer eigenes Vermögen hatte oder von daheim eine regelmäßige Zulage bekam, konnte sich ohne finanzielle Sorgen dem Offiziersberuf widmen. Söhne von wohlhabenden Großgrundbesitzern dienten mit eigenen Reitpferden bei der Kavallerie, mittelmäßig Begüterte bei der Fußtruppe. Mittellose, dazu zählten zahlreiche Adelige, die seit der Grundentlastung oder dem Bankkrach von 1873 verarmt waren, konnten sich kaum halten. Sie mußten sich in Bergfestugen an der Reichsgrenze oder in abgelegene galizische Garnisonen versetzen lassen, um vor allzugroßen Geldausgaben eher bewahrt zu sein. In der Einsamkeit aber bestand die Gefahr zu versumpfen!

Wollte ein Offizier heiraten, mußte eine Kaution in mündelsicheren Papieren hinterlegt werden, um durch die Zinsen ein standesgemäßes Leben zu sichern. Sie betrug im Durchschnitt 20.000 Kronen. Manches Ehevorhaben scheiterte, wenn jene Bedingung nicht erfüllt werden konnte [23]. Die Annahme zweitrangiger Kanzleidienste bei einem k.k. Ergänzungsbezirkskommando wäre der einzige Ausweg gewesen, aber ein Schreiberberuf war nicht nach jedermanns Geschmack. Doch wehe dem Offizier, der in Schulden verstrickt war: Höchstens eine Geldheirat, bei der das Herz nicht mitsprach, konnte ihn retten! Eine disziplinäre Entlassung aus dem Offziersstand brachte gesellschaftliche Ächtung mit sich; der "quittierte" Offizier durfte sich nirgends mehr sehen lassen und war zum Auswandern gezwungen.

Knapp vor dem Ersten Weltkrieg wurde öfters über die notwendigkeit Erhöhung der Offiziersgage gesprochen. Gerade aus jenen Kreisen, denen man helften wollte, ist mir eine bezeichnende Äußerung im Gedächtnis geblieben. Ein Adeliger nannte den Grund, warum er eine höhere Besoldung ablehne, denn "WIR OFFIZIERE SIND KEINE ERWERBSGENOSSENSCHAFT!".

Diese Gesinnung sprach seinerzeit aus der Landtagesrede des Freiherrn Ignaz von GIOVANELLI über die mit dem Ausüben des Landtagsmandates verbundenen Kosten! Genauso ist ausgedrückt: Wir leiten Ehrendienste, die von uns Opfer verlangen. Wir wollen uns nicht nachsagen lassen, daß wir uns weigern, jene Opfer auch weiterhin zu bringen!
Solcher Geist lebte im altösterreichischen Offizierskorps, ein Rittertum, würdig ehrenvoller Vorbilder aus versunkener Zeit!
Ich griff auf solche Erinnerungen zurück, um darauf hinzuweisen, wie sehr eine hingebende Vaterlandsliebe auch in unserem Jahrhundert lebendig war und besonders im Adel gepflegt wurde. In gleicher Linie liegt es, daß im Ersten Weltkrieg das Aufgebot der Standschützen von den "Herrn und Landmännern in Tirol" Landesoberschützenmeister Gotthard Freiherrn von AN DER LAN (1872-1934), in jener Würde Nachfolger seines Vater, Sektionschef Eduard von AN DER LAN (1839-1912), Oberleutnant Arthur Grafen WOLKENSTEIN und Anton von MÖRL als Adjutanten vorbereitet wurden [24]. Ohne deren Volksverbundenheit und Überzeugungskraft wäre das Werk gewiß nicht gelungen!

Zur Zeit der italienischen Kriegserklärung im Mai 1915 standen die aktiven Regimenter des österreichischen Heeres im Kampf an der russischen Front, doch 40.000 Standschützen, die sonst teils wegen zu geringen, teils zu hohen Alters militärfrei geblieben wären, besetzten sogleich die bedrohten Landesgrenzen und hielten den ersten Ansturm des Feindes auf. Auch der Adel brachte schwere Blutopfer bei der Verteidigung Tirols.

HOCHENEGG, Hans - "Der Adel im Leben Tirols - Eine soziologische Studie", in Studien zur Rechts-, Wirtschafts- und Kulturgeschichte Bd. VIII, Innsbruck 1972.

 

11. Schlußwort

Es war versucht worden auf die Bedeutung des Adels in der Volksgemeinschaft hinzuweisen. "Volksgemeinschaft ist allerdings keine gleichgeschaltete Menschenmasse, sondern eine Einheit, gebildet durch das Zusammenwirken verschiedener, sich gegenseitig ergänzender Stände!

Politisch gefärbte Geschichtsschreibung hat das Bild des adeligen Großgrundbesitzers, des "Krautjunkers", verzerrt und auch den Adel im allgemeinen verlästert.

Gewiß hat es zu allen Zeiten und überall gute und schlechte Wirtschafter, warmfühlende Freunde und Verächter des einfachen Volkes gegeben. Über Mißstände ist schon mehr als genug geschrieben worden - lassen wir auch die guten Seiten gelten!

Ich habe Beispiele adeliger Gesinnung, ritterlichen Verhaltens in den verschiedensten Verhältnissen, in Krieg und Frieden geschildert. Die Palette glänzt in bunten Farben; ich käme noch lang nicht zu Ende! Jene Geisteshaltung, auf die ich hingewiesen habe, war sicherlich nicht ohne Einfluß auf den idealistischen Zug, der aus Tirols Landesgeschichte immer wieder herausleuchtet!

Die patriarchalischen Lebensumstände der Großväterzeit sind zwar vorbei, der Adel selbst ist durch die nivellierende Welle der Zeitströmung um jeden Einfluß gekommen, immer aber wird man der Leute bedürfen, denen das Gemeinwohl wichtiger ist als eigener Gewinn!

Größe und Gesinnung ist nicht Eigenschaft einer bestimmten Kaste; häufiger wird man sie jedoch in Kreisen finden, die sich ihrer Überlieferung bewußt sind!

Wie hoch Menschen adeliger Prägung auch heute noch geschätzt sind, wurde u.a. ausgesprochen und bekräftigt, als am 9. Jänner 1971 in Brixen am Eisack ein Mann gestorben war, den "seine weltmännische Haltung, gediegene Geistesbildung und Verbundenheit mit der Heimat als Vetreter besten Tiroltums und als nimmermüden Verfechter der unvergänglichen Idee des Landes Tirol gekennzeichnet haben". Diese Worte galten dem dahingeschidenen Mitbegründer der Tiroler Volkspartei im Jahre 1945, dem am 28. August 1887 zu Brixen geborenen Dr. Otto von GUGGENBERG. "Durch seine altösterreichische Toleranz und Vornehmheit war er der richtige Mann, um bei schwierigen politischen Verhandlungen in Paris, Rom und Wien mit Fingerspitzengefühl und Takt die Ansprüche der Südtiroler auf ihr Lebensrecht geschickt und erfolgreich zur Geltung zu bringen." [1]

Auch in unserer republikanisch-demokratischen Zeit wird man stets Adelige unter unseren Auslandsvertretern finden, weil Sprachkenntnis, Umgangsformen, nicht zuletzt europäischer Geist gute Voraussetzungen für den Diplomatenberuf bilden. Ein allzufrüh verstorbener, von schweren Schicksalen gepeinigter Kämpfer gegen nationalsozialistische Gewaltherrschaft war Joserf Freiherr von FRANCKENSTEIN (1910-1963). In wichtiger Mission nach dem Mittleren Osten gesandt, verbrauchte er dort seine letzten Kräfte, um den Verlassenen und Bedrückten eine bessere Zukunft anzubahnen. In Heiligenkreuz, Gemeinde Hall in Tirol, aufgewachsen, hatte er in Amerika, zuletzt in Teheran für Völkerverständigung gewirkt. Von ihm sagt ein Nachruf: "Jede seiner Handlungen war Ausdruck der Überzeugung, daß unter allen Menschen ein weltweites Verstehen geschaffen werden müsse." Ein anderer rühmt an ihm: "Er ist es gewesen, der mir die Harmonie von Kunst und Gelehrsamkeit, von Leben und Kunst geoffenbart hat." [2]

Solcher Menschen wird man immer bedürfen! Adel der Gesinnung, verbunden mit innerer Stärke, wird niemals entbehrlich sein! Die im Adel gepflegte geistige Haltung darf nicht verloren gehn!

Früher wurde der Adel immer wieder durch eine Auslese aus dem Bauern- und Bürgertum verjüngt. Die dem Blute nach Edlen, die ihrem Herzen nach Edlen, müssen auch in kommender Zeit jene Kulturmission fortsetzen, die seinerzeit soviele Adelsherrn als Führer und Berater ihrer Mitbürger beseelt hat!

Auf keinen Fall darf behauptet werden, daß der Adel veraltete Gedanken verkörpert. Der Mensch geht zwar mit der Zeit, der andere stemmt sich dagegen, das ist allgemein menschlich. Doch zeigt auch der Adel seine ungebrochene Lebenskraft, wenn er zeitaufgeschlosse Männer und Frauen in die vordersten Reihen entsenden kann. Ich denke an die hochmoderene Studentenseelsorge des Jesuitenpaters Sigmund (Freiherr von) KRIPP, vor allem jedoch an die allseits anerkannte Leistung des Universitätsprofessors Dr. P. Emmerich (Grafen) CORETH SJ; als Rektor Magnificus stand er fest wie ein Fels in brandender Flut. Daß seine im Studienjahr 1969/70 bekleidete Funktion nicht nur mit den Stimmen des Lehrkörpers sondern auch mit denen der Studentenschaft auch für 1970/71 verlängert wurde, spricht für seine wissenschaftlichen und menschlichen Qualitäten!

Auf eines noch möchte ich hinweisen; wir lesen jetzt öfters Berichte über Vorträge gegen Kulturschäden und Umweltverschmutzung oder wir hören sie aus dem Mund des Innsbrucker Naturforschers und Universitätsprofessoren Hannes Freiherrn von AN DER LAN. Sein Vater war der Organisator des Standschützenaufgebotes im Ersten Weltkrieg, Gotthard Freiherr von An der Lan. Wir vernehmen zeitgemäße, freimütige Worte, würdig des Nachkommen eines im Boden verwurzelten Grundherrngeschlechtes. Aus alter Überlieferung liegen ihm Wohl und Wehe des ganzen Landes am Herzen!

Wenn einer aus dem Tiroler Adel als Wortführer auftritt gegen gefahrdrohende Zeiterscheinungen, entspricht es der Geisteshaltung einer Gemeinschaft von Edelleuten, denen das Erfüllen sozialer und kultureller Aufgaben nicht nur Ehrenpflicht, sondern auch Herzenssache ist.